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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 11-12 / 2010

Scheidungsfolgen: Über Generationen wirksam

Jedes Jahr erleben etwa 200.000 Kinder in Deutschland, dass sich ihre Eltern trennen. Als Folge des Zerbrechens von Ehen und Beziehungen wachsen mittlerweile etwa ein Fünftel der Kinder in den alten und ein Drittel der Kinder in den neuen Bundesländern nicht mehr mit beiden leiblichen Eltern zusammenlebend auf (1). Lange bestand Konsens darüber, dass Trennungen der Eltern Kinder schwer belasten und die „Festigkeit der Kernfamilie" für ihr Wohlergehen wesentlich ist. Befürwortern eines neuen Leitbilds der „sozialen Elternschaft" gilt dagegen die „Orientierung der Öffentlichkeit am alten Ideal der Kernfamilie" (Renate Schmidt) als „überholt". In diesem Sinne betont der 7. Familienbericht der Bundesregierung, dass eine gesunde Entwicklung von Kindern „mit einem breiten Spektrum familialer Lebensformen vereinbar" sei (2). Aus dieser Sicht sollen Trennung und Scheidung „entdramatisiert und als zu bewältigende Erfahrung konzipiert" werden. Früher habe sich die Analyse von Scheidungen zu sehr auf die „negativen Auswirkungen, atypische und sogar pathogene Entwicklungstendenzen der Familie" konzentriert. Heute sehe man dagegen „im Übergang neben Dysfunktion gleichermaßen das Potential für Stimulation und entwicklungsbezogenes Wachstum gegeben". „Kritische Lebensereignisse" wie die Scheidung böten die Chance, „Beziehungen und die Lebenssituation neu und oftmals für alle Beteiligten befriedigender zu organisieren" (3).
Gleichzeitig muss der Expertenbericht jedoch einräumen, dass Scheidungen zu den „am meisten belastenden Lebensereignissen von Kindern" zählen. Insbesondere die anfängliche Phase der Elterntrennung sei „für die große Mehrheit der Kinder recht belastend", zumal die meisten Kinder „auf die Elterntrennung emotional nicht vorbereitet" seien. Trennungen der Eltern beeinträchtigten „das Selbstwertgefühl der Kinder, soziale und kognitive Kompetenzen sowie die schulischen Leistungen". Scheidungskinder zeigten „vermehrte Tendenzen zu externalisierenden und internalisierenden Bewältigungsstrategien", sie werden also häufiger psychisch auffällig (4). Vor allem männliche Scheidungswaisen sind anfälliger für Drogenkonsum, Delinquenz und Gewalt. Zwar verhalten sich in der Adoleszenz auch Kinder aus äußerlich intakten Kernfamilien nicht selten destruktiv und antisozial. Im Vergleich zu diesen ist das „Risiko von Anpassungsproblemen" bei Scheidungskindern im Vergleich jedoch mindestens doppelt so hoch (5).
Häufig sind diese Probleme vorübergehender Natur, nach der Pubertät passen sich die meisten Jugendlichen wieder den sozialen Normen an. Dies gilt selbstverständlich auch für Scheidungskinder, die in ihrer großen Mehrheit später ein normales Leben führen. Dauerhaft belastet bleibt jedoch in vielen Fällen die Beziehung zu den eigenen Eltern, insbesondere zum leiblichen Vater. Dies wiederum beeinträchtigt häufig Beziehungen noch im Erwachsenenalter: Kindern, die Trennungen oder gravierende Partnerschaftskonflikte ihrer Eltern erlebten, fällt es später schwerer, ihrem Partner zu vertrauen (6). Sie tendieren dazu, langfristige Bindungen zu vermeiden, sind unsicherer in ihren Partnerschaften und lösen diese schneller wieder auf. Deshalb scheuen Kinder geschiedener Eltern eher die Ehe und leben häufiger in weniger institutionalisierten und instabileren Partnerschaftsformen wie der nichtehelichen Lebensgemeinschaft (NEL). Entscheiden sie sich für die Ehe, ist das Scheidungsrisiko größer (7). Die Gefahr des Scheiterns von Ehe und Partnerschaften wird so über die Generationen vererbt. Der entscheidende Transmissionsriemen von Generation zu Generation sind dabei die durch die Trennung verunsicherten Eltern-Kind-Beziehungen. Im Blick auf die langfristige Bedeutung sicherer kindlicher Bindungen zu Vater und Mutter, warnte der Entwicklungspsychologe Klaus Grossmann davor, Scheidung als eine „Chance für Reorganisation" zu beschönigen. Stattdessen sollten Eltern mit der Sichtweise des Kindes konfrontiert werden, was oft dazu motivieren könne, gemeinsam nach Problemlösungen zu suchen (8). Im Zuge des politisch gewollten und forcierten Abschieds vom „alten Ideal der Kernfamilie" erscheinen solche Empfehlungen zwar wie in den Wind gesprochen. Sie zeigen aber auch, wie „verantwortungsfrei" Politik agieren kann.

