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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Woche

Nachricht der Wochen 40 - 41 / 2012

 

Kindeswohl: Die professionellen Hände und die Meinung deutscher und türkischer Eltern

Sind „bildungsferne" Eltern zu dumm, um ihren Kindern Krabbeln, Laufen und Sprechen beizubringen? Wer das Betreuungsgeld als „Verdummungsprämie" oder „bildungspolitische Katastrophe" abqualifiziert, wird diese Frage konsequenterweise bejahen (1). Denn auch um diese elementaren Lebensvollzüge geht es bei der Betreuung von ein- und zweijährigen Kindern. Die Rede von „Bildung" in „Kindertagesstätten" verschleiert diesen grundlegenden Sachverhalt: Sie erweckt fälschlich den Eindruck, dass es um mindestens vierjährige Kinder ginge, die zeichnen, zählen, basteln und buchstabieren lernen müssten. Eine „frühkindliche Förderung" dieser Art wünschen sich fast alle Eltern und schicken ihre Kinder deshalb in den Kindergarten. Besonders nützlich und wichtig ist der Kindergartenbesuch für Kinder mit fremder Muttersprache, um Deutsch zu lernen. Das wissen auch Eltern mit „Migrationshintergrund", die ihre Kinder mittlerweile fast alle in den Kindergarten schicken (2). Viele von ihnen würden sich dort eine bessere Sprachförderung für ihre Kinder wünschen. Hier gibt es noch viel zu tun. Etwas anderes ist es, wenn Eltern schon Krabbelkinder in Krippen geben sollen,  damit sie - nach Meinung von Politikern - dem „bildungsfernen" Milieu ihrer Familie möglichst frühzeitig entzogen werden.

Dieses Ansinnen ist schon für viele deutsche Eltern befremdlich, die ihre Kleinkinder selber erziehen wollen. Noch verstörender muss es für Zuwanderer sein, für die der familiäre Zusammenhalt oft noch wichtiger ist. Exemplarisch dafür sind Eltern türkischer Herkunft, die seltener auf institutionelle Betreuung für ihre Kleinkinder zurückgreifen (3). Die unterdreijährigen Kinder werden meist von den eigenen Müttern betreut und die sind  seltener erwerbstätig als „autochthone" Frauen. Der Erwerbstätigkeit von Müttern stehen die Türkinnen kritisch gegenüber: In Bevölkerungsumfragen meinten mehr als drei Viertel, dass Vorschulkinder unter der Berufstätigkeit ihrer Mutter leiden würden. Der institutionellen Kleinkinderbetreuung stehen sie skeptisch gegenüber: Wesentlich häufiger als deutsche Mütter befürchten sie, dass diese den Kindern schaden könnte. Die überwältigende Mehrheit von ihnen (ca. 90%) ist davon überzeugt, dass die besten Betreuer für Kinder die „eigenen" Eltern sind (4).

Das allerdings ist nichts Besonderes, ist doch die große Mehrheit der westdeutschen Eltern ohne Migrationshintergrund derselben Auffassung (5). Für die Krippen-Politiker sind solche Überzeugungen störend, widersprechen sie doch diametral dem regierungsoffiziellen Leitbild „kontinuierlicher Erwerbsverläufe" beider Eltern. Die Eltern sind aufgefordert ihre Kinder möglichst früh und umfassend in „professionelle" Hände zu geben, wo sie besser aufgehoben seien als bei den eigenen Eltern. Diese Botschaft verbreitet eine gezielte Kommunikationspolitik, die Krippenbetreuung als „frühkindliche Bildung" verkauft und häusliche Erziehung beständig als minderwertig darstellt. Bedenken gegenüber frühzeitiger außerfamiliärer Betreuung finden kein Gehör, selbst wenn sie durch die neueste Forschung begründet sind (6). Fürsprecher einer intensiven elterlichen Fürsorge für Kleinkinder gelten oft von vornherein als reaktionär und befangen in einem vermeintlichen „Mütter-Mythos". In einem solchen Meinungsklima fehlt es an Verständnis für Eltern, die ihre Kinder selber erziehen wollen, um ihnen ihre Lebensweise und Religion  zu vermitteln (7). Dies ist natürlich oft besonders Migranten aus muslimischen Ländern ein Anliegen, die sich einer ihnen zunächst fremden Kultur gegenübersehen. Das Problem betrifft aber durchaus auch christliche Eltern, die an ihre Kinder moralische Haltungen (z. B. Verzichtsbereitschaft) vermitteln wollen, die der in Werbung, Medien und vielen Institutionen vorherrschenden individualistischen Stimmungslagen zuwider stehen. Das geht nicht ohne viel Zeit für die Erziehung, weshalb auch diese Eltern zu einer „traditionellen" Arbeitsteilung in der Familie neigen (8). Ob die Kinder deshalb „verdummen" lässt sich bezweifeln - vermutlich würden Untersuchungen sogar das Gegenteil zeigen. Die Kinder selbst fühlen sich bei ihren Eltern - ganz gleich welcher Herkunft oder Bildung, meistens wohl. Aus diesem Wohlbefinden erwachsen Fähigkeiten, die auch der Gesellschaft zugute kommen. Deshalb ist das Kindeswohl  eine Ressource, die gepflegt werden sollte.

