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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 7-8 / 2010

Journalisten, Künstler, Politiker, Sozialwissenschaftler: Berufe, in denen Kinderlosigkeit besonders häufig vorkommt

Die familienpolitische Debatte dreht sich seit langem um eine Kunstfigur: Die berufliche erfolgreiche Akademikerin (1). Sie verkörpert einerseits den Erfolg der Frauenemanzipation (aufgeklärt, unabhängig etc.) und andererseits den negativen demographischen Trend zur steigenden Kinderlosigkeit. Als der entscheidende Grund für ihren Verzicht auf Kinder gilt die mangelnde Vereinbarkeit von Erwerbsberuf und Familie: Dies nicht nur, weil „mit steigender Bildung auf immer mehr Lohn und Gehalt verzichtet werden muss, sondern auch ein Stück weit auf Selbstverwirklichung, soziale Anerkennung und Lebensfreude". Aus diesem Grund blieben Akademikerinnen in Deutschland häufiger kinderlos als formal geringer qualifizierte Frauen. Um höher qualifizierten Frauen die Entscheidung für Kinder zu ermöglichen, seien sie von „ihrer Erziehungsverantwortung zu entlasten und ihnen dadurch mehr Raum für die eigene Berufstätigkeit zu geben"(2). Praktisch bedeutet dies, dass Kinder von klein auf außerhalb der Familie in Institutionen zu versorgen sind.
Als Vorbild einer solchen Müttererwerbsförderpolitik gilt allgemein Schweden: Frauen mit Hochschulabschluss bleiben hier im Vergleich zu Westdeutschland und Österreich seltener kinderlos - das Ideal der Vereinbarkeit von „Kind und Karriere" scheint verwirklicht zu sein (3). Die schwedische Bevölkerungsstatistik zeigt allerdings, dass sich Frauen mit Hochschulabschluss je nach Fachrichtung stark in ihrem Geburtenverhalten unterscheiden: Lehrerinnen (10-15%), aber auch Ärztinnen (16%) sind relativ selten kinderlos. Dagegen bleiben Juristinnen (20%), Bibliothekarinnen (27%) und vor allem Geisteswissenschaftlerinnen (30%) häufiger kinderlos. Am seltensten leben hingegen Kindergärtnerinnen (ca. 7%) und Hebammen (5%) ohne Kinder. Das Ausmaß der Kinderlosigkeit in Schweden unterscheidet sich also deutlich nach Berufszweigen: Frauen mit einer Ausbildung für das Bildungs- oder Gesundheitswesen bleiben wesentlich seltener kinderlos als Frauen mit einem für Verwaltung oder Wirtschaft qualifizierenden Berufsabschluss (4). Unter ganz anderen institutionellen Bedingungen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zeigen sich ähnliche Zusammenhänge in Österreich: Auch hier bleiben Frauen in Gesundheitsberufen (Hebammen, Krankenschwestern, Ärztinnen etc.) seltener kinderlos als Frauen anderer Berufsrichtungen.
In Schweden wie in Österreich sind für Journalismus, Sozial- und Geisteswissenschaften, Theologie und den Kunstbereich ausgebildete Frauen auffallend häufig kinderlos (5). Warum Absolventinnen dieser Fachbereiche häufiger kinderlos (und unverheiratet) bleiben als z. B. Ärztinnen lässt sich nicht allein aus den Erwerbsbedingungen erklären. Es handelt sich hier um Bereiche, die ideologieanfälliger sind und in denen feministische Debatten Ehe und Familie öfter fundamental in Frage stellen (6). Für nicht wenige Frauen, aber auch Männer in diesen Berufen ist der bewusste Verzicht auf Kinder Ausdruck eines ungebundenen, postmodernen Lebensstils (7). In Deutschland ist dieser Lebensstil über seine akademische Avantgarde hinaus mittlerweile für breitere Schichten attraktiv: In der Bevölkerung hat sich eine noch minoritäre, aber wachsende Gruppe etabliert, „die Familie nicht wünscht und nicht lebt". Aufgrund ihrer „ausgeprägt individualistischen Orientierungen" sind deren Angehörige „familienpolitisch nur schwer erreichbar" (8). Trotz Krippen und Ganztagsschulen bleiben Kinder aus Sicht dieser Gruppe wohl ein „Entfaltungs- und Karrierehemmnis". Im Gegensatz zu dieser Sichtweise verbinden die meisten Eltern mit Kindern Sinnerfüllung, Lebensfreude und auch ein Stück Selbstverwirklichung (9). Neben ihrer Erwerbstätigkeit wollen sie Zeit für die Familie haben, um ihre Kinder selbstverantwortlich zu erziehen. Um die Entscheidung für Kinder wirksam zu fördern, müsste sich die Politik statt an fiktiven Kunstfiguren an den realen Präferenzen der „Familienmenschen" orientieren (10). Das politische Meinungsklima prägen aber nicht Hebammen, Grundschullehrerinnen oder Apotheker, sondern häufig kinderlose Publizist(inn)en, Moderator(inn)en und Politiker(innen) in der medialen Bewusstseinsindustrie.

