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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

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Nachricht der Woche 46 - 2009

Serielle Monogamie statt Ehe? Was heutige Beziehungswelten über Glück und demographische Zukunft sagen

Die Deutschen heiraten immer später und immer seltener: Während Frauen 1975 im Durchschnitt bereits mit 23 und Männer mit 25 Jahren heirateten, waren im Jahr 2008 erstmalig heiratende Frauen durchschnittlich 30, Männer sogar 33 Jahre alt (1). Heiraten war in den 70er Jahren noch eine biographische Selbstverständlichkeit, mehr als 90 Prozent der ledigen jungen Erwachsenen entschieden sich für die Ehe als Lebensform. Seitdem hat sich der Anteil der zeitlebens unverheiratet bleibenden Erwachsenen mehr als verdreifacht: Gegenwärtig schließen noch etwa zwei Drittel der Frauen und etwa 60 Prozent der Männer mindestens einmal in ihrem Leben eine Ehe (2). Parallel zur sinkenden Heiratsneigung ist das Scheidungsrisiko gestiegen - mittlerweile werden etwa 40 Prozent der Ehen wieder getrennt (3).
Die Verlässlichkeit einer stabilen Ehe gehört für immer weniger Menschen zu den tragenden Erfahrungen im Leben. Immer mehr Menschen erleben dagegen das Scheitern ihrer Beziehungen. Dies bestätigen einschlägige Studien der Partnerschafts- und Familiensoziologie. Im Familiensurvey des Deutschen Jugendinstituts berichteten nur etwa fünf Prozent der in den 1930er Jahren geborenen Frauen im Alter von 30 Jahren bereits Trennungen (mindestens einjähriger) Beziehungen erlebt zu haben, unter den in den 60er Jahren geborenen Frauen waren es schon mehr als 35 Prozent (4). Dabei nimmt nach der Analyse des Heidelberger Soziologen Jan Eckhard die „insgesamt in Paarbeziehungen verbrachte Lebenszeit in der Jahrgangsabfolge nicht wesentlich ab, jedoch werden die Paarbeziehungen zunehmend kürzer" (5). Nach einer Studie des Hamburger Sexualforschers Gunter Schmidt über „Spätmoderne Beziehungswelten" hat sich die durchschnittliche Anzahl der bis zum Alter von 30 Jahren durchlebten Beziehungen von 1,9 in der Geburtskohorte 1942 auf 3,7 bei den 1972 Geborenen fast verdoppelt (6). Der Trend zu wechselvolleren Partnerschaftsbiographien beschränkt sich keineswegs auf das Jugendalter: Stark erhöht hat sich auch das Scheidungsrisiko langjährig bestehender Ehen von Partnern im mittleren und höheren Erwachsenenalter (7). Der 7. Familienbericht versteht diese zunehmende Brüchigkeit partnerschaftlicher Lebensformen als Wechsel von einem „Modell der lebenslangen Ehe" hin zu einem Modell der „seriellen Monogamie". Das Ziel dieses neuen Lebensmodells sei „die Maximierung des individuellen Glücks in einer auf Dauer angelegten, qualitativ hochwertigen Beziehung". Mit diesem Modell einher ginge eine „wachsende individuelle Freiheit und der Wunsch, unbefriedigende Verbindungen aufzugeben und nach besseren Perspektiven zu suchen" (8).
Wie die Glücksperspektiven der „seriellen Monogamie" im Einzelfall auch sein mögen, dauerhafter und beständiger werden Paar-Beziehungen durch sie jedenfalls nicht. Zweite Ehen haben ein höheres Scheidungsrisiko als Erst-Ehen, nichteheliche Lebensgemeinschaften werden schneller und häufiger getrennt als Ehen. Und Beziehungen ohne gemeinsamen Haushalt („Living Apart Together") sind noch instabiler als (nichteheliche) Lebensgemeinschaften (9). Mit der „seriellen Monogamie" schwinden damit die Sicherheiten für die individuelle Lebensplanung. Dies erschwert die Entscheidung für Kinder, ist diese doch abhängig davon, dass „beide Partnerschaft und Kinder als eine auf Dauer angelegte gemeinsame Lebensperspektive begreifen" (Hans Bertram) (10). Je wechselvoller die Partnerschaftsbiographie, desto größer ist deshalb das Risiko der Kinderlosigkeit (11). Auch längerfristig unverheiratet mit einem Partner zusammen lebende Frauen bleiben relativ häufig kinderlos. Am vermeintlich antiquierten „Modell der lebenslangen Ehe" festhaltende Frauen haben dagegen zu etwa 90 Prozent Kinder (12). Elternschaft ist, wie das Statistische Bundesamt feststellt, „in einem sehr hohen Ausmaß auch an die Sicherheiten gebunden, die der Bund der Ehe mit sich bringt" (13). Ehe oder „serielle Monogamie" - diese Frage entscheidet nicht nur über das Familienglück in „spätmodernen Beziehungswelten", sondern auch über die demographische Zukunft der Gesellschaft.

