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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 25-26 / 2010

Längst widerlegt und doch verbreitet: Malthus im Gewand der FAZ

„Es gibt weder Wohlstand noch Macht außer durch Menschen", wusste schon Jean Bodin (1529-1596), Begründer der Lehre von der Staatssouveränität. Dieser Erkenntnis folgten die absolutistischen Fürsten im 17. und 18. Jahrhundert: Durch Einwanderer und (frühe) Eheschließungen, versuchten sie die Bevölkerung ihrer Staaten zu vergrößern. Im Gegensatz zu diesem „Populationismus" sah Thomas R. Malthus im Bevölkerungswachstum keine Chancen, sondern ein Verhängnis: In seinem Essay „On the Principle of Population" (1789), behauptete er, dass sich vor allem die „Armen" stets stärker als die Unterhaltsmittel vermehrten. Verelendung und Hungersnöte seien deshalb die unausweichlichen Folgen des Bevölkerungswachstums (1).
Schon das 19. Jahrhundert widerlegte dieses vermeintliche „Bevölkerungsgesetz": Die Bevölkerungen in Europa wuchsen rasant, aber statt des Elends nahm der Wohlstand zu: Dank steigender Produktivität der Nahrungserzeugung wurde die Geißel des Hungers besiegt. Trotz dieser Erfahrung erlebte der Malthusianismus Mitte des 20. Jahrhundert eine Renaissance: Ängste vor einer drohenden „Überbevölkerung" bestimmten die Agenda von Politik und Medien. Die „Bevölkerungsexplosion" in der Dritten Welt galt als Bedrohung für die Menschheit schlechthin (2). Dieser neo-malthusianische Horizont dominierte in den 1970er Jahren die Debatte zur Bevölkerungsentwicklung. Der Nachwuchsrückgang galt vielen als Fortschritt: Im dicht besiedelten Deutschland bedeute er den „Abbau strapaziöser Überfüllung", entschärfe Umweltprobleme und entlaste den Arbeitsmarkt. Er erspare hohe Kosten für den Unterhalt, die Gesundheitsversorgung und die Ausbildung von Kindern und entlaste so die berufstätige Generation. Paare könnten nun doppelt verdienen und ihr Geld statt für Kinder für „hochwertige Konsumgüter" ausgeben. Weniger Kinder - so der Tenor - bedeuten mehr Wohlstand.
Gemäß dieser Logik haben die Deutschen durch den Verzicht auf Kinder Kosten in Billionenhöhe gespart. Sie haben so ihren individuellen Gegenwartskonsum gesteigert, zugleich jedoch die Zukunftsvorsorge durch (Human)Kapitalbildung vernachlässigt. Denn Erziehungskosten sind Investitionen in das Humankapital, dem zentralen Produktionsfaktor in modernen Volkswirtschaften. Die durch den Verzicht auf Kindererziehung seit etwa 1970 entstandene Investitionslücke schätzen Experten auf mindestens 2500 Mrd. € (3). Längerfristig schwächt die Unterjüngung damit Innovationskraft und Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig steigen die Versorgungslasten, weil immer weniger junge Erwerbstätige eine steigende Zahl nicht mehr erwerbsfähiger Älterer unterhalten müssen (4). Mit Schlagworten wie „Vergreisung", Rentenkrise, „Explosion" der Gesundheitskosten etc. beschreiben nun Leitmedien die dramatischen Folgen der „Baby-Baisse", die sie einst als emanzipatorischen Fortschritt begrüßten (5).
Als Antwort auf die Nachwuchskrise fordern Sozialingenieure die fehlende Quantität durch mehr „Qualität" zu ersetzen. Dabei geht es ihnen nicht bloß um eine bessere Qualifikation der jungen Generation. Vielmehr sollen von vornherein die „richtigen" Leute Kinder bekommen. Gegenwärtig - so wird insinuiert - entschieden sich die „Falschen" aus „bildungsfernen" Schichten für Kinder (6). Als Folge wachse der Bevölkerungsanteil der Unproduktiven, der über den Sozialstaat die wenigen „Tüchtigen" schröpfen würde (7). Besonders schrill artikuliert der Kulturkritiker Gunnar Heinsohn diese ur-malthusianischen Ängste vor der Vermehrung der „Armen" bzw. des „Pöbels" (8). Schuld an der von ihm evozierten Degeneration der Deutschen sind für Heinsohn soziale Leistungen, die aus dem Kinderkriegen für „Unterschichteltern" angeblich ein Geschäftsmodell machten (9). Die für Kinder gewährten Leistungen seien deshalb radikal abzubauen. Dass Leistungskürzungen den Geburtenrückgang verschärfen können, kümmert ihn ebenso wenig, wie die seine Thesen weiterverbreitenden Redaktionen (10). Der Popularität dieser Thesen schadet dabei nicht einmal ihr offenkundiger Biologismus, der den „Unterschichten" weder Produktivität noch sozialen Aufstieg zutraut. Zu gut passen diese Parolen zur malthusianischen Weltanschauung, die das soziale Leben nur in den Kategorien der Wolfsrudel-Konkurrenz (um Nahrung, „Raum", das „Sozialprodukt") zu interpretieren vermag.

(1) „Populationismus" und „Malthusianismus" können als die beiden Hauptströmungen in der Geschichte der Bevölkerungstheorie angesehen werden. Vgl. Franz- Xaver Kaufmann: Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Frankfurt am Main 2005, S. 57.
(2) Exemplarisch für dieses Meinungsklima: Paul Ehrlich: Das Raumschiff ist überfüllt: DER SPIEGEL 10/1968 vom 04.03.1968, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135813.html; Claus Jacobi: „Die menschliche Springflut", Berlin - Frankfurt am Main - Wien 1969.
(3) Vgl. Franz- Xaver Kaufmann: Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, op. cit. S. 81-82.
(4) Diese Zusammenhänge waren bereits in den 1970er Jahren bekannt. Vgl.: Baldur Wagner: Vom Generationenvertrag zum Generationenkonflikt? S. 116-123 / Hilde Wander: Die Folgen des Geburtenrückgangs für Wirtschaft und Beschäftigungssystem, S. 97-106, in: Warnfried Dettling (Hrsg.): Schrumpfende Bevölkerung - Wachsende Probleme? München 1978. Zur damaligen politischen Diskussion um den Geburtenrückgang: http://www.i-daf.org/250-0-Woche-47-2009.html.
(5)Vgl.: http://www.erziehungstrends.de/Deutschenschwund/gerassic/parc/Geburtenrueckgang.
(6) Zur empirischen Fragwürdigkeit dieser Diagnose : http://www.i-daf.org/149-0-Woche-16-2009.html.
(7) Exemplarisch für diese Sichtweise: Gunnar Heinsohn: Demographischer Keynesianismus, S. 35-43, in: Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 62. Jg., Heft 1 Januar 2008.
(8) Als aktuelles Beispiel für diese Sicht: Gunnar Heinsohn: Schrumpfvergreisung - Deutschland verschläft den Kampf um die Talente, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Juni 2010.
(9) Zur empirischen Haltlosigkeit dieser Argumentation: http://www.i-daf.org/174-0-Woche-22-2009.html.
(10) Wie z. B. die Wirtschaftsredaktion der „Frankfurter Allgemeinen". Vgl.: Carsten Germis/Inge Kloepfer: Geburtenschwund - Wo kommen die Kinder her? Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. April 2009.

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