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Nachricht der Woche 39-2009

Verarmung der Jungen - Schröpfen der Älteren - Schwund der Mitte

Die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Deutschland wächst: Schon vor Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise waren nicht nur Angehörige unterer Einkommensschichten, sondern auch der Mittelschichten mit ihren materiellen Lebensverhältnissen wesentlich unzufriedener als noch in den 90er Jahren (1). Begründet ist diese Skepsis in der längerfristigen Wohlstandsentwicklung: Wie Analysen der Reallohnentwicklung zeigen, konnten große Teile der Arbeitnehmerschaft seit Beginn der 90er Jahre kaum noch nennenswerte Einkommens- und Wohlstandszuwächse erzielen. Selbst vom wirtschaftlichen „Aufschwung" der Jahre 2005-2007 haben sie kaum profitiert (2). Die derzeitige wirtschaftliche Krise bekommen die Arbeitnehmer dagegen unmittelbar zu spüren: Selbst wenn sie ihren Job behalten, führen Kurzarbeit und geringere Sonderzahlungen zu sinkenden Reallöhnen (3). Solche Rückschläge demotivieren gerade jene besonders qualifizierten Arbeitnehmer, die als Leistungsträger und Motor der wirtschaftlichen Entwicklung gelten.
Zugleich wird diese Schicht des von Politikern als „gesellschaftliche Mitte" umworbenen, angestellten Mittelstandes schmaler: Die Anteile der Bezieher mittlerer Einkommen unter den Erwerbstätigen sind - wie der Datenreport des Statistischen Bundesamtes zeigt - seit einigen Jahren rückläufig (4). Parallel dazu wächst der Anteil der Arbeitnehmer, die in „prekärem Wohlstand" oder sogar unterhalb der statistischen Armutsgrenze leben (5). Dabei ist das Armutsrisiko der unbefristet, voll sozialversicherungspflichtig und mindestens 20 Stunden in der Woche Beschäftigten fast unverändert gering geblieben. Der Anteil der in solchen „Normalarbeitsverhältnissen" Beschäftigten geht aber seit den 90er Jahren deutlich zurück. Gestiegen ist dagegen der Anteil der „atypisch" Beschäftigten (befristet, in „kleiner" Teilzeit bzw. geringfügig oder in Zeitarbeit) sowie der „Solo-Selbständigen" (6). Solche Beschäftigungsverhältnisse sind überdurchschnittlich häufig niedrig entlohnt (7). Während sie traditionell dazu dienten, das Budget von Familien durch ein zweites Einkommen (Teilzeitjobs von Müttern) aufzubessern, sind sie in den letzten Jahren zunehmend zu einer Haupteinkommensquelle von Haushalten geworden (8). Damit verbunden ist das Armutsrisiko „atypisch" Beschäftigter und „Solo-Selbständiger" gestiegen - die Lebensform des „working poor" ist in Deutschland häufiger geworden (9).
Das Risiko des „working poor" trifft insbesondere die jüngere Generation im Übergang von der Ausbildung in den Beruf: Analysen des „Sozio-ökonomischen Panels" (SOEP) zeigen, dass zwischen 1991 und 2006 die Niedriglohnquote von Berufseinsteigern um ein Viertel und das Armutsrisiko sogar um mehr als zwei Drittel gestiegen ist. Ihr Armutsrisiko ist damit in Westdeutschland (noch) stärker gewachsen als das (zuvor arbeitsloser) Wiedereinsteiger in den Arbeitsmarkt (10). Zugleich sind ihre Beschäftigungsverhältnisse unsicherer: So sind jüngere Arbeitnehmer unter 35 Jahren wesentlich häufiger als Ältere lediglich befristet oder als Zeitarbeiter beschäftigt (11). Unter den älteren Arbeitnehmern dominiert dagegen weiterhin das „Normalarbeitsverhältnis" mit einem geringen Armutsrisiko. Die Kluft zwischen beruflich etablierten, zumeist älteren „Insidern" und „Outsidern" (Neu- oder Wiedereinsteigern) auf dem Arbeitsmarkt hat sich seit den 90er Jahren trotz (oder wegen?) der arbeitsmarktpolitischen Reformen weiter vergrößert - hierunter zu leiden hatte vor allem die jüngere Generation (12).
Für diese Prekarisierung der jüngeren zahlen die älteren Arbeitnehmer einen hohen Preis: Schließlich bedeutet der Schwund von Normalarbeitsverhältnissen in der jüngeren Generation weniger Steuer- bzw. Beitragseinnahmen für Staat und Sozialversicherungen. Zugleich steigen die für die Alters- und Gesundheitsversorgung der Ruheständler aufzubringenden Soziallasten drastisch an (13). Für diese Lasten muss die schmaler werdende Schicht der (mehrheitlich zwischen 40 und 60 Jahre alten) „Arbeitsmarktinsider" aufkommen, was ihre Reallöhne unvermeidlich vermindert. Auf diese Weise wächst zugleich die Unzufriedenheit in der gesellschaftlichen Mitte und die Frustration an den Rändern der Erwerbsgesellschaft. Nicht nur die Politiker, sondern auch ihre wissenschaftlichen Berater schauen diesem Dilemma rat- und hilflos zu.

