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Nachricht der Woche 34-2009

Mehr Kinder durch mehr Wohlstand? Zweifelhafte neue Theorien

Wissenschaftler nennen es das „demographisch-ökonomische Paradoxon": Ihm zufolge besteht zwischen dem am Pro-Kopf-Einkommen gemessenen Wohlstand von Bevölkerungen und ihrer Geburtenneigung - unabhängig von gesellschaftlicher Verfassung und Kultur - ein gegenläufiger Zusammenhang: Je größer der Wohlstand, desto geringer die durchschnittliche Kinderzahl. Paradox erscheint dieser Zusammenhang insofern als sich die Menschen, umso weniger Kinder leisten, je mehr sie sich auf Grund der in den letzten Jahrzehnten gestiegenen Realeinkommen leisten könnten. Zu erklären ist das unter anderem mit der scharfen „Genuss-Konkurrenz" zwischen dem Leben mit Kindern und anderen Lebenszielen (Konsum, beruflicher Erfolg, persönliche Unabhängigkeit etc.) (1).
Ein kürzlich im Wissenschaftsmagazin „Nature" veröffentlichter Beitrag stellt die universale Gültigkeit des „demographisch-ökonomischen-Paradoxons" in Frage: Forscher an der Universität Pennsylvania haben für den Zeitraum 1975-2005 den Zusammenhang zwischen Geburtenraten und dem „Human Development Index" (HDI) untersucht (2). Mit steigenden HDI-Werten waren sinkende Geburtenraten zu verzeichnen - das „demographisch-ökonomische-Paradoxon" scheint bestätigt. Nach Auskunft der Forscher täusche dieser Gesamteindruck jedoch. Denn bei sehr hohen HDI-Werten kehre sich der Zusammenhang um: Die Geburtenrate nehme dann langsam, aber stetig wieder zu. Damit ihre Geburtenraten wieder anstiegen müssten sich die Industrieländer bemühen ihren HDI-Index durch Investitionen in Gesundheit, Bildung und Kinderbetreuung zu steigern (3). Ähnlich argumentiert auch das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und Entwicklung: In Europa hätte sich die früher negative Korrelation von Wohlstand und Geburten aufgelöst. Es zeige sich sogar das Gegenteil: „Je größer der Wohlstand, umso mehr Nachwuchs". Dies gelte vor allem dann, wenn mit dem Wohlstand die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt einhergehe, d. h. Mütter und Väter gleichermaßen erwerbstätig seien. So seien in wohlhabenden Ländern Nordwesteuropas mit einer hohen Erwerbsbeteiligung von Frauen die Geburtenraten höher als in den ärmeren Ländern Südeuropas, die hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse mehr der „Tradition verhaftet" seien (4).
Der „Tradition verhaftet" waren bis vor wenigen Jahrzehnten auch die Länder Nordwesteuropas: Norwegen, Island und auch Irland haben sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von armen Agrarländern zu wohlhabenden Industriestaaten entwickelt. Ihren einstigen Rückstand im Wohlstandsniveau im Vergleich zu früher industrialisierten Ländern haben sie dabei in einen Vorsprung verwandelt. Im Human Development Index 2007/2008 stand Island als „reichstes" Land der Erde an der Spitze, Norwegen folgte auf dem zweiten Rang und Irland nach Australien und Kanada schon auf dem fünften Rang (5). In allen diesen Ländern ist der Wohlstand seit den 60er Jahren stark gewachsen. Besonders ausgeprägt waren bis zum Ausbruch der gegenwärtigen Finanzkrise die Wohlstandsgewinne in den „Spätentwicklerländern" Island und Irland. Mit der Wohlstandsexplosion einher ging ein tiefgreifender sozialer Wandel - für den die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit ein zentraler Indikator ist (6). Aber „trotz" bzw. wegen des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts sind die Geburtenraten in Island und Irland seit den 60er Jahren dramatisch eingebrochen. Dieselbe historische Parallelität von Wohlstandswachstum, gestiegener Frauenerwerbstätigkeit und Geburtenrückgang ist auch in Nordamerika sowie in Australien und Neuseeland festzustellen (7). Die Geburtenraten sind in diesen Ländern sogar noch stärker eingebrochen als in Deutschland, Griechenland, Italien oder Japan. Die im Vergleich zu diesen „Niedrig-Fertilitätsländern" höheren Geburtenraten der „HDI-Spitzenreiter" widerlegen keineswegs das „demographisch-ökonomische-Paradoxon". Der Einbruch erfolgte von einem höheren Niveau und die historischen Entwicklungspfade zeigen vielmehr eindrucksvoll den engen Nexus zwischen dem Wachstum des Wohlstands, der sozialen (und kulturellen) Revolution und dem Rückgang der Geburten in entwickelten Industriestaaten.

(1) Prägnant zum „demographisch-ökonomischen Paradoxon: Herwig Birg: Grundkurs Demographie: Fünfte Lektion: 100 Jahre Geburtenrückgang, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Februar 2005, Nr. 48/S. 41. Zu finden unter: www.herwig-birg.de.
(2) Der international als Maßstab für die Wohlfahrt eines Landes anerkannte HDI berücksichtigt neben der Wirtschaftskraft auch die Lebenserwartung und den Bildungsgrad der Einwohner eines Landes. Siehe hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Human_Development_Index.
(3) Shripad Tuljapurkar: Babies make a comeback, S. 693-694, in: nature, Vol. 460, 6. August 2009.
(4) Steffen Kröhnert/Rainer Klingholz: Emanzipation oder Kindergeld? Der europäische Vergleich lehrt, was man für höhere Geburtenraten tun kann, Berlin 2005, S. 7-8.
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Human_Development_Index.
(6) Zum Anstieg der Frauenerwerbsquoten vgl. Henriette Engelhardt/ Alexia Prskawetz: Familie und Beruf immer noch schwer zu vereinbaren. Europäische Länder unterstützen Frauen unterschiedlich, S. 1-3, in: Demographische Forschung - Aus Erster Hand, Nr. 3 2005.
(7) Siehe Abbildung unten: „Säkularer Geburtenrückgang in Industrieländern" sowie: Nachricht der Woche 18-2009: Geburtenrückgang in Industrienationen durch kulturellen Wandel? Musterbeispiel Kanada, http://www.i-daf.org/159-0-Woche-18-2009.html.

 

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