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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
iDAF-Newsletter der Wochen 9/10 - 2010


Zitat der Wochen 9-10 / 2010

Die sichere Basis: Hauptbindungsfigur ist fast immer die Mutter

 

Die Hauptbindungsfigur ist in praktisch allen Kulturen nahezu immer die Mutter, weil sie die zuverlässigste Partnerin für das durch den Ausdruck von Gefühlen geregelte Miteinander ist. Von der Qualität ihres Verhaltens auf die Signale des Säuglings hängt es ab, ob sich eine sichere oder unsichere Bindungsqualität zwischen dem Säugling und der Mutter und anderen Bindungspersonen entwickelt. [...] Mit der Bindungsperson als „sicherer Basis" für das Erkunden des Kleinkinds werden „innere Arbeitsmodelle" über sich selbst und andere aufgebaut [...] . Auf sie richten sich zunächst alle Intentionen des Kleinkindes. Sie sind die Grundlage für die Entwicklung von Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl. [...] Der Ausdruck von Gefühlen ist das Verständigungsmittel. Die Integrität und Kohärenz der Gefühle im Einklang mit der Wirklichkeit ist das für die gesunde Entwicklung günstigste Ergebnis. Sie ist die beste Ausgangsbasis für geistige Beweglichkeit. [...]

Karin Grossmann: Bindungen zwischen Kind und Eltern. Verhaltensbiologische Aspekte der Kindesentwicklung, S. 50-63, in: Otto Kraus (Hrsg.): Die Scheidungswaisen, Veröffentlichung der Joachim Jungius- Gesellschaft Hamburg, Nr. 70, Göttingen 1993, S. 80-81.

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Nachricht der Wochen 9-10 / 2010

Bindung, Bildung, Babies: Mythen und Wirklichkeit

 

Vorbehalte von Eltern, das eigene Kind außerhalb der Familie in einer Krippe betreuen zu lassen, stoßen in der veröffentlichten Meinung auf Unverständnis: Dass kleine Kinder auf die dauerhafte Präsenz und liebevolle Zuwendung einer primären Bezugsperson angewiesen sind, gilt als ein antiquierter, bürgerlichen Familienidealen verhafteter „Müttermythos" (1). In diesem Sinne behauptet auch der 12. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung, die „neuere Bindungstheorie" habe das noch von Forschern wie John Bowlby vertretene Ideal der kontinuierlichen Betreuung kleiner Kinder durch eine einzige Bezugsperson „aufgegeben". Die moderne Entwicklungspsychologie zeige vielmehr, dass Kleinkinder auf die Betreuung durch mehrere Bezugspersonen hin „angelegt" seien (2). Um sich sozial und kognitiv zu entwickeln, benötigten Kleinkinder „den familialen Rahmen erweiternde und ergänzende Bildungsgelegenheiten" (3). Als unverzichtbar gelten hier Kinderkrippen- und Tagesstätten insbesondere für Kinder aus Familien in prekären Lebenslagen oder mit einem Migrationshintergrund: Je früher und je länger diese Kinder öffentlich betreut würden, desto besser seien später ihre Chancen in Ausbildung und Beruf (4).
Vergessen werden bei solchen Behauptungen allerdings die elementaren psychischen Bedürfnisse von Kindern. Besonders in ihren ersten Lebensjahren sind Kinder sehr verletzlich und existentiell von der Pflege durch vertraute Bezugspersonen abhängig. Um ihr Überleben zu sichern, entwickeln Säuglinge deshalb enge Bindungsbeziehungen an vertraute Bezugspersonen. Zu diesem Zweck kommunizieren sie mit den Betreuungspersonen, die ihre leiblichen Bedürfnisse befriedigen und mit ihnen spielen. Die Qualität dieser Beziehungen ist davon abhängig, wie feinfühlig die Betreuungspersonen auf die physischen und psychischen Bedürfnisse des Kindes eingehen. Solche sicheren Beziehungen benötigen Kleinkinder, um die „Welt" entdecken zu können (5). Bildung setzt Bindung voraus.
Bindungen aber lassen sich nicht einfach herstellen und beliebig austauschen. Zwar können kleine Kinder durchaus zu mehreren Personen engere Bindungen aufbauen. Diese Beziehungen sind jedoch „eindeutig hierarchisch geordnet, das Kind bevorzugt eine Bindungsperson vor den anderen" (6). Diese Person ist meistens die leibliche Mutter. Um sich emotional und sozial gesund zu entwickeln, müssen Kinder daher sichere Bindungsbeziehungen zu ihren Müttern entwickeln (7). Unerlässlich hierfür sind genügend Zeit und physische Nähe, denn längere Trennungen von ihrer Mutter lassen Kleinkinder leiden (8). Lange Zeiten der Fremdbetreuung (mehr als 30 Wochenstunden) beeinträchtigen regelmäßig die Mutter-Kind-Bindung. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Wie Langzeitstudien belegen, stören unsicher gebundene Kinder später in der Schule häufiger im Unterricht und zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten (9). Schädlich für das Bindungs- und Sozialverhalten von Kindern ist es auch, wenn Erzieherinnen in Tagestätten zu häufig wechseln oder (wegen zu großer Gruppen) nicht individuell auf die Kinder eingehen können. Aufgrund solcher empirischer Erkenntnisse hält es die Kinderpsychologin Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik „nur bei bester Qualität" für „vertretbar", Kinder ganztägig außerhalb der Familie zu betreuen (10). Entscheidend für die Betreuungsqualität seien kontinuierlich präsente und feinfühlig zugewandte Erzieherinnen. Nur unter diesen Umständen könne sich eine (zeitlich begrenzte) außerfamiliäre Betreuung überhaupt positiv auf die kindliche Entwicklung auswirken. Dies gelte besonders für Kinder aus sozial benachteiligten bzw. bildungsfernen Familien.
Ausgerechnet in den Ballungszentren in Westdeutschland, in denen besonders viele Kinder mit Migrationshintergrund leben, sieht Becker-Stoll die erforderliche Betreuungsqualität „nur sehr selten gewährleistet". Angesichts der mit den neu eingeführten Bildungsplänen immens gestiegenen Erwartungen an die Kindertagesstätten einerseits und den knappen materiellen und personellen Ressourcen andererseits klafften „Anspruch und Wirklichkeit immer mehr auseinander" (11). Das politische Versprechen des sozialen Fortschritts durch mehr Ganztagsbetreuung erweist sich als ungedeckter Scheck und der mediale Spott über den vermeintlich überholten „Müttermythos" als hohl. Vielmehr könnte man schon von einem politisch-medialen Mythos der staatlichen Ganztagsbetreuung sprechen.