(1) Vgl.: Renate Köcher: Das Bewusstsein der Mittelschicht. Die ausschlaggebende gesellschaftliche Gruppe wird kleiner, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.7.2008, S. 8.
(2) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/65-0-Woche-29-2008.html.
(3) Vgl.: Statistisches Bundesamt: 2. Quartal 2009: Kurzarbeit und geringere Sonderzahlungen führen zu sinkenden Nominal- und Reallöhnen, Pressemitteilung Nr.354 vom 21.09.2009. Gleichzeitig sind insbesondere mittlere und gehobene Einkommen sind zudem seit den 90er Jahren steuerlich zunehmend belastet worden. Siehe hierzu: Volker Stern: Nachholbedarf bei steuerlicher Entlastung mittlerer Einkommen, S. 318-321, in: Wirtschaftsdienst Heft 5/2009, S. 320.
(4) Jan Goebel/Roland Habich/Peter Krause: Einkommen - Verteilung, Armut und Dynamik, S. 163-172, in: Statistisches Bundesamt/Gesellschaft sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen/ Wissenschaftszentrum Berlin (Hrsg.): Datenreport 2008. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2008, S. 165.
(5) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/101-0-Woche-47-2008.html.
(6) Statistisches Bundesamt: Pressegespräch Niedrigeinkommen und Erwerbstätigkeit in Frankfurt am Main am 19. August 2009 - Statement des Vizepräsidenten des Statistischen Bundesamtes Peter Weigl, Wiesbaden 2009, S. 2-4.
(7) Laut Statistischem Bundesamt erhielten fast die Hälfte (49,2%) der atypisch Beschäftigten einen Verdienst unter der Niedriglohngrenze, unter den „Normalarbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer" war dieser Anteil mit 11,1% deutlich geringer. Angesichts dieses Anteils können allerdings „auch nicht gesagt werden, dass Niedriglöhne ausschließlich ein Problem atypisch Beschäftigter seien". Siehe ebd.
S. 5-6.
(8) Marco Gießelmann: Arbeitsmarktpolitischer Wandel in Deutschland seit 1991 und das Working Poor-Problem: Einsteiger als Verlierer des Reformprozesses? S. 215-237, in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 38,Heft 3, Juni 2009, S. 216.
(9) Siehe hierzu: Abbildung unten „Erwerbsformen und Armutsgefährdung".
(10) Vgl.: Marco Gießelmann: Arbeitsmarktpolitischer Wandel in Deutschland, op. cit.
S. 224-226.
(11) Siehe hierzu: Abbildung unten „Atypische Beschäftigung nach Altersgruppen".
(12) Vgl.: Marco Gießelmann: Arbeitsmarktpolitischer Wandel in Deutschland, op. cit.
S. 233.
(13) Zu den Auswirkungen der Alterung auf die Kosten für das Gesundheitswesen: http://www.i-daf.org/75-0-Woche-34-2008.html.

 

 

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