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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

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iDAF Newsletter Woche 18 - 2009

 

Zitat der Woche 18 - 2009

Kulturelle Revolution, Kapitalismus und Familie

Die kulturelle Revolution des späten 20. Jahrhunderts könnte man also am besten als den Triumph des Individuums über die Gesellschaft betrachten (1). [...] Der durchdringende Einfluss von neoklassischen Wirtschaftstheorien, die (über die kulturelle Hegemonie der USA) in säkularen westlichen Gesellschaften zunehmend den Rang von Theologien eingenommen hatten, und der Einfluss einer exzessiv individualistischen amerikanischen Rechtsprechung haben diese Art von Rhetorik noch zusätzlich gefördert. Ihren politischen Ausdruck fand sie schließlich in der Äußerung der britischen Premierministerin Margret Thatcher: „Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen" (2). [...] Nur wenige erkannten jedoch, in welch hohem Maße die moderne Industriegesellschaft bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch auf einer Symbiose der alten Gemeinschafts- und Familienwerte mit der neuen Gesellschaft beruht hatte und wie dramatisch sich ihre spektakulär schnelle Auflösung daher auswirken musste. [...] Die Familie war ein integraler Bestandteil des Kapitalismus, weil sie ihn ebenso mit einer ganzen Anzahl solcher Voraussetzungen versorgen konnte wie dem „Hang zur Arbeit", der Angewohnheit, gehorsam und loyal zu sein, auch als Geschäftsführer loyal gegenüber der jeweiligen Firma, oder anderen Verhaltensweisen, die nicht so einfach in eine rationale Theorie der freien und auf Maximierung basierenden Wahl eingepasst werden können. [...] Der Kapitalismus war bisher erfolgreich gewesen, weil er nicht ausschließlich kapitalistisch war (3).

(1) Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 390-391.
(2) Ebd., S. 420.- S. 422.
(3) Ebd., S. 429-431.

 

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Nachricht der Woche 18 - 2009

Geburtenrückgang in Industrienationen durch kulturellen Wandel? Musterbeispiel Kanada

Der in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern zu beobachtende drastische Rückgang der Geburtenraten ist eng mit Prozessen der wirtschaftlichen Modernisierung verbunden (1). Exemplarisch hierfür sind die - wegen ihrer rasanten wirtschaftlichen Entwicklungssprünge auch als „Tigerstaaten" bezeichneten - neuen Industrieländer in Ostasien. So fiel in Südkorea - parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu einer der führenden Industrienationen (G-20) der Welt - die Geburtenrate (TFR) von durchschnittlich 6,3 (1955-60) auf etwa 1,2 (2007: 1,13) Kinder pro Frau. Im Stadtstaat Singapur ist die Geburtenrate ähnlich steil abgestürzt: Von durchschnittlich etwa 6,4 (1950-55) auf knapp 1,4 Kinder pro Frau in den Jahren 2000 bis 2005. Noch niedriger als in Korea und Singapur ist die Geburtenneigung in Hong-Kong und Macao: Mit einer TFR von 0,98 bzw. 0,86 (2000-2005) weisen diese Handels- und Finanzzentren die niedrigsten Geburtenraten weltweit auf (2). Innerhalb von nicht einmal 50 Jahren haben die „neuen" Industriestaaten in Ostasien damit einen stärkeren Rückgang der Geburten erlebt als „alte" Industrienationen, wie z. B. Deutschland, seit Mitte des 19. Jahrhundert (3).

In den „alten" Industrieländern sind die Geburtenraten im Gegensatz zu Ostasien - nicht abrupt in einem Zug, sondern in zwei zeitlich versetzten Phasen von „vorindustriellen" Geburtenziffern auf das heutige Niveau gesunken. Der erste Geburtenrückgang zwischen 1870 und 1930 wurde zum Teil noch durch eine gesunkene Kindersterblichkeit kompensiert. Im Zuge des zweiten Geburtenrückgangs seit 1965 sind die Geburtenraten dagegen in fast allen Industrieländern deutlich unter den Generationenersatz (2,1 Kinder pro Frau) gesunken. Die Folge ist eine fortschreitende „Unterjüngung" dieser Gesellschaften. Zwischen diesen beiden Phasen des Geburtenrückgangs kam es vor allem in Nordamerika in den 50er Jahren zu einem „Nachkriegsbabyboom": In den USA lag die Geburtenrate zwischen 1955-60 im Mittel bei 3,7 und in Kanada sogar bei 3,9 Kindern pro Frau (4).

