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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 31-32 / 2010

Fachkräftemangel und Geburten: Empirische Befunde vs. Klischee

Kapital allein genügt nicht: Ohne „Manpower" kommt die Wirtschaft nicht aus. Der Schwund junger Arbeitskräfte gefährdet das wirtschaftliche Wachstum, wie mittlerweile immer mehr Unternehmen spüren (1). Um langfristig den Wohlstand zu sichern, strebt die Bundesregierung mit ihrer „nachhaltigen" Familienpolitik deshalb eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung und eine höhere Geburtenrate an. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen soll kurzfristig das Erwerbspersonenpotential erhöhen, eine höhere Geburtenrate langfristig den Nachschub an Arbeitskräften sichern. Beide Ziele gelten dabei als sich wechselseitig ergänzend und gut miteinander vereinbar (2). Als statistischer Beleg für die Vereinbarkeit dieser Ziele wird immer wieder auf die positive Korrelation zwischen der Frauenerwerbsquote und der Geburtenrate im Vergleich der OECD-Staaten verwiesen. In Ländern mit höheren Frauenerwerbsquoten seien tendenziell auch die Geburtenraten höher. Advokaten der „nachhaltigen" Familienpolitik in Politik und Medien ziehen daraus den Schluss, eine höhere Frauenerwerbsbeteiligung fördere die Geburtenrate in Deutschland (3).

Übersehen wird in dieser Argumentation nolens volens die Rolle der Teilzeitarbeit. Aber zwischen dem Anteil der in Teilzeit beschäftigten Arbeitnehmerinnen und der Geburtenrate besteht im Vergleich der OECD-Staaten ein signifikant positiver Zusammenhang. Zwar gibt es Länder wie die Schweiz oder auch Deutschland mit relativ hohen Teilzeitquoten und niedrigen Geburtenraten. Die umgekehrte Kombination ist jedoch kaum zu finden: In den osteuropäischen Ländern, in Korea, Portugal und Griechenland mit ihren geringen Teilzeitquoten ist auch das Geburtenniveau niedrig. Demgegenüber sind in den Ländern mit relativ hohen Geburtenraten (mehr als zwei Kinder pro Frau) Frauen wesentlich häufiger in Teilzeit beschäftigt. Eine Ausnahme bilden hier die Vereinigten Staaten mit einer relativ niedrigen Teilzeitquote: In den USA ist allerdings auch die Frauenerwerbsquote niedriger als in den meisten anderen OECD-Ländern. In Island ist dagegen sowohl die Frauenerwerbsquote als auch die Geburtenrate im OECD-Vergleich ungewöhnlich hoch, gleichzeitig ist aber auch die Teilzeitarbeit von Frauen häufig. Slowenien weist gleichzeitig eine sehr hohe Frauenerwerbs- und eine niedrige Teilzeitquote auf: Frauen sind also hochgradig in den Arbeitsmarkt integriert. Damit verbunden ist aber auch die Geburtenrate gering (4). Die Verheißungen der „nachhaltigen" Familienpolitik halten einer empirischen Prüfung also nicht stand. Mit anderen Worten: Die Ziele einer umfassenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und eines höheren Geburtenniveau lassen sich nicht harmonisch vereinbaren, sondern stehen im Konflikt.
Was folgt daraus? Schon heute liegt die Erwerbsquote von Frauen in Deutschland über dem Durchschnitt der OECD-Staaten. Dabei unterscheiden sich