(1) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Durchschnittliches Heiratsalter nach dem bisherigen Familienstand der Ehepartner 2007 (Tabelle) sowie für 2008 Eheschließungen, Ehescheidungen und durchschnittliches Heiratsalter Lediger (Tabelle abrufbar unter www.destatis.de). Von den 50er bis in die 70er Jahre war das Heiratsalter gesunken: Im Jahr 1950 heirateten Frauen mit 25,4 und Männer mit 28,1 Jahren. Dieses Absinken des Heiratsalters war in der günstigen Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung begründet, der steile Anstieg des Heiratsalters seit den 70er Jahren ist aber umgekehrt nicht allein mit verschlechterten Arbeitsmarktbedingungen oder verlängerten Ausbildungszeiten zu erklären.
(2) Vgl.: Jürgen Dorbritz Heiratsverhalten Lediger, Geschiedener und Verwitweter in Deutschland 2007 - Ergebnisse der Berechnung von Heiratstafeln, S. 2-6, in: Bevölkerungsforschung aktuell 03/2009, S. 2.
(3) Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: Die demographische Lage in Deutschland 2008 (bearbeitet von Evelyn Grünheid, Wiesbaden 2009, S. 6, http://www.bib-demographie.de.
(4) Siehe Abbildung unten „Serielle Monogamie = Mehr Trennungen".
(5) Jan Eckhard: Kinderlosigkeit durch Partnerschaftslosigkeit. Der Wandel der Partnerschaftsbiographien und Zusammenhänge mit der Geburtenentwicklung, S. 105-125, in Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 31, 1/2006, S. 118. Die Daten der Mainzer „Value of Marriage"- Studie zeigen noch mehr Beziehungs- und damit auch Trennungserfahrungen junger Menschen als die Studien des DJI-Familiensurvey. Vgl.: Norbert F. Schneider/Heiko Rüger: Beziehungserfahrungen und Partnerschaftsverläufe vor der Heirat. Eine empirische Analyse von Angehörigen der Eheschließungskohorte 1999-2005, S. 131-156, in: Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jahrgang, Heft 2/2008, S. 134.
(6) Gunter Schmid et al: Spätmoderne Beziehungswelten, Wiesbaden 2006, S. 27.
(7) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik - Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, S. 126.
(8) In der für Familiengründungen heute entscheidenden Altersgruppe der 28-37jährigen liegt die Trennungswahrscheinlichkeit von LAT- Partnerschaften bei 50, von NEL bei etwa 22 und in Ehen bei etwa 10 Prozent. Vgl.: Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform, S. 749-764, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4/2008, S. 758-759. Eheleute, die vor ihrer Heirat schon in eine Lebensgemeinschaft oder Ehe schon gelebt haben, weisen ein höheres Scheidungsrisiko auf als Verheiratete ohne vorhergehende Ehe- oder Kohabitationserfahrung. Vgl.: Gert Hullen: Scheidungskinder - oder: Die Transmission des Scheidungsrisikos, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1/1998, S. 19-38.
(9) Bei den 2007 registrierten Scheidungen waren 53,3% der Frauen und 63,7% der Männer zum Zeitpunkt der Scheidung 40 Jahre und älter. Vgl.: Juliane Gude: Ehescheidungen 2007, S. 1089-1100, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik Ausgabe 12/2008, S. 1095-1096.
(10) Siehe Hans Bertram: Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, S. 46-47.
(11) In der ersten Welle des Familiensurveys von 1988 hatten von den Befragten mit nur einer Partnerbeziehung knapp 27 Prozent (noch) keine Kinder. Bei den Befragten mit zwei Partnerschaften lebten 36,5 %, bei denjenigen mit drei Partnerbeziehungen 44,8 % und bei den Befragten mit vier (und mehr) Partnerbeziehungen 54,3 % ohne Kinder. Auch unter den befragten Eltern sank die Kinderzahl mit steigender Anzahl der Partnerbeziehungen. Vgl.: Henrike Löhr: Kinderwunsch und Kinderzahl, S. 461-496, in: Hans Bertram (Hrsg.): Die Familie in Westdeutschland. Stabilität und Wandel familialer Lebensformen, Opladen 1991, S. 481. Für die letzte Welle des Familiensurvey aus dem Jahr 2000 liegen leider keine entsprechenden Auswertungen vor.
(12) Siehe Abbildung unten „Mutterschaft, Lebensformen, Ehe".
(13) Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2008. Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 29. Juli 2009 in Berlin, Wiesbaden 2009, S. 34.

 

 

 

 

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