 

(1) Den Ausdruck Verdummungsprämie" benutzte ein Bertelsmann-Funktionär in einer Fernseh-Diskussion zum Betreuungsgeld. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/429-0-Wochen-48-49-2011.html. Das Schlagwort „bildungspolitische Katastrophe" führte die damalige Bundesfamilienministerin von der Leyen 2007 in die Diskussion ein, seitdem hat es im politisch-medialen Sprachgebrauch Karriere gemacht.

(2) Zum allgemein üblichen Kindergartenbesuch und dem Minoritätsphänomen der „Hauskinder": Stefan Fuchs: Das  Klischee von den „Bildungsfernen", http://www.erziehungstrends.de/Kindergartenpflicht.

(3) Nach Auswertungen des „Gender and Generations Survey" (2005/2006) nahmen 24% der westdeutschen Eltern mit Kindern unter drei Jahren institutionelle Betreuung in Anspruch, während dieser Anteil bei den türkischstämmigen Eltern bei 19% lag. Auch informelle Betreuungshilfen (z. B. durch die Großeltern) beanspruchten die türkischen Eltern seltener 20,1 % vs. 26,2 %). Vgl.: Corinna Kröber/Linda Beyreuther: Wie unterschiedlich betreuen wir unsere Kinder? - Ein Vergleich zwischen deutschen und türkischen Eltern unter Berücksichtigung von Einstellungsmerkmalen, S. 11-17, in: Bevölkerungsforschung Aktuell 04/2012, S. 13 (Tabelle 2).

(4) Von den türkischen Müttern stimmten 48% der Aussage zu, dass „viele in Tagesstätten Betreute später Probleme haben werden", während dieser Anteil bei den westdeutschen Müttern ohne Migrationshintergrund bei 18% lag. Der Aussage „ein Kind im Vorschulalter, leidet darunter, wenn die Mutter arbeitet", stimmten 38% der westdeutschen und 77% der türkischen Mütter zu. Vgl. ebd., S. 41 (Tabelle 3). Auch hier fehlt wieder eine Differenzierung nach dem Alter der Kinder. Es ist evident, dass bezogen auf Kleinstkinder die Einschätzungen wesentlich kritischer ausfallen würden.

(5) Der Aussage „die beste Betreuung sind die eigenen Eltern" stimmten im Gender and Generations Survey rund 80% (79,5 %) der westdeutschen Mütter ohne Migrationshintergrund und sogar fast 93% der türkischstämmigen Mütter zu. Vgl. ebd.

(6) Beispielhaft für eine wissenschaftlich begründete kritische Position zur Krippenbetreuung: Rainer Böhm: Die dunkle Seite der Kindheit, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. April 2012, S. 7.

(7) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/458-0-Wochen-14-15-2012.html.

(8) Siehe hierzu „Familienideale" und Kirchenverbundenheit" (Abbildung unten). Leider finden diese Zusammenhänge in der Forschung kaum Aufmerksamkeit. Es würde sich nach Ansicht des Verfassers lohnen neuere Bevölkerungsumfragen wie „PAIRFAM" oder „AIDA" auf diese Fragen hin auszuwerten.

 

Abbildung:

 

 

 

 

 

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