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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 5/6 - 2010

Mutterschaft in Ostdeutschland: Unabhängig vom Ehemann, abhängig von Vater Staat

Der Osten Deutschlands gilt wirtschaftlich wie demographisch als Krisenregion. Es überrascht daher zunächst, dass 2008 die Geburtenrate in Ostdeutschland erstmals seit 1991 wieder etwas höher war als im früheren Bundesgebiet (1). Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate in den neuen Bundesländern bis 1994 auf den historisch einzigartigen Tiefstand von 0,8 Kindern pro Frau eingebrochen. Ursache des plötzlichen Einbruchs nach 1990 wie des langsamen, aber kontinuierlichen Wiederanstiegs der Geburtenrate seit Mitte der 1990er Jahre ist der zeitliche Aufschub von Geburten im Lebensverlauf ostdeutscher Frauen. Nach der Wende verschoben ostdeutsche Frauen - vor allem aufgrund der gewachsenen biographischen Unsicherheiten - die Geburt von Kindern in ein höheres Lebensalter (2).
Als Maß für die Fertilität in einer bestimmten Periode wird die Geburtenrate stark durch solche „Timing-Effekte" beeinflusst (3). Ein zuverlässigerer Indikator für das Geburtenniveau ist die durchschnittliche Kinderzahl von Frauen nach Geburtsjahrgängen (Kohortenfertilität). Sie zeigt, wie viele Kinder Frauen im Laufe ihres Lebens tatsächlich bekommen haben. In den Geburtsjahrgängen der 1969-73 geborenen Frauen ist die Kinderzahl in Ostdeutschland (1,41) etwas höher als in Westdeutschland (1,37). Die konvergierenden Durchschnittswerte beruhen allerdings auf einem sehr unterschiedlichen Geburtenverhalten: Kinderlosigkeit ist in Ostdeutschland wesentlich seltener als in Westdeutschland. Gleichzeitig gründen Frauen seltener Familien mit drei oder mehr Kindern und haben häufiger nur ein Kind. Beide Verhaltensmuster führen im Ergebnis zu einem niedrigen Geburtenniveau (4).
Deutlicher als das Geburtenniveau unterscheiden sich die familiären Lebensformen: In Westdeutschland ist die Familiengründung eng an die Ehe gebunden, Elternschaft in Ostdeutschland ist dagegen stärker von der Ehe entkoppelt (5). Kernfamilien mit beiden leiblichen Eltern sind in Ostdeutschland seltener und Familien mit nur einem Elternteil wesentlich häufiger. Der zentrale Grund für diese Unterschiede ist das höhere Scheidungs- und Trennungsrisiko in Ostdeutschland (6). Aufgrund von Trennungen und neuen Partnerschaften ändern sich die Familienformen auch häufiger im Lebensverlauf. Biographische Analysen zeigen, wie verbreitet der Status „alleinerziehende" Mutter in Ostdeutschland ist: Fast die Hälfte der zwischen 1953 und 1972 geborenen Frauen war mindestens einmal in ihrem Leben alleinerziehend, in Westdeutschland gilt dies für etwa jede Fünfte (7). Die niedrigere Kinderlosigkeit in Ostdeutschland geht also mit einer größeren Instabilität von Familien einher.
Bereits in der DDR waren nichteheliche Geburten häufiger als im früheren Bundesgebiet und der Anteil unverheirateter und alleinerziehender Mütter höher (8). Mütter waren in der DDR mehr als 90% der Frauen, gleichzeitig waren kinderreiche Familien noch seltener als in der Bundesrepublik (9). Vor allem aufgrund des Schwundes kinderreicher Familien gingen die Kinderzahlen von Frauen trotz der pronatalistischen Politik der SED auch in der DDR deutlich zurück (10).
Wesentlich nachhaltiger als das Geburtenniveau prägte die Frauen- und Bevölkerungspolitik der DDR die Strukturen des Familienlebens: Ab dem zweiten Lebensjahr werden in Ostdeutschland auch heute die meisten Kinder in staatlichen Institutionen betreut - Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen, gelten als exotische Ausnahmen. Die von der SED durchgesetzte Norm der erwerbstätigen Mutter ist auch nach der Wende bestimmend geblieben (11). Die erwerbstätige, von einem Ernährerehemann unabhängige Mutter ist auch das alles beherrschende Leitbild der gegenwärtigen Frauen- und Sozialpolitik (12). Gerne übersehen wird der Preis dieser Art von Emanzipation: Der Staat hat nicht nur in seinen Institutionen die Kinder zu betreuen und zu versorgen. Im Fall der Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. von Müttern tritt er mit seinen Transferleistungen immer häufiger an die Stelle des Familienernährers. Die größere Unabhängigkeit vom Ernährerehemann wird so mit der Abhängigkeit vom Staat erkauft (13).

