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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

Blickpunkt 3 - 2010

Tonnenideologie à la Bertelsmann

„Berlin ist Spitzenreiter bei den Investitionen in frühkindliche Bildung" meldet die Bertelsmann-Stiftung in ihrem „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme 2010". Als Investition in frühkindliche Bildung definiert die Stiftung sämtliche Ausgaben der Länder für Kindertagesbetreuung bis zur Schule: Mit 4158 € Ausgaben pro Kind unter sechs Jahren im Jahr 2007 liegt Berlin hierin einsam an der Spitze des Bertelsmann-Rankings. Selbst Hamburg (3.406 €) an zweiter und Sachsen-Anhalt (3186 €) an dritter Stelle geben deutlich weniger für Kitas aus; die „Schlusslichter" Bayern (2103 €), Niedersachsen (2019 €) und Schleswig-Holstein (1952 €) erreichen sogar nur etwa die Hälfte der Berliner Ausgaben.
Trotz dieser hohen „Investitionen" scheitern viele Berliner Kinder daran, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Jeder sechste Grundschüler konnte 2009 nicht versetzt werden, für die aktuelle Zeugnisrunde erwarten die Bezirke sogar noch mehr Sitzenbleiber. Lehrer beklagen besonders die fehlende Sprachkompetenz von Kindern. Nicht nur türkische und arabische, auch deutsch-stämmige Kinder artikulierten sich in einer „unglaublichen Kiezsprache". Diese Kinder haben fast alle mehrere Jahre lang eine Kindertagesstätte besucht. Dort haben sie sich gegenseitig die Kiezsprache, nicht aber die deutsche (Hoch)Sprache beigebracht. Um diese zu erlernen bräuchten sie Erwachsene, die ihnen vorlesen und viel mit ihnen sprechen. Erzieherinnen sind mit dieser Aufgabe häufig überfordert: Zu groß und zu heterogen sind die Gruppen, zu wenig Zeit bleibt für das einzelne Kind.
Individuelle Ansprache benötigen besonders Kinder aus sozio-kulturell benachteiligten („bildungsfernen") Familien. Sie profitieren deshalb nur dann von einer außerfamiliären Betreuung, wenn diese individuelle Förderung ermöglicht. Dass es an dieser Qualität der Betreuung mangelt, hat die Bertelsmann-Stiftung jüngst selber festgestellt. Aus ihrer Sicht reduziert sich die Frage der Qualität jedoch wieder auf die Quantität nach dem Motto „Mehr hilft mehr". Kinder sollen frühzeitig (ab dem 2. Lebensjahr) und möglichst ganztätig Kindertagesstätten besuchen. Zum offenkundigen Missverhältnis von Finanz-Input und Bildungs-Output in der deutschen Kinderbetreuungslandschaft schweigen sich die Anhänger dieser Tonnenideologie aus. Ebenso geflissentlich ignorieren sie die durch Langzeitstudien bestätigte Einsicht, dass die Qualität der elterlichen Betreuung die wichtigste Entwicklungsressource für Kinder ist. Echte, „rentable" Investition in frühkindliche Bildung müsste bei der Elternkompetenz ansetzen. Dies setzt aber ein Grundvertrauen zu Eltern - auch solchen ohne einen akademischen Bildungsabschluss - voraus. Eltern sind die natürlichen Advokaten ihrer Kinder. An diesem Vertrauen fehlt es den Sozialingenieuren der frühkindlichen Bildung und Betreuung (FBBE). Für sie ist der Staat der Anwalt, sie glauben schlicht an seine Erziehungskompetenz. Bildungsdefizite sind für sie eine indirekte Anklage gegen Eltern und lassen sie stets noch lauter nach mehr öffentlicher Betreuung rufen - am besten im Gewand unausgereifter Studien.

Stefan Fuchs

 

Weiterführende aktuelle Literatur

Zur Situation in Berliner Schulen und Kindertagesstätten: Marianna Mamonova et al: Bildungsdefizite: Viel Geld, wenig Qualität bei frühkindlicher Bildung, in: Der Tagesspiegel vom 30. Juni 2010, abrufbar unter www.tagesspiegel.de.

Zur institutionellen Kinderbetreuung aus Sicht der Entwicklungspsychologie:
Fabienne Becker-Stoll: Kindeswohl und Fremdbetreuung, S. 77-81, in: Zeitschrift für das gesamte Familienrecht, 57. Jahrgang/Heft 2, Januar 2010.

Als erster Überblick zum Forschungsstand zu den Effekten institutioneller Kinderbetreuung:
http://www.erziehungstrends.de/Kinderbetreuung/Forschungslage.

 

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