(1) Eine Kunstfigur ist eine fiktive Figur oder Person, die nahezu alle Attribute einer lebenden Person besitzen kann. Oft zeichnet sich die Kunstfigur dadurch aus, dass sie von ihrem Umfeld für eine reale Person gehalten wird: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstfigur.
(2) Siehe: Norbert F. Schneider: Work-Life- Balance - Neue Herausforderungen für eine zukunftsorientierte Personalpolitik aus soziologischer Perspektive, S. 64-74, in: Alexander Dilger/Irene Gerlach/Helmut Schneider (Hrsg.): Betriebliche Familienpolitik. Potenziale und Instrumente aus multidisziplinärer Sicht, Wiesbaden 2007, S. 64-65.
(3) Übersehen wird bei solchen Vergleichen regelmäßig der höhere Anteil von Akademikerinnen in Schweden. So haben nur 13% der österreichischen Frauen der Geburtenkohorten 1955-1959, aber immerhin 33% der schwedischen Frauen derselben Kohorte einen tertiären Bildungsabschluss. Vgl.: Gerda Neyer: Bildung und Kinderlosigkeit in Österreich und Schweden, S. 286-309, in: Zeitschrift für Familienforschung, 21. Jahrgang, Heft 3/2009, S. 253.
(4) Vgl. ebenda, S. 296-297.
(5) Ebenda, S. 300-301. Extrem hoch ist in Österreich die Kinderlosigkeit von Frauen mit Abschlüssen in Kunstgeschichte (46%), Theaterwissenschaft und Schauspiel (47%) und Malerei, Graphik, Kunsthandwerk (40%), ebenda S. 297.
(6) Neyer drückt sich hier vorsichtig aus: „Manches deutet darauf hin, dass neben den Erwerbsbedingungen auch andere Lebensorientierungen in Bezug auf Familie die hohe Kinderlosigkeit von Frauen mit diesen Ausbildungen bedingen. Die Geisteswissenschaften, Kunst und Sozialwissenschaften (auch das Bibliotheks- und Buchwesen) waren in den 1970er und 1980er Jahren jene Bereiche, in denen feministische Diskurse Geschlechterkonstellationen fundamental in Frage stellten. Da die feministische Bewegung in dieser Zeit sich eher gegen Mütterlichkeit wandte, könnte dies zum Teil auch zu einer höheren Kinderlosigkeit von Frauen mit diesen Ausbildungen beigetragen haben". Ebenda, S. 305. Über Motive und Ursachen der Kinderlosigkeit in Medienberufen vgl. auch Jürgen Liminski: Meinungseliten und Meinungsdiktat - das medial-politische Establishment und die Familie, in: Die verratene Familie. Politik ohne Zukunft, Sankt-Ulrich-Verlag, Augsburg 2007, S. 29-55.
(7) Nach Mikrozensus-Auswertungen von Hans Bertram weisen in Medienberufen tätige Männer besonders niedrige, Ärzte und Apotheker dagegen relativ hohe Kinderzahlen auf. Vgl.: Hans Bertram: Die Mehrkinderfamilie in Deutschland. Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2008, S. 9-11.
(8) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Demographische Trends und Hauptergebnisse der deutschen Population Policy Acceptance Study (PPAS), S. 315-361, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 3-4/2004, S. 350-355.
(9) Siehe hierzu Abbildungen unter: „Bedeutung von Kindern aus der Sicht von Frauen" sowie „Bedeutung von Kindern aus der Sicht von Männern".
(10) Zu diesen gehört insbesondere der Wunsch nach Teilzeitarbeitsplätzen, die es Eltern ermöglichen, sich eigenhändig um die Förderung ihrer Kinder zu kümmern:
http://www.i-daf.org/49-0-Woche-22-2008.html. Zu den Erwartungen an die Familienpolitik: http://www.i-daf.org/218-0-Woche-37-2009.html.

 

 

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