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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 19-20 / 2010

Der Wohlstand frisst seine Kinder: Die Beispiele Türkei und Südkorea

Hat sich die Politik der „Geburtenkontrolle" überlebt? „Diejenigen, die in der Vergangenheit weltweit Geburtenkontrolle und Familienplanung gefordert haben, schlagen nun die Hände über dem Kopf zusammen und zahlen Prämien" wurde jüngst der türkische Premierminister Erdogan zitiert. Jedes Ehepaar sollte „mindestens drei Kinder bekommen, sonst werde es dem Land in dreißig Jahren schlecht gehen" begründete er seinen Vorschlag, in der Türkei Baby-Prämien einzuführen (1). Nachwuchsmangel als Gefahr für die Türkei? Im Blick auf die wachsende Bevölkerung erscheint die Sorge Erdogans zunächst befremdlich: Seit den 1920er Jahren hat sich die Einwohnerzahl der Türkei von weniger als 15 Millionen auf nunmehr etwa 72 Mio. fast verfünffacht. Zugleich ist mehr als die Hälfte der Türken unter 30 Jahre alt. Aufgrund ihrer jungen Bevölkerung wird die Türkei bis Mitte dieses Jahrhunderts auf annähernd 100 Millionen wachsen (2).
Jahrzehntelang war die türkische Regierung bestrebt, dieses Bevölkerungswachstum zu bremsen: Mit Hilfe von Familienplanungsprogrammen sollten landesweit die Geburtenzahlen verringert werden. Diese Bevölkerungspolitik entsprach den Forderungen der Vereinten Nationen und westlicher Regierungen: Sie sahen die „Bevölkerungsexplosion" als zentrale Ursache für die Armut in der „Dritten Welt" und „Geburtenkontrolle" als Schlüssel für Entwicklung und Wohlstand (3).
Die Türkei zeigt nun beispielhaft den umgekehrten Wirkungszusammenhang. Das bedarf der Erklärung: Seit 1970 ist die Geburtenrate im Landesdurchschnitt von etwa sechs Kindern pro Frau auf etwa 2,2 Kinder pro Frau (2006) gesunken (4). Dieser dem Generationenersatz entsprechende Durchschnitt verdeckt jedoch die regionale Kluft im Geburtenverhalten innerhalb der Türkei: In einigen Provinzen Südostanatoliens bekommen Frauen auch heute noch sechs bis sieben Kinder - eine sinkende Tendenz ist nicht festzustellen. In der westlichen Türkei sind die Geburtenraten dagegen mittlerweile unter den Generationenersatz (TFR um 1,7) gesunken. Diese Regionen und besonders ihre urbanen Zentren (Istanbul, Izmir) haben sich wirtschaftlich rasch entwickelt, während Südostanatolien traditionell-agrarisch und arm geblieben ist (5). Hohe Geburtenraten erweisen sich hier als Folge, nicht als Ursache der Unterentwicklung und umgekehrt der Wohlstand als Ursache, nicht als Ergebnis niedrigerer Kinderzahlen. Entscheidend für den Geburtenrückgang ist letztlich nicht die Reklame für Familienplanung, sondern der wirtschaftliche Fortschritt (6).
Wirtschaftlich noch erfolgreicher als die Türkei waren in den letzen Jahrzehnten die ostasiatischen „Tigerstaaten", besonders Südkorea. Parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg brach die Geburtenrate in Südkorea von fünf (1960-65) auf 1,1-1,2 Kinder pro Frau (2000-2005) ein. Die Regierung hat den Geburtenrückgang lange gefördert: Noch in den 1980er Jahre warb sie offensiv für die Einkindfamilie. Als nach der Jahrtausendwende Rentenversicherungsexperten vor dem Schwund an künftigen Beitragszahlern warnten, setzte ein radikaler Kurswechsel ein: Im Jahr 2005 beschloss die Regierung ein umfangreiches bevölkerungspolitisches Programm: Zu den Maßnahmen gehörten unter anderem Steueranreize, vergünstigter Wohnraum für Eltern und nicht zuletzt mehr Kinderbetreuungsplätze. Wirkungen dieser offensiv-geburtenfördernden Politik sind bisher nicht erkennbar - bestenfalls stagniert die Geburtenrate (7).
Politik ist offenkundig erfolgreicher darin, den Verzicht auf Nachwuchs zu fördern als Paare davon zu überzeugen, mehr Kinder zu bekommen. Dies kann nicht überraschen: Denn der Geburtenmangel ist letztlich nur das Symptom einer „moralischen Stimmungslage" (Daniel Bell), in deren Zentrum das autonome Individuum steht (8). Gegenüber Anliegen der Gemeinschaft, wie etwa der Nachwuchssicherung, ist dieser Individualismus strukturell rücksichtslos. In gewissem Sinn kann man sagen: Der Wohlstand frisst seine Kinder (9). Auch in den modern-urban-westlichen Regionen der Türkei werden deshalb bald die für eine rasch alternde Gesellschaft benötigten Beitragszahler und Pflegekräfte knapp. Die Sorgen des türkischen Premierministers und seine Abkehr von der Strategie der „Geburtenkontrolle" sind durchaus begründet, auch wenn er damit noch andere Ziele verfolgen mag.