(1) Prototypisch für zahlreiche diese Sichtweise artikulierende Beiträge: Andrea Brandt et al: Glaubenskrieg ums Kind, S. 41-54, in: DER SPIEGEL 9/2008, S. 45.
(2) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode - Drucksache 15/6014), S. 122-123.
(3) Siehe ebenda, S. 33-34.
(4) Prototypisch für diese Argumentation: Mehr Bildung für Hartz-IV-Kinder, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Februar 2010, S. 11.
(5) Vgl.: Fabienne Becker-Stoll: Kindeswohl und Fremdbetreuung, S. 77-81, in: Zeitschrift für das gesamte Familienrecht, 57. Jahrgang/Heft 2, Januar 2010, S. 77-78. siehe auch: Jürgen Liminski, Auf die Familie kommt es an. Was macht die Gesellschaft zukunftsfähig? Aus der Reihe „Kirche und Gesellschaft" der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, Mönchengladbach, Heft 359 / 2009.
(6) Fabienne Becker-Stoll: Kindeswohl und Fremdbetreuung, op. cit. S. 78.
(7) So ist auch im 12. Kinder- und Jugendbericht zu lesen: „Die wichtigsten Faktoren für eine gesunde, in kognitiver, sozialer und emotionaler Hinsicht gelingende Entwicklung des Kindes sind in der Qualität der Beziehung des Säuglings und Kleinkindes zu seiner Mutter sowie in der qualitativ guten Betreuung durch seine Mutter zu sehen. [...] Die neuere neuropsychologisch orientierte Forschung befasst sich detailliert mit dem Zusammenhang der frühen Mutter- Kind-Beziehung und der Regulation von Emotionen. In Abhängigkeit davon, wie in Mutter-Kind-Beziehungen Emotionen erfahren und kommuniziert werden, entwickeln sich auch die neuronalen Schaltkreise der Emotionsregulation des Kindes. [...] Bei fehlender Bindungssicherheit dürfte die eigenständige Emotionsregulation des Kindes eingeschränkt sein, und es muss im Verlauf der weiteren Entwicklung mit einer extrem erhöhten bzw. verminderten Schmerzempfindlichkeit, einer fehlgeleiteten Stressverarbeitung und einer ausgeprägten Aggressionsbereitschaft gerechnet werden." Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, op. cit. S. 106.
(8) „Längere Trennungen oder gar der Verlust dieser Bindung führen zu schweren Trauerreaktionen und großem seelischen Leid." Fabienne Becker-Stoll: Kindeswohl und Fremdbetreuung, op. cit. S. 78
(9) Ebenda, S. 79.
(10) Becker Stoll schreibt wörtlich: „Nur bei bester Qualität der außerfamiliären Betreuung ist eine Ganztagsbetreuung selbst bei einem Schulkind vertretbar - es muss noch genügend Zeit und Kraft für die Eltern-Kind-Beziehung bleiben (sowohl von dem berufstätigen Eltern als auch vom Kind aus gesehen). Die Familie stellt nicht nur in den ersten Lebensjahren die wichtigste Ressource für die kindliche Entwicklung dar." Ebenda, S. 80.
(11) Siehe ebenda. Im Blick auf den quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung befürchtet auch der wissenschaftliche Beirat des Bundesfamilienministeriums, dass „Qualitätsaspekte erst zu spät oder gar nicht berücksichtigt werden und dass Betreuungsplätze entstehen, die den Anforderungen des frühkindlichen Bereichs in keiner Weise gerecht werden". BMFSFJ (Hrsg.): Bildung, Betreuung und Erziehung für Kinder unter drei Jahren - elterliche und öffentliche Sorge in gemeinsamer Verantwortung: Kurzgutachten des wiss. Beirats für Familienfragen, Berlin 2008, S. 45. Zur Kinderbetreuungspolitik der Bundesregierung siehe auch: http://www.i-daf.org/253-0-Woche-48-2009.html.