(1) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Durchschnittliche Kinderzahl 2008 in den neuen Ländern angestiegen, Pressemitteilung Nr. 034 vom 27.01.2010.
(2) Vgl.: Michaela Kreyenfeld/Dirk Konietzka: Angleichung oder Verfestigung der Differenzen? Geburtenentwicklung und Familienformen in Ost- und Westdeutschland, MPIDR Working Paper 2004-025, September 2004 sowie speziell zum Anstieg des Erstgeburtsalters: Olga Pötsch/Bettina Sommer: Generatives Verhalten der Frauenkohorten im langfristigen Vergleich, S. 377-396, in: Statistisches Bundesamt: Wirtschaft und Statistik 5/2009, S. 386.
(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/127-0-Woche-8-2009.html.
(4) Jürgen Dorbritz: Kinderzahlen und Lebensformen im West-Ost-Vergleich - Ergebnisse des Mikrozensus 2008, S. 11-15, in: Bevölkerungsforschung Aktuell, 31. Jahrgang, Januar 2010, S. 12 sowie Abbildung unten: „Kinderzahlen in Ost- und Westdeutschland".
(5) Vgl. ebenda, S. 13.
(6) Vgl.: Anja Steinbach: Stieffamilien in Deutschland. Ergebnisse des „Generations and Gender Survey" 2005, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 2/2008, S. 167.
(7) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland - Potenziale, Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe, Monitor Familienforschung Ausgabe 15, Dezember 2008, S. 6.
(8) Der Anteil nichtehelicher Geburten war in der DDR schon seit den 1970er Jahren deutlich gestiegen. Als entscheidender Impuls für diesen Anstieg gelten sozialpolitische Maßnahmen. Eine besondere Rolle spielte hier die Einführung des „Babyjahres", das seit 1976 verheirateten Frauen ab dem zweiten Kind, unverheirateten Frauen aber bereits ab dem ersten Kind Anspruch auf einen einjährigen bezahlten Mutterschaftsurlaub einräumte. Vgl.: Michaela Kreyenfeld/Dirk Konietzka: Angleichung oder Verfestigung der Differenzen? op. cit. S. 16 sowie: Christian Alt: Wandel familiärer Lebensverhältnisse minderjähriger Kinder in Zeiten der Pluralisierung, S. 219-244, in: Walter Bien et al (Hrsg.): Partnerschaft und Familiengründung. Ergebnisse der dritten Welle des Familien-Survey, Opladen 2003, S. 70.
(9) Vgl.: Karl Schwarz: Zur Problematik von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit als Mittel zur Förderung des Kinderwunsches, S. 35-49, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 32. Jahrgang, 1-2-2007, S. 39 und S. 46.
(10) Jürgen Dorbritz: Kinderzahlen und Lebensformen im West-Ost-Vergleich, op. cit. S. 11 (Tabelle 1).
(11) Zur Erwerbstätigkeit von Müttern in Ostdeutschland vgl.: Christina Klenner: Wer ernährt die Familie? Erwerbs- und Einkommenskonstellationen in Ostdeutschland, S. 619-624, in: WSI- Mitteilungen - Monatszeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, 62. Jahrgang, November 2009.
(12) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/264-0-Woche-52-2009.html.
(13) Siehe hierzu Abbildung unten: „Lebensunterhalt von Mütter nach Familienform". Als Beispiel für eine hellsichtige publizistische Analyse dieser Problematik: Rainer Hank/Georg Meck: Alleinerziehende - Die Hätschelkinder der Nation, aus Frankfurter Allgemeine vom 24. Januar 2010.

 

 

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