 

(1) Jährlich erleben etwa 150.000 Kinder die Scheidung ihrer Eltern (vgl.: Juliane Gude: Ehescheidungen 2007, S. 1089-1100, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik Ausgabe 12/2008, S. 1095. Hinzu kommen die statistisch nicht exakt erfassten Trennungen nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern. Das Trennungsrisiko ist in dieser Konstellation wesentlich größer als in Ehepaarfamilien (Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/241-0-Woche-44--2009.html). Sie betreffen etwa 50.000 Kinder, die Zahl der insgesamt von Trennungen ihrer Eltern betroffenen Kinder lässt sich damit vorsichtig auf etwa 200.000 schätzen. Zum Anteil der nicht mit beiden leiblichen Eltern aufwachsenden Kinder vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik - Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, S. 116.
(2) Die frühere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt beklagte, dass „die Orientierung der Öffentlichkeit am alten Ideal der Kernfamilie" häufig zu „Vorurteilen gegenüber anderen Familienformen" führe. Siehe: Renate Schmidt: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Berlin 2002, S. 65. Im 7. Familienbericht heißt es: „Die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Scheidungskinder einen unproblematischen Entwicklungsverlauf nimmt, widerspricht letztlich auch der „wissenschaftlich als überholt anzusehenden Vorstellung, Kinder würden sich nur bei verheirateten leiblichen Eltern optimal entwickeln (Schneider 2002)". Siehe ebd., S. 120.
(3) Siehe ebd., S. 116. Im 7. Familienbericht heißt es ferner: „Seit Ende der 80er Jahre wird die Scheidung vermehrt als Transition im Entwicklungsprozess der Familie wahrgenommen, wodurch die in diesem Kontext ablaufenden komplexen Veränderungen angemessen und wertfrei berücksichtigt werden können. [...] Ehescheidung wie auch Wiederheirat werden hier explizit in den Kontext der familialen Entwicklung gestellt und somit nicht mehr als Einzelereignis, sondern als ein Übergang in einer Reihe von Übergängen, betrachtet, die die Entwicklung unterschiedlicher Familienstrukturen und die Entwicklung der Mitglieder innerhalb dieser Strukturen bedingen. Wie bei anderen entwicklungsbedingten Übergängen ergeben sich für die Beteiligten erforderliche Anpassungsleistungen, die als Entwicklungsaufgaben definiert werden" (ebd., S. 127). Wie Kinder diese „Entwicklungsaufgaben" wahrnehmen, spielt für diese „prozesshafte" und vermeintlich wertfreie Sicht auf Scheidung allenfalls eine untergeordnete Rolle. Aufschlussreich sind in dieser Hinsicht Inhaltsanalysen von Zeichnungen, in denen Kinder ihre Familie darstellen. Sie zeigen, dass Scheidungskinder sich und vor allem ihre Eltern im Vergleich zu Nicht-Scheidungskindern deutlich häufiger mit einer traurigen Mimik darstellen. Zugleich fällt auf, dass viele Scheidungskinder nicht die tatsächliche Familiensituation abbilden, sondern die Darstellungsform der Vater-Mutter-Kind-Triade wählen. Vgl.: Christina Kraus & Verena Klopp: „Ich und meine Familie" - Reflexionen von Scheidungskindern über ihre Familie, S. 247-270, in: Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jg. 3/2008, S. 258-262.
(4) Vgl. Siebter Familienbericht, op. cit. S. 120.
(5) Vgl. ebd., S. 119. Zur Delinquenz von Jugendlichen nach Familienform: http://www.i-daf.org/223-0-Woche-38-2009.html. Meta- Analysen aus den USA zeigen, dass sich diese negativen Effekte der Ehescheidung im Zeitverlauf trotz der größer gewordenen Toleranz für Scheidungen und verbesserter Betreuungsprogramme für Scheidungskinder nicht abgeschwächt haben. Vgl.: Helmut Thome/Christoph Birkel: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität. Deutschland, England und Schweden im Vergleich, 1950-2000, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007, S. 367-368.
(6) Vgl.: Martin Pinquart/Carolin Stotzka, Rainer K. Silbereisen: Ambivalenz während und nach Entscheidungen, S. 257-289, in: Michael Feldhaus/Johannes Huinink (Hrsg.): Neuere Entwicklungen in der Beziehungs- und Familienforschung, Würzburg 2008, S. 267.
(7) Siehe hierzu: Siebter Familienbericht, op. cit. S. 120 und S. 126 sowie Abbildung unten: „Herkunftsfamilie und Scheidungsrisiko".
(8) Grossmann wörtlich: „Die Bindung legt die Grundlage für ein integeres Gefüge der Gefühle, für Intentionen, für Gemeinschaft. [...] Die dargestellten Ergebnisse führen auch dazu, außerordentlich skeptisch zu sein gegenüber zwei Tendenzen, in denen sich m. E. besonders deutlich zeigt, wie stark die heutige Entwicklungspsychologie die gesellschaftlichen Veränderungen reflektiert. Die eine Tendenz betrifft die Auseinandersetzung um die Krippenerziehung, bei der die Ergebnisse der Bindungsforschung entweder ignoriert, missinterpretiert oder für irrelevant erklärt werden [...] und die noch ungeklärte Folgen für die Kompetenzentwicklung haben kann. Die andere Tendenz sind Modelle, die Scheidung beschönigend oder zumindest neutralistisch als eine „Chance für Reorganisation" betrachten (Fthenakis 1991), ohne die mangelnden Voraussetzungen [...] und ohne die für Zweitehen - gegenüber Erstehen - noch geringere Erfolgswahrscheinlichkeit gebührend zu beachten. Die Möglichkeit, dass ein derartiger Umgang mit Scheidung normativ wirkt, so wie das Faktische der Vielzahl von Scheidungen bereits normativ wirkt, ist m. E. durchaus gegeben. [...] Schmitt- Denter, Beelmann Trappen [...] schreiben: „Die Konfrontation mit der Sichtweise des Kindes ... löst bei den Eltern oft Betroffenheit aus und schafft die motivationale Voraussetzung, ein gemeinsames Problem zu erarbeiten." Vielleicht wäre hier ein überzeugendes prospektives Modell gegeben." Siehe: Klaus Grossmann: Bindungen zwischen Kind und Eltern: Verhaltensbiologische Aspekte der Kindesentwicklung, S. 50-63, in: Otto Kraus (Hrsg.): Die Scheidungswaisen, Göttingen 1993, S. 60-61.

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