In keinem anderen „alten" Industrieland ist die Geburtenrate seit den 60er Jahren so stark zurückgegangen wie in Kanada: Sie erreicht heute nicht einmal mehr die Hälfte des früheren Niveaus. Sie ist fast genauso niedrig wie in Deutschland oder Japan und liegt damit deutlich unter dem Geburtenniveau in Frankreich und den Vereinigten Staaten (5). Innerhalb Kanadas war der Einbruch in der frankophonen Provinz Québec besonders ausgeprägt: Früher war diese Provinz für ihren Kinderreichtum bekannt - heute liegen die Geburtenraten hier sogar noch unter dem - ohnehin niedrigen - kanadischen Durchschnitt (6). Dabei ist Québec die einzige kanadische Provinz die zugunsten berufstätiger Eltern ein relativ gut ausgebautes System öffentlicher (Vorschul-)Kinderbetreuung anbietet. In den englischsprachigen Provinzen Kanadas ist die institutionelle Kinderbetreuung im Vergleich wesentlich schlechter ausgebaut. Die Betreuung von Vorschulkindern muss hier - ähnlich wie in den USA - stärker privat organisiert werden. Québec hat dagegen nach dem Vorbild der schwedischen Sozialpolitik seit den 90er Jahren die öffentliche Kinderbetreuung forciert (7). Für berufstätige Eltern hat dies sicher viele Vorteile - eine Wende hin zu einer wieder höheren Geburtenneigung in Quebec ist allerdings bisher ausgeblieben.

Das Beispiel Kanadas verdeutlicht: Der säkulare Geburtenrückgang in modernen Industrieländern hat Gründe, die wesentlich tiefer reichen als die vieldiskutierte Problematik der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie. Er ist Symptom wie Folge eines tiefgreifenden sozialen und kulturellen Wandels in modernen Marktgesellschaften. In den „alten" Industrienationen hat sich dieser Wandel über einen längeren Zeitraum vollzogen - in den „neuen" Industrieländern in Ostasien wurden die Lebensverhältnisse und damit das Geburtenverhalten innerhalb weniger Jahrzehnte revolutioniert.

(1) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/118-0-Woche-5-2009.html.
(2) Quelle der hier verwendeten Daten sind Berechnungen der Vereinten Nationen: United Nations - World Population Prospects: The 2008 Revision - Population Database, http://esa.un.org/unpp/. Die Angaben für Korea im Jahr 2007 sind der folgenden Publikation entnommen: Statistisches Bundesamt: Länderprofil Republik Korea (Südkorea) 2009.
(3) Zum Geburtenrückgang in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert siehe Abbildung „Geburtentwicklung in Deutschland - langfristig schrumpfende Generationen": http://www.i-daf.org/125-0-Woche-7-2009.html.
(4) In Australien lag die Geburtenrate im selben Zeitraum bei 3,41 und in Neuseeland sogar bei 4,07 (!) Kindern pro Frau. Der „Nachkriegsbabyboom" war also in den angelsächsischen Ländern generell wesentlich ausgeprägter als in (Kontinental)Europa. Datenquelle: United Nations - World Population Prospects: The 2008 Revision - Population Database.
(5) Siehe Abbildung unten: "Einbruch der Geburtenraten in Industriestaaten".
(6) Siehe Abbildung unten: „Geburtenraten in Kanada nach Provinzen".
(7) Familienforscher der Universität Montréal analysieren: "Day care services are widely used by children in Canada, but the nature and availability of services greatly vary across provinces. Only Québec has developed a public day care centre system easily affordable and widely accessible, and in which more than half preschool children are now enrolled (Statistics Canada 2006). With this initiative, Québec follows the Swedish welfare state model that strongly supports policies aimed at balancing family and work." Siehe: Valérie Martin/Céline Le Bourdais: Stepfamilies in Canada and Germany, a Comparison, S. 241-278, in: Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.): Familiale Beziehungen, Familienalltag und soziale Netzwerke. Ergebnisse der drei Wellen des Familiensurvey, Wiesbaden 2008, S. 245.