(1) Siehe: Erdogan ruft in der Türkei die Baby-Prämie auf, WELTONLINE vom 10. Mai 2010,
http://www.welt.de/politik/ausland/article7560520/Erdogan-ruft-in-der-Tuerkei-die-Babypraemie-aus.html.
(2) Vgl.: Steffen Kröhnert: Bevölkerungsentwicklung in der Türkei, Online-Handbuch des Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und Entwicklung, Berlin 2008, S. 1-2 sowie S. 5.
(3) Aus heutiger Sicht besonders aufschlussreich zur bevölkerungspolitischen Stimmungslage der 1960er und 1970 Jahre: Paul Ehrlich: Das Raumschiff ist überfüllt, in: DER SPIEGEL 10/1968 vom 04.03.1968, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135813.html.
(4) Siehe hierzu Abbildung unten: „Geburtenrückgang als globaler Trend".
(5) Vgl.: M. Murat Yucesahin/E. Murat Ozgur: Regional Fertility Differences in Turkey: Persistent High Fertility in the South-East, p. 135-158, in: Population, Space and Place 14, January 2008, p. 142. Der zentrale Faktor für die enormen Differenzen im Geburtenverhalten ist der Bildungsstand der Frauen: In einigen kurdischen Regionen Südostanatoliens ist die schulische Ausbildung vor allem von Frauen immer noch mangelhaft und Analphabetentum dementsprechend verbreitet (ebenda, p. 145-146). Informativ zu Bildung und Fertilität in der Türkei auch: Wolf-Dieter Hütteroth/Volker Höhfeld: Türkei. Darmstadt 2002, S. 174-175.
(6) Vgl.: Yasemin El-Menouar/Martin Fritz: Sozioökonomische Entwicklung und Wertvorstellungen in elf Regionen der Türkei, S. 356-561, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 61. Jahrgang/Nr. 4, Dezember 2009, S. 537-540. Dem Gefälle des wirtschaftlichen Entwicklungsstandes entsprechen die Mentalitäten: In den westtürkischen Metropolen Istanbul und Izmir sind die Einstellungen zum Verhältnis von Staat und Religion, zur Familie und zur Gleichstellung der Geschlechter modern - sie unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in Mitteleuropa. In den schwach entwickelten Regionen in Südostanatolien herrschen dagegen nach wie vor traditionell-religiöse Weltbilder und patriarchalische Familienverhältnisse vor (ebenda, S. 356-360).
(7) Vgl.: Carl Haub: Did South Korea´s population policy work to well? http://www.prb.org/ abgerufen am 10. März 2010.
(8) Der amerikanische Soziologe Daniel Bell hat diesen von ihm „Modernismus" genannten Individualismus so beschrieben: „Das westliche Ideal war der autonome Mensch, der, indem er über sich selbst bestimmt, Freiheit erlangen könne. [...] Die Gesellschaft wird nicht als natürliche Vereinigung von Menschen - Polis oder Familie - begriffen, die von einer gemeinsamen Absicht regiert wird, sondern als Anhäufung atomisierter Individuen, die lediglich ihre eigene Befriedigung suchen." Siehe: Daniel Bell: Die Zukunft der westlichen Welt - Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt am Main 1976, S. 25 und S. 29. Den Einfluss der Politik auf den „Modernismus" schätzte er eher gering ein: „Wandlungen in der Kultur und der moralischen Stimmungslage [...] kann man mit „Sozialtechnik" oder politischer Kontrolle nicht beikommen. Sie leiten sich von den Traditionen der Wert- und Moralvorstellungen in der Gesellschaft ab, und die können nicht per Verordnung geplant werden" (ebd., S. 102).
(9) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/206-0-Woche-34-2009.html.

 


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