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Nachricht der Woche 47

Mehr Wohlstand durch mehr Arbeit? Mehr Armutserfahrungen auch in Deutschland

Mehr Erwerbsarbeit bedeutet nicht automatisch mehr Wohlstand für alle. Auf diesen grundlegenden Sachverhalt hat kürzlich die „International Labour Organisation“ (ILO) hingewiesen. Dem „Weltarbeitsbericht“ der ILO zufolge sind seit den 90er Jahren durch die Globalisierung Millionen neuer Arbeitsplätze entstanden. Der Beschäftigungsstand weltweit übertraf  2007 den von 1990 um ein Drittel. Viele dieser Arbeitsplätze sind allerdings gering entlohnt. Zugleich hat sich in den meisten der von der ILO untersuchten Länder der Anteil der Löhne an den gesamten Einkommen verringert. Die Wohlstandsschere zwischen Arm und Reich hat sich in vielen Ländern weiter geöffnet (1).

Auch in Deutschland ist Erwerbstätigkeit keine Garantie für Teilhabe am Wohlstand. Zum einen sind die Entgelte der Arbeitnehmer insgesamt vor allem seit 2003 deutlich langsamer gewachsen als die Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Zum anderen hat die Lohnspreizung zugenommen: Deutlich mehr Vollzeitbeschäftigte als noch zu Beginn der 90er Jahre arbeiten heute im Niedrig-Lohn-Bereich. Nicht nur Arbeitslose, sondern auch (geringverdienende) Arbeitnehmer sind deshalb von relativer Einkommensarmut bedroht (2). Als einkommensarm gilt, wer über weniger als 50 Prozent des Medianeinkommens verdient. Im Jahr 2006 waren nach dieser Definition 13,9 Prozent der deutschen Bevölkerung arm. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung (36,4 Prozent) lebten im „Niedrigeinkommensbereich“, d. h. ihre Einkünfte blieben unterhalb der Schwelle von 75 Prozent des Medianeinkommens (3).

Die Grenzen zwischen „Armut“ und „Niedrigeinkommen“ sind  fließend: Wie der Datenreport 2008“ des Statistischen Bundesamts darstellt, hat im Bereich des prekären Wohlstands (50- bis 75 % des Medianeinkommens) „mehr als ein Drittel der Personen zumindest einmal innerhalb der zurückliegenden vier Jahre  unterhalb der Armutsgrenze gelebt“. Insgesamt habe in den letzten vier Jahren der Anteil der Personen mit „Armutserfahrungen“ zugenommen. „Armutserfahrungen“ machen zunehmend auch Arbeitnehmer mit einer qualifizierten Ausbildung: Wie der „Datenreport 2008“ des Statistischen Bundesamts feststellt, ist das Armutsrisiko unter Facharbeitern und einfachen Angestellten „zum Teil deutlich gestiegen“. Berufliche Qualifikationen verbessern natürlich die Chancen wieder in eine höhere Einkommensklasse aufzusteigen. Für viele ist die „Armut“ deshalb keine permanente, sondern eine vorübergehende Lebenslage. Dies bedeutet andererseits, dass viele Bezieher mittlerer Einkommen schon „kurzfristige Armutserfahrungen“ machen mussten(4).

Bezieher höherer Einkommen machen solche Erfahrungen dagegen noch seltener als früher. Ihre Einkommen entwickeln sich sehr viel günstiger. Insbesondere Spitzenverdiener konnten ihre Wohlstandsposition seit den 90er Jahren deutlich verbessern. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass der Anteil am gesamten Einkommen, über den die „oberen 20 Prozent“ der Bevölkerung verfügen, in dieser Zeit kontinuierlich gestiegen ist. Spiegelbildlich hierzu ist der Anteil der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung am Gesamteinkommen gesunken (5). Nicht die einzige, aber die Hauptursache dieser Entwicklung ist die zunehmende Ungleichheit der am Arbeitsmarkt erzielten Einkommen (6). Auch in Deutschland bedeutet Erwerbsarbeit eben nicht mehr zwangsläufig Teilhabe am Wohlstand.

 

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(1) Vgl.: Studie: Einkommen in der Welt wachsen sehr unterschiedlich, aus Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.10.2008, Seite 13.

(2) Vgl.: http://www.i-daf.org./89--woche-41-2008.html sowie:

http://www.i-daf.org/47--woche-21-2008.html

(3) Jan Goebel/Roland Habich/Peter Krause: Einkommen – Verteilung, Armut und Dynamik, S. 163-172, in: Statistisches Bundesamt/Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen/ Wissenschaftszentrum Berlin (Hrsg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008, S. 166.

(4) Vgl. ebd., S. 168-172.

(5) Vgl. ebd., S. 164.

(6) Seit dem Jahr 2005 wirken sich auch die Reformen der sozialen Sichersysteme aus: Die Einkommensungleichheit wird seitdem etwas weniger durch staatliche Maßnahmen verringert. Die staatliche Reduktion der Ungleichheit ist aber immer noch größer als in den 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre. Ebd., S. 164.

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