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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

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Nachricht der Woche 26-2009

 

Das „autonome" Kind - Wunschbild der Sozialtechnokraten

„Starting Strong" nannte sich ein 2001 von der OECD veröffentlichter länderübergreifender Bericht über als vorbildlich erachtete Praktiken („best practices") der „Early Childhood Education and Care" (ECEC), wie sie vor allen in nordischen Ländern schon implementiert seien. Der Bericht forderte die Mitgliedsstaaten auf, diese „best practices" nachzuahmen und erteilte ihnen Lehren („policy lessons") zur Kinderbetreuungspolitik. Diese Ratschläge richteten sich insbesondere an Länder, denen die OECD „Nachholbedarf" in der institutionellen Frühförderung von Kindern bescheinigte (1). In diesem Sinn beanstandete die OECD die aus ihrer Sicht zu geringe Zahl von Betreuungsplätzen in Westdeutschland und bezeichnete zugleich den hohen Versorgungsgrad mit Krippenplätzen in Ostdeutschland als vorbildlich (2). Der Bericht forderte die Regierungen auf, nationale Pläne zur frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) zu entwickeln. Mit dem Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung durch das „Tagesbetreuungsausbaugesetz" (2005) und das „Kinderförderungsgesetz" (2008) ist Deutschland zum Vorreiter der von der OECD favorisierten neuen Kinderbetreuungspolitik geworden (3).
Dieser politische Kurswechsel ist zugleich auch ein anthropologischer Paradigmenwechsel: Grundlegend für die Philosophie von „Starting Strong", die in Deutschland unter dem Slogan „auf den Anfang kommt es an" politisch kommuniziert wurde, ist das Leitbild des „autonomen" und „kompetenten" Kindes (4): Kleinkinder seien - auch unabhängig von ihren Eltern - als Personen zu betrachten, „die sich an allen Angelegenheiten, die sie betreffen, beteiligen sollen". Dieses Leitbild wendet sich gegen eine - als „maternalistisch" bezeichnete - „Sicht auf das Kind als verwundbares und schutzbedürftiges Wesen". Diese Sichtweise sei zwar in vieler Hinsicht realistisch, „übersehe aber die Stärken von Kleinkindern: So hätten sie „reiche Theorien über die Welt und wie sie funktioniert; wenn erlaubt, schaffen sie Beziehungen und ein Netzwerk zur eigenen Unterstützung und sie haben eine kraftvolle Phantasie und Kreativität, nicht vergleichbar mit allen anderen Altersstufen". Kleinkinder seien nicht als „intellektuell oder sozial unvollständig zu betrachten", sondern als Individuen, die ihre Interessen selber - auch elternunabhängig - wahrnehmen könnten (5).
Der Maternalismus dagegen betrachte Kinder nicht primär als einzelne Bürger, sondern als Zugehörige zu einer Familie. Dies führe dazu, Kinder „aus bestimmten Bereichen der Gesellschaft auszuschließen und sie innerhalb der Familie zu schützen, bis sie reif genug sind, mit dem öffentlichen Leben zu beginnen". Damit beeinflusse er auch die allgemeine Einstellung, in welchem Alter ein Kind an öffentlicher Kinderbetreuung teilnehmen kann und was unter „guten Eltern" zu verstehen ist" (6). Tatsächlich geht die Überzeugung, dass Kleinkinder auf die kontinuierliche Betreuung durch ihre Eltern angewiesen sind, zumeist mit einer eher kritischen Sicht auf die außerfamiliäre Betreuung sehr kleiner Kinder einher. Nach Ansicht der OECD schadet dieser „Maternalismus" der Bildung und Erziehung von Kindern und ihrem Recht auf Selbstbestimmung.
Dem von der OECD postulierten Ideal des von Geburt an „kompetenten" und „autonomen" Kindes steht die Erfahrung von Eltern gegenüber, dass ihr Säugling existentiell auf sie angewiesen ist und sich deshalb buchstäblich an sie „klammert". Aus dieser physischen Nähe entsteht eine besondere emotionale Verbundenheit - Psychologen nennen dies „Bindung". Dass diese Bindung gelingt, ist grundlegend für eine nicht sozial und emotional, sondern auch kognitiv gesunde Entwicklung des Kindes. Bindung des Kindes an die Eltern geht der Bildung als „Aneignung der Welt" durch das Kind voran. Sichere Bindung setzt wiederum „Elternzeit" voraus (7). Der erste Bildungsort von Kindern und Voraussetzung für einen gelingenden „Start" ins Leben ist deshalb - auch in den „entwickelten" Ländern der „OECD-Welt" - die Familie.

