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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

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Nachricht der Wochen 1-2 / 2010

Unsicherheit in Beruf und Beziehung - Warum der Kinderwunsch bei Männern schwindet

Frauen und Männer gründen in Deutschland nicht nur immer später und seltener Familien - sie wünschen sich auch weniger Kinder als früher. Zwar ist die Familie mit zwei Kindern noch immer die am häufigsten gewünschte Lebensform, zunehmend mehr Menschen wollen jedoch kinderlos bleiben. Zwar verbinden nach wie vor viele Menschen mit Kindern Liebe, Glück und Lebenssinn. Eine selbstverständliche Sonderrolle in der Lebensplanung von Erwachsenen haben sie jedoch nicht mehr, vielmehr konkurrieren sie mit anderen biographischen „Optionen" (1). Erörtert wurde der schwächere Kinderwunsch bisher vorwiegend aus der Perspektive (berufsorientierter) Frauen: Eine unzureichende Kinderbetreuungsinfrastruktur zwinge sie, sich zwischen Kind und beruflicher Karriere zu entscheiden. Junge Frauen aber antizipierten dieses Entscheidungsdilemma in ihrer Lebensplanung. Auf diese Weise beeinträchtige die mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht erst die konkrete Entscheidung für oder gegen Geburten, sondern bereits den ideellen Wunsch nach Kindern (2).
Unterbelichtet bleibt aus dieser Sicht die Rolle der Männer: Häufiger noch als Frauen wünschen sie sich keine eigene Familie: Im „Generations and Gender Survey" gab etwa ein Viertel der deutschen Männer an, auf Kinder generell verzichten zu wollen. Im Durchschnitt wünschten sich Männer in Westdeutschland rund 1,59 und in den neuen Bundesländern sogar nur 1,46 Kinder (3). Ängste vor der traditionellen Rolle des Familienernährers können diese Zeugungsunlust nicht erklären: Schließlich ist in Ostdeutschland die (durch ganztägige Kinderbetreuung ermöglichte) Erwerbstätigkeit beider Eltern der Regelfall. Im Widerspruch zum politisch favorisierten Ideal der egalitären Doppelverdienerfamilie ist es aus der Sicht von Männern auch nachrangig, ob sie alleine oder gemeinsam mit ihrer Partnerin das Einkommen erwirtschaften. Was zählt, ist das Auskommen der Familie. Wichtiger noch als die Höhe ihres Einkommens ist für sie die Planungssicherheit: Für die große Mehrheit der Männer setzt die Familiengründung einen sicheren Arbeitsplatz voraus. Auch Frauen sehen - trotz ihrer gestiegenen Erwerbsneigung - die Arbeitsplatzsicherheit ihres Partners als eine zentrale Bedingung für die Geburt von Kindern an (4). Stabile berufliche Karrieren begünstigen deshalb den Kinderwunsch von Männern, niedrige Einkommen und unsichere Arbeitsmarktperspektiven sind ihm abträglich.
Grundlegend für den Kinderwunsch von Männern ist allerdings weniger ihre materielle als ihre partnerschaftliche Lebenssituation: Denn anders als bei Frauen entsteht bei ihnen der Wunsch eine Familie zu gründen erst in konkreten Paarbeziehungen. Leben sie in einer auf (Lebens)Dauer angelegten Partnerschaft wünschen sie sich kaum seltener Familie als Frauen: Etwa 90 Prozent der verheirateten Männer wie der verheirateten Frauen wünschen sich Kinder oder sind bereits Eltern. In nicht-ehelichen Paarbeziehungen lebende Männer wollen viel häufiger kinderlos bleiben und wünschen sich auch seltener Kinder als unverheiratete Frauen (5). Zu erklären sind diese Differenzen mit der größeren Stabilität von Ehen im Vergleich zu weniger institutionalisierten Partnerschaftsformen (6). Für den Kinderwunsch von Männern ist die Beständigkeit von Partnerschaften noch wichtiger als bei den Frauen (7). Beständige Beziehungen setzen die beiderseitige Bereitschaft voraus, sich langfristig zu binden. Es fördert die Bindungsbereitschaft junger Männer, wenn Sie schon in ihrer Herkunftsfamilie Verlässlichkeit erfahren haben. So ist es zu verstehen, dass sich Männer, die in einer „Normalfamilie" mit beiden leiblichen Eltern aufgewachsen sind, häufiger eine (größere) Familie wünschen als solche, die als Kind eine Trennung ihrer Eltern erlebten (8). Auch immaterielle Werte „jenseits von Angebot und Nachfrage" sind für dauerhafte Bindungen bedeutsam. Darauf verweist der ausgeprägte Kinderwunsch von Männern, die religiös sind (9).
Fazit: Gestiegene Trennungs- und Scheidungszahlen im Zuge des Trends zur „seriellen Monogamie", der Bedeutungsverlust von Religion und die fortschreitende „Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Ökonomie" (Habermas) beeinträchtigen die Bindungsbereitschaft und sind damit wesentliche Ursachen für den gesunkenen Kinderwunsch besonders von Männern.

