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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 21/22 - 2010

Produktiv altern: Utopische Altersbilder, reale Arbeitnehmer und konzeptionslose Sozialpolitiker

Alt ist man nicht, alt wird man gemacht. So lautet die Quintessenz eines in der veröffentlichten Meinung populären modernen Altersbildes. Im Focus dieses neuen Altersparadigmas stehen nicht mehr die Defizite, sondern die Potentiale des Alters. Gesellschaftliches Ideal ist die „Generation Silber": „Menschen von 65 oder 75 Jahren, die so auftreten und so aktiv wie gesund sind, als wären sie zehn oder 20 Jahre jünger". Für diese „jungen Alten" markiere das gesetzliche Renteneintrittsalter längst nicht mehr den Zeitpunkt, an dem die „Produktivkraft" erschöpft sei, sondern die „Pforte zu einer Phase neuer Aktivität" im „dritten Lebensalter" (1). Angesichts der „Plastizität" des Alters dürfe nicht mehr länger mit ihm ein Verlust an Flexibilität und Kreativität assoziiert werden. Aufgrund einer alternden Gesellschaft einen Verlust an Innovationsfähigkeit und sozialer Dynamik zu erwarten, sei deshalb „handfeste Altersdiskriminierung" (2).
Vertreter dieses optimistischen Alternsparadigmas räumen immerhin ein, dass das längere Leben auch Schattenseiten hat: Denn „gegen viele Krankheiten des „vierten Lebensalters, das Mitte 70 beginnt und von körperlichem und geistigen Abbau geprägt ist, finden Wissenschaftler, Ärzte und Pharmaunternehmen keine Mittel" (3). Gerade in dieser Altersgruppe vollzieht sich aber die letzte „Bevölkerungsexplosion", die sich hochzivilisierte Gesellschaften noch leisten: Bis zum Jahr 2060 wird sich der Anteil der Hochbetagten an der Bevölkerung etwa verdreifachen - fast jeder siebte Deutsche wird dann mindestens 80 Jahre alt sein (4). Jenseits des 80. Lebensjahres steigt das Risiko der Pflegebedürftigkeit sprunghaft an. Schon bis zum Jahr 2030 könnte die Zahl der Pflegebedürftigen um fast 60 Prozent steigen (5). Schon allein aufgrund der Alterung wird deshalb der Kostendruck auf das Gesundheitswesen weiter wachsen (6). Eine Gesellschaft des langen (und möglichst gesunden) Lebens hat ganz buchstäblich ihren Preis.
Um diesen bezahlen zu können, ist die Politik bestrebt „stille Reserven" der Jugend, der Mütter und besonders der Älteren für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren. Das setzt konkrete Beschäftigungschancen voraus, sonst läuft die Offensive zur Verteidigung des Sozialstaats ins Leere. Als entscheidend für ihren Erfolg gilt daher die Beschäftigungsfähigkeit der potentiellen Arbeitskräfte: „Wer im Laufe seines Arbeitslebens immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird und dadurch „lebenslang lernt", bleibt physisch, mental und psychisch länger vital und ist den Anforderungen des modernen Arbeitslebens bis ins Rentenalter gewachsen" - so lautet das Wunschbild der Arbeitsmarkt- und Sozialsystemingenieure (7). Die Realität der Beschäftigungsbiographien stellt sich allerdings prosaischer dar: Arbeitsplatzwechsel und Qualifizierungsmaßnahmen sind oft weniger Merkmale beruflichen Aufstiegs als der Prekarisierung. Schwere körperliche Arbeit ist zwar seltener geworden, aber keineswegs verschwunden. Moderne Dienstleistungsberufe sind zwar häufig nicht mehr physisch, dafür aber psychisch belastend. Viele Beschäftigte nicht nur in gewerblichen und handwerklichen, sondern auch in sozialen Berufen bleiben deshalb nicht länger jung, sondern altern frühzeitig (8).
Auch diese Widrigkeiten sind - neben dem Wunsch, den Ruhestand zu genießen - ein wesentlicher Grund für die mangelnde Akzeptanz der „Rente mit 67" (9). Erst langsam beginnt sich die gewachsene „Ruhestandsmentalität" zu wandeln. Besonders schwer fällt dieser Wandel denjenigen, die ihre Arbeit als körperlich oder seelisch belastend und ihren Gesundheitszustand als schlecht erleben. Solche Arbeitnehmer wird es auch künftig geben: Nicht jeder wird dem Ideal des fitten, flexiblen und produktiven „jungen Alten" entsprechen. Das optimistische Altersparadigma mag für Alternstheoretiker und progressive Publizisten inspirierend sein, als Leitbild für die Sozialpolitik taugt es nicht. Ihr Maßstab müssen „Realmenschen" sein, also auch Arbeitnehmer, die vorzeitig kürzer treten müssen oder erwerbsunfähig werden. Sie haben einen Anspruch auf Solidarität und Hilfe. An diesem entscheidenden Punkt hat die Sozialpolitik versagt: Die Leistungsansprüche aufgrund von Berufsunfähigkeit wurden gekürzt, was die Akzeptanz der verlängerten Lebensarbeitszeit erschwert - ein Beispiel für politische Konzeptionslosigkeit.

