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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

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Nachricht der Woche 8 - 2009

Geburtenzahlen, Geburtenneigung – Auf das Timing kommt es an

Dass „in Deutschland „wieder mehr Kinder“ zur Welt kommen würden, war jüngst in der Presse zu lesen. Aus Berlin berichtete der „Tagesspiegel“ sogar von einem anhaltenden „Babyboom“, weil in den Geburtskliniken des Vivantes- Konzerns im vergangenen Jahr 273 Babys mehr als 2007 geboren wurden. Und Meldungen über eine angeblich steigende Geburtenneigung der Deutschen verwiesen auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 im gesamten Bundesgebiet etwa 3000 Kinder mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres geboren wurden (1). 2007 wurden insgesamt knapp 685.000 Kinder geboren. Verglichen mit dem Jahr 2006 war dies ein Anstieg um etwa 12.000 Geburten. Im Jahr 2006 war allerdings mit 673.000 die niedrigste Geburtenzahl seit 1946 zu verzeichnen gewesen. Noch im Jahr 2004 sind in Deutschland mehr als 705.000 Kinder zur Welt gekommen. Im Jahr 2005 waren mit 685.000 Geburten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg weniger als 700.000 Geburten zu verzeichnen. Für das Jahr 2008 rechnet das Statistische Bundesamt wieder mit 680- 690.000 Geburten (2). Über die faktische Geburtenneigung sagen absolute Zahlen allerdings wenig aus. Denn die absoluten Geburtenzahlen sind maßgeblich von der Zahl der potentiellen Mütter abhängig. So können die Geburtenzahlen zunehmen ohne dass sich die Geburtenneigung erhöht, wenn nämlich geburtenstärkere Jahrgänge in das Alter der Familiengründung kommen. Das ist derzeit vor allem in Ostdeutschland der Fall (3).

Aussagekräftiger als die Geburtenzahlen ist die „zusammengefasste Geburtenziffer“ oder TFR (Total Fertility Rate): Sie gibt an, wie viele Kinder je Frau geboren würden, wenn für die gesamte Lebensspanne der Frauen die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweiligen Jahres gelten würden (3). Die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer, in der Öffentlichkeit als „Geburtenrate“ bekannt, wird also nicht nur davon bestimmt, wie viele Kinder Frauen bekommen, sondern auch wann Sie diese bekommen („Timing“). Das „Timing“ von Geburten kann von der wirtschaftlichen Konjunktur sowie sozial- und familienpolitischen Maßnahmen beeinflusst werden. So ist die Geburtenrate in Schweden Ende der 1980er Jahre nach einer Reform des Elterngeldes stark angestiegen und dann in Folge einer wirtschaftlichen Krise zu Beginn der 1990er Jahre wieder drastisch gesunken (4). Zu erklären sind diese Schwankungen damit, dass Frauen und Paare im Lebensverlauf durch das „Vorziehen“ bzw. dem „Aufschub“ von Geburten auf Anreize der Sozialpolitik und auf wirtschaftliche Gegebenheiten reagieren, um einen günstigen Zeitpunkt für die Familiengründung- oder auch Erweiterung „abzupassen“.

Auch durch die Einführung des – für gut verdienende doppelerwerbstätige Paare vorteilhaften – Elterngeldes waren Wirkungen auf das „Timing von Geburten“ zu erwarten. Bisher scheinen sie jedoch eher begrenzt zu sein: Die Geburtenrate (TFR) lag im Jahr 2007 mit 1,37 – ähnlich wie in den Vorjahren  – etwas unter dem Mittel der letzten Jahrzehnte von knapp 1,4 Kindern pro Frau. Auf dem Höhepunkt des Nachkriegsbabybooms 1963-1966 war noch eine wesentlich höhere Geburtenrate von etwa 2,5 Kindern pro Frau zu verzeichnen. Nach 1967 verringerte sich die Geburtenrate rasch. In den Jahren der wirtschaftlichen Baisse nach der ersten Ölkrise 1973 sank die Geburtenrate zum ersten Mal in der deutschen Geschichte auf das heutige – auch im internationalen Vergleich – niedrige Niveau. Seit Mitte der 70er Jahre hat sich das Geburtenniveau kaum verändert. Lediglich in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mit ihrer relativ günstigen Wirtschaftsentwicklung war ein leichter, allerdings nur vorübergehender, Wiederanstieg der Geburtenrate (TFR) zu beobachten (5). Betrachtet man die langfristige Entwicklung der Geburtenraten in Deutschland und anderen Industrieländern, so deutet vieles darauf hin, dass wirtschaftliche Krisen und unsichere Arbeitsmarktperspektiven der Entscheidung junger Menschen zur Familiengründung nicht eben förderlich sind (6).

 

(1)  Siehe zum Beispiel: „Zahl der Geburten in Deutschland nimmt zu“, WELTONLINE vom 15. 2. 2009, http://www.welt.de/politik/article3208244/Zahl-der-Geburten-in-Deutschland-nimmt-zu.html oder „Zahl der Geburten in Deutschland steigt wieder“, Onlineausgabe des Tagessiegel vom 15.2.2009, http://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland/Geburten;art122,2731193 sowie zum „Fall Berlin“: Sigrid Kneist: Babyboom in Berlin: 2008 erneut mehr Geburten, Tagesspiegel vom 29.01.2009, http://www.tagesspiegel.de/berlin/Geburten-Babyboom;art270,2718038.

(2) Statistisches Bundesamt: Weitere Bevölkerungsabnahme für 2008 erwartet, Pressemitteilung Nr. 005 vom 7.1.2009. Zu den Geburtenraten seit 1990 siehe unter www.destatis.de „Durchschnittliche Kinderzahl je Frau (zusammengefasste Geburtenziffer)“, zu finden über „Bevölkerung“/“Geburten und Sterbefälle“.

(3) In der DDR war – vor dem Hintergrund einer pronatalistisch orientierten Sozialpolitik für junge Mütter – Ende der 70er und zu Beginn der 80er Jahre  ein starker Anstieg der Geburtenrate zu verzeichnen. Ab Mitte der 80er Jahren sind die Geburtenraten wieder deutlich gesunken. Informativ zu Sozialpolitik und Geburtenentwicklung in der DDR:

Ilona Ostner: Paradigmenwechsel in der (west)deutschen Familienpolitik, S. 165-199, in: Peter A. Berger/Heike Kahlert (Hrsg.): Der demographische Wandel. Chancen für eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse, S. 179-180 sowie: Karl Schwarz: Zur Problematik von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit als Mittel zur Förderung des Kinderwunsches, S. 35-49, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft Ausgabe 1-2-2007, S. 39-40.

(4)  Vgl.: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.): Bevölkerung, Daten, Fakten, Trends zum demographischen Wandel in Deutschland, Wiesbaden 2008, S. 76.

(5)  Siehe hierzu: Jasper von Altenbockum: Rätselhafte Geburtenrate: Warum gibt es im Musterland Schweden so große Schwankungen? Frankfurter Allgemeine Zeitung (Zeitgeschehen) vom 23.11.2006.

(6)  Siehe Abbildung unten „Geburtenentwicklung in Westdeutschland“.

(7)  Unter „Familiengründung“ ist nicht nur die Geburt von Kindern  zu verstehen. Diese setzt in der Regel eine konsolidierte Partnerschaft, einen gemeinsamen Haushalt und nach wie vor meist auch eine Heirat voraus. Zur Entwicklung der (absoluten) Heirats- und Geburtenziffern siehe Abbildung unten „Geburten und Heiraten in Deutschland“.

 

 

 

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