(1) Nach Ergebnissen des „Generations and Gender Survey" 2005 ist die Hälfte der Frauen der Meinung, „dass Kinder für ein erfülltes Frauenleben nicht mehr notwendig sind". Die Bevölkerungsforscher schlossen daraus, dass sich Frauen „von ihrem klassischen Rollenvorbild als Mutter weitgehend emanzipiert haben". Bezogen auf die Vaterschaft verhalte es sich nicht anders: „Nur etwa mehr als ein Viertel der Männer und noch weniger Frauen sehen in Kindern eine Voraussetzung für ein erfülltes Männerleben." Siehe: Charlotte Höhn et al: Kinderwünsche in Deutschland. Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik, Stuttgart 2006, S. 28-29.
(2) Der 7. Familienbericht formuliert diesen Gedanken zwar nicht explizit, legt ihn aber nahe. Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik - Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, S. 66-67.
(3) Frauen wünschten sich in Westdeutschland durchschnittlich 1,74 und in den neuen Bundesländern 1,78 Kinder. Kinderlos bleiben wollten im früheren Bundesgebiet 16,6% der Frauen und 27,2% der Männer, in den neuen Bundesländern dagegen nur 5,8% der Frauen und 21,1% der Männer. Gleichzeitig wünschten sich 15,3% der Frauen und sogar 19,7% der Männer in Westdeutschland sowie 14,9% der Frauen und nur 9,6% der Männer in Ostdeutschland drei und mehr Kinder. Vgl.: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg.): 1973-2008 - 35 Jahre bevölkerungswissenschaftliche Forschung am BIB, Wiesbaden 2009, S. 51-52.
(4) Vgl.: Thomas Klein/Jan Eckhard: Partnerschaft und Beruf: Aspekte des Kinderwunsches, S. 379-401, in: Michael Feldhaus/Johannes Huinink (Hrsg.): Neuere Entwicklungen in der Beziehungs- und Familienforschung, Würzburg 2008, S. 393-394.
(5) Vgl.: Jan Eckhard/Thomas Klein: Männer, Kinderwunsch und generatives Verhalten. Eine Auswertung des Familiensurvey zu Geschlechterunterschieden in der Motivation zur Elternschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, S. 66. Klein und Eckhard fassen ihre Ergebnisse so zusammen: „Deutlich zeigt sich, dass nicht nur das faktische Familiengründungsverhalten, sondern auch der Kinderwunsch an das Eheschließungsverhalten gekoppelt ist. [...] Mit zunehmendem Alter der Frau spiegelt sich in der Lebensform der nicht- ehelichen Partnerschaft aber auch immer öfter die gewollte Kinderlosigkeit wieder. Von den Frauen zwischen 36 und 45 Jahren, die zum Befragungszeitpunkt eine Paarbeziehung hatten, mit dem Beziehungspartner aber nicht verheiratet waren, gaben über ein Drittel an, dass sie kein Kind haben möchten. [...] Von den Männern zwischen 36 und 45 Jahren, die zwar eine Partnerin haben, mit dieser aber nicht verheiratet sind, präferieren sogar fast 45 % die dauerhafte Kinderlosigkeit" (Siehe ebenda, S. 65-67). Siehe hierzu auch Abbildung unten „Lebensformen und Kinderwunsch". Neuere Daten bestätigen den Befund eines geringen Anteils Kinderloser unter den Verheirateten aus dem Familiensurvey 2000. Für die Frauen siehe hierzu: http://www.i-daf.org/107-0-Woche-50-2008.html sowie für die Männer: http://www.i-daf.org/258-0-Woche-49-2009.html.
(6) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/201-0-Woche-33-2009.html.
(7) Vgl.: Jan Eckhard/Thomas Klein: Männer, Kinderwunsch und generatives Verhalten, op. cit. S. 67 ff.
(8) Zur Rolle der Herkunftsfamilie für den Kinderwunsch: http://www.i-daf.org/97-0-Woche-45-2008.html.
(9) Zur Bedeutung der Religion siehe Abbildung unten „Väter und kinderlose Männer: soziale Merkmale" sowie: http://www.i-daf.org/85-0-Woche-39-2008.html.

 

 

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