 

(1) Siehe hierzu: Ilona Ostner: „Auf den Anfang kommt es an" - Anmerkungen zur „Europäisierung" des Aufwachsens kleiner Kinder, S. 44-62, in: Recht der Jugend und des Bildungswesens - Zeitschrift für Schule, Berufsbildung und Jugenderziehung 1/2009, S. 44-45.
(2) Vgl.: Stellungnahme der Bundesregierung zum Zwölften Kinder- und Jugendbericht, S. 3-16, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode - Drucksache 15/6014), Berlin Februar 2006, S. 9.
(3) Diese Sichtweise findet sich auch im 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung wieder: „So haben neuere Ergebnisse der Säuglings- und Kleinkindforschung die Vorstellung von einem inkompetenten, hilflosen, auf die Mutter zentrierten Säugling durch das Bild eines kompetenten, hochkommunikativen, anpassungsfähigen und in gewisser Weise ‚robusten' Säuglings abgelöst (Petzold 1993), der weltoffen ist und Kontaktvielfalt sowie die lebendige Interaktion mit anderen Menschen sucht (Hüther 2004). Pädagogische, entwicklungspsychologische und neurobiologische Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass das Kind von Anfang an Mitgestalter seiner Entwicklungs- und Bildungsprozesse ist, wenn seine Entwicklungsbedürfnisse befriedigt werden." Siehe: BMFSFJ (Hrsg.): Zwölfter Kinder- und Jugendbericht, op. cit. S. 104. Siehe hierzu auch Ilona Ostner: „Auf den Anfang kommt es an" - op. cit., S. 85-59.
(4) „Aus maternalistischer Perspektive wird das junge Kind in Österreich in erster Linie als „werdendes Einzelwesen" gesehen, das schutzbedürftig ist. In vieler Hinsicht ist dies eine realistische Sicht auf Kindheit, aber es übersieht die Stärken von Kindern, z.B. ihre Widerstandsfähigkeit, die intellektuelle Kapazität und Kreativität. Kleine Kinder sind geborene Überlebende; sie lernen, in den ersten achtzehn Monaten zu gehen und zu reden; sie haben reiche Theorien über die Welt und wie sie funktioniert; wenn erlaubt, schaffen sie Beziehungen und ein Netzwerk zur eigenen Unterstützung und sie haben eine kraftvolle Phantasie und Kreativität, nicht vergleichbar mit allen anderen Altersstufen." Im Folgenden wird die Rechtslage in Österreich kritisiert: „Diese Stärken werden in Gesetzestexten, Bildungsangeboten und Einstellungen zur Bedeutung der Familie ungenügend reflektiert. Laut dem österreichischen Hintergrundbericht (2004) sind die folgenden Merkmale charakteristisch für einen „österreichischen" Zugang zu jungen Kindern. Aus maternalistischer Perspektive wird das junge Kind in Österreich in erster Linie als „werdendes Einzelwesen" gesehen, das schutzbedürftig ist. Österreichische Gesetzestexte bezeichnen junge Kinder noch immer nicht primär als einzelne Bürger, sondern als Zugehörige zu einer Familie. [...] Die Interessen der Kinder werden im Allgemeinen nicht unter Einbeziehung der betroffenen Kinder, sondern in erster Linie von Erwachsenen entschieden; - Bildung bezieht sich in Österreich nicht auf das Kind als ein autonomes Individuum, sondern auf den zukünftigen Schüler oder Erwachsenen, der er/sie einmal sein wird. Dies kann zu einer defizitorientierten Sicht von Kindheit führen, die das Kind als intellektuell oder sozial unvollständig betrachtet. Mit dieser Perspektive verbunden ist eine Bildungspsychologie und Praxis, die die Existenz von Erwachsenen als ein Kriterium verwendet und Lerninhalte und pädagogische Zugänge darauf abstimmt." Siehe: OECD Directorate for Education (Hrsg.): Starting Strong - Early Childhood Education and Care Policy. Länderbericht für Österreich, Paris 2006, S. 13-14. Die Einstellungen zur Kleinkinderbetreuung in Österreich unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in Westdeutschland - die Kritik der OECD am „Maternalismus" betrifft insofern Westdeutschland - nicht aber Ostdeutschland - in ähnlicher Weise wie Österreich.
(5) Siehe ebenda.
(6) Auch im 12. Kinder- und Jugendbericht wird die herausragende Bedeutung der Eltern-Kind- bzw. der Mutter-Kind- Beziehung grundsätzlich anerkannt. Zugleich wird allerdings versucht Vorbehalte gegenüber einer frühzeitigen außerhäuslichen Betreuung von Kindern zu entkräften. So hätten die umfangreichen Studien des NICHD Early Child Care Research Network keine Belege dafür erbracht, „dass eine Betreuung von Kleinkindern durch andere Personen als die Eltern generell zu problematischen Mutter-Kind-Beziehungen führt". Das Fürsorgeverhalten der Mutter bleibe „auch dann die dominierende Einflussgröße in der Mutter- Kind-Beziehung, wenn das Kind viele Stunden am Tag eine zusätzliche Betreuung erfährt, vorausgesetzt, die Mutter verhält sich in der verbleibenden Zeit dem Kind emotional zugewandt". Im Folgenden ist dann allerdings zu lesen: „Damit dies zur Aufrechterhaltung der Mutter-Kind-Beziehung möglich ist, darf „die im Alltag verbleibende familiäre Zeit für Interaktionen nicht zu knapp bemessen sein, ferner dürfen Alltagsprobleme das Familienleben nicht über die Maßen belasten." Siehe: BMFSFJ (Hrsg.): Zwölfter Kinder- und Jugendbericht, op. cit. S. 124.

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