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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 17-18 / 2010

Medienkonsum und Bildung: Neuer Prototyp ist der bildungsarme Junge aus der urbanen Migrantenfamilie

Ein Leben ohne Fernsehen, Computer und Handy ist für heutige Jugendliche undenkbar: Medien sind für sie längst keine „zweite Realität" mehr, sondern konstitutiv für ihre Lebenswelt - vom Spielen, über das Lernen bis hin zum Aufbau und zur Pflege von Bekanntschaften via Facebook & Co. Hinter der Selbstverständlichkeit des täglichen Medienkonsums verbergen sich jedoch höchst unterschiedliche Nutzerprofile: So unterscheiden Forscher zwischen „Wenigsehern", die maximal ein Stunde am Tag fernsehen, und Vielsehern, die mehrere Stunden täglich „vor der Glotze" verbringen (1). Noch größer sind die Unterschiede im Umgang mit Computerspielen und Spielkonsolen: Während viele Jugendliche sie fast gar nicht nutzen, sind sie für andere der Hauptzeitvertreib - bis hin zur Spielsucht (2).
Wie Jugendliche mit der virtuellen Realität der Medien umgehen, entscheidet über ihren Lebenserfolg: Vielseher" - vor allem solche, die mehr als drei Stunden täglich fernsehen - bewegen sich weniger, treiben weniger Sport und musizieren auch seltener. Aufgrund ihrer inaktiven Lebensweise sind sie häufiger übergewichtig und haben mehr gesundheitliche und motorische Probleme. Auch haben sie weniger soziale Kontakte und sind häufiger alleine (3). Sie sind trauriger als „Wenigseher" - das Fernsehen mindert also das Lebensglück von Kindern (4). Zugleich schadet es auch dem Bildungserfolg: Vor allem im Fach Deutsch sind die Leistungen von „Vielsehern" deutlich schlechter. Maßgeblich hierfür ist die verminderte Lesefähigkeit: Je mehr Zeit Kinder mit dem Fernsehen und anderen Bildschirmmedien verbringen, desto schlechter wird ihre Lesefähigkeit (5). Wichtig sind neben der Dauer auch die Inhalte des Medienkonsums: So wirken sich wegen ihrer Gewalttätigkeit indizierte Medien negativ auf die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit aus, verringern die Empathie und erhöhen die Gewaltbereitschaft (6).
Hoher Medienkonsum schadet prinzipiell allen Kindern und Jugendlichen - weitgehend unabhängig von ihrem Elternhaus und sozialer Schicht (7). Wie Jugendliche Medien nutzen, differiert jedoch nach Geschlecht, Bildungsniveau der Eltern und Migrationshintergrund: So verbringt ein 10-Jähriger Junge aus einer bildungsfernen Familie mit Migrationshintergrund täglich etwa vier Stunden vor dem Bildschirm. Den Gegenpol bildet das deutsche Mädchen aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, das an einem Schultag durchschnittlich nur 43 Minuten vor dem Fernseher oder dem Computer sitzt (8). Stattdessen beschäftigt es sich mehr mit „klassischen Medien" wie Büchern und Zeitschriften und mit kreativen Tätigkeiten wie Basteln und Musizieren. Ein solches Freizeitverhalten fördert die kognitive Leistungsfähigkeit. Umgekehrt schadet die visuelle Reizüberflutung der Fernseh- und Computerspielwelt der Konzentration auf komplexe Denkaufgaben, auf anspruchsvollere Texte und (Unterrichts)Gespräche.
Die Mediennutzung ist damit eine wesentliche Ursache der neuen „sozialen Stratifikation" des Bildungserfolgs: Benachteiligt ist heute nicht mehr das einst sprichwörtliche „katholische Arbeitermädchen vom Lande", sondern der Junge aus einer bildungsfernen Migrantenfamilie in der Großstadt (9). Er ist prototypisch der Verlierer unseres Bildungssystems, der sich vor allem an Haupt- und Sonderschulen findet, nicht selten sogar ohne Schulabschluss bleibt, wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und aus Frustration Selbstbestätigung in einer gewaltaffinen Subkultur sucht (10). Einige Faktoren, die diese Abwärtsspirale aus Medienverwahrlosung, Bildungsdeprivation und Delinquenz bewirken, lassen sich klar bestimmen: So sind Jungen generell anfälliger als Mädchen gegenüber Gewalt, Pornographie und medialen Scheinwelten. Bildungsferne Eltern kontrollieren den Medienkonsum ihrer Kinder seltener und schwächer als höher gebildete Eltern (11). Im Falle von Jungen mit Migrationshintergrund verschärft sich diese Tendenz wohl noch durch hergebrachte Erziehungsstile, die ihnen mehr Freiheiten als den Mädchen einräumen. Ohne eine medienpädagogische Aufklärung von Eltern dürfte der immer akuteren Bildungskrise der Jungen kaum abzuhelfen sein. Und das ist auch, mittel-und langfristig, eine offene Flanke für die Innovationskraft und Wirtschaft eines Landes.

(1) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/132-0-Woche-10-2009.html.
(2) Zum Suchtpotential von Internet und Computerspielen: Christoph Möller: Internetsucht/Computersucht bei Kindern und Jugendlichen, S. 14-37, in: Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 19. Jahrgang, Heft 3/2009.
(3) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie: Regeln und Motive, Umfang und Auswirkungen der Nutzung von Computer, Fernseher und Videokonsole, S. 107-129, Zeitschrift für Familienforschung, 20. Jahrgang, Heft 2/2008, S. 112.
(4) In einer Befragung von über 1.200 zwischen sechs und 13 Jahre alten Kindern zählten diese mehrheitlich das Fernsehen zu den besonders beglückenden Tätigkeiten - 89 Prozent assoziierten es mit glücklichen Gesichtern. Trotzdem erwies sich die Fernsehdauer als negativ mit dem subjektiv empfunden Glück von Kindern korreliert. Vgl.: Anton A. Bucher: Wie glücklich sind Deutschlands Kinder? Eine glückspsychologische Studie im Auftrag des ZDF, in: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 4. Jahrgang Heft 2/2009.
(5) Vgl.: Una M. Röhr-Sendlmaier/Irina Götz/Rebecca Stichel: Medienerziehung in der Familie, op. cit. S. 124.
(6) Vgl. Johannes Schwarte: Kinder und Medien, S. 102-111, in: Die Neue Ordnung, 64. Jahrgang - Heft 2, April 2010, S. 102-103.
(7) Vgl. ebenda, S. 104.
(8) Vgl.: Gudrun Quenzel/Klaus Hurrelmann: Geschlecht und Schulerfolg: Ein soziales Stratifikationsmuster kehrt sich um, S. 60-91, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 62. Jahrgang, Heft 1/2010, S. 81.
(9) Vgl. ebenda, S. 62-63.
(10) Zum Zusammenhang von schulischem Misserfolg und Delinquenz vgl. ebenda, S. 78.
(11) Vgl.: Ingrid Paus-Hasebrink: Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien, S. 20-26, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 17/2009, S. 24.

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