(1) Siehe: Christian Schwägerl: Eine Schicksalsfrage, aber kein Schicksal, S. 17-47, in: Bertelsmann Stiftung/Bundespräsidialamt (Hrsg.): Familie. Bildung. Vielfalt. Den demographischen Wandel gestalten, Gütersloh 2009, S. 24-25.
(2) Siehe ebenda, S. 41.
(3) Ebenda, S. 25.
(4) Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis zum Jahr 2060 - 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung. Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 18. November 2009, Wiesbaden 2009, S. 17. Siehe hierzu auch Abbildung unten: „Die letzte Bevölkerungsexplosion".
(5) Heike Pfaff: Pflegebedürftige heute und in Zukunft - STAT-magazin vom 7. November 2008, Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wiesbaden 2008, S. 3.
(6) Neben der Alterung trägt auch der medizinische Fortschritt maßgeblich zur „Kostenexplosion" bei. Im Zeitverlauf steigen dabei die Kosten für die Behandlung älterer Menschen schneller als die für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Alterung und technischer Fortschritt verstärken sich demnach noch wechselseitig als Kostentreiber. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/75-0-Woche-34-2008.html.
(7) Siehe: Josef Reindl: Die Abschaffung des Alters. Eine Kritik des optimistischen Alternsparadigmas, S. 161-173, in: Leviathan - Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 37. Jahrgang, 1/2009, S. 163. Mit der zitierten Aussage bezieht sich Reindl auf die Forschung über die „Humanisierung des Arbeitslebens" und über den demographischen Wandel in der Arbeitswelt. Aus naheliegenden Gründen ist diese optimistische Sichtweise von Arbeitgebervertretern, (Wirtschafts-)Journalisten und Politikern gerne aufgegriffen und öffentlich propagiert worden.
(8) Vgl. ebenda, S. 162. Aufschlussreich ist diesbezüglich der Weiterbeschäftigungssurvey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: Dessen Ergebnisse zeigen nach Ansicht der Forscher, dass eine „undifferenzierte Anhebung des Renteneintrittsalters" wenig Erfolg verspreche. Denn neben Beschäftigungsgruppen, für die eine verlängerte Lebensarbeitszeit „relativ problemlos zu bewältigen" sei, stünden „Gruppen deren Arbeitsbedingungen (körperlich schwer, monoton, gesundheitsgefährdend) eine Weiterbeschäftigung kaum erlaubten. Auch gehe die höhere Lebenserwartung zwar im Durchschnitt mit einem längeren Leben in Gesundheit einher, doch nehme mit dem Alter zugleich die Heterogenität der gesundheitlichen Lebensverhältnisse zu. Die Weiterbeschäftigung im Rentenalter werde deshalb „ein schwieriges und sensibel zu handhabendes Thema bleiben" Siehe: Jürgen Dorbritz/Frank Micheel: Weiterbeschäftigung im Rentenalter - Potentiale, Einstellungen und Bedingungen, S. 2-7, in: Bevölkerungsforschung Aktuell - Mitteilungen aus dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 18. Mai 2010, 03/2010, S. 6. Zu den Einstellungen nach Berufsgruppen vgl.: Juliane Roloff: Für und Wider der Weiterbeschäftigung im Rentenalter aus individueller Sicht - ein Vergleich ausgewählter Berufe, S. 10-17, in: Bevölkerungsforschung Aktuell, op. cit. S. 15-16.
(9) Der „Weiterbeschäftigungssurvey" des BIB kommt zu dem Ergebnis, dass die „Rente mit 67" in der Bevölkerung zu einem „Akzeptanzproblem" führt: 68,2% der 2009 befragten Arbeiter, Angestellten und Beamten bewerteten das höhere Renten- bzw. Ruhestandsalter als „eher schlecht bzw. sehr schlecht", 14,1% als „weder gut, noch schlecht" und nur 17,6% als eher oder sehr gut. Jürgen Dorbritz/Frank Micheel: Weiterbeschäftigung im Rentenalter, op. cit. S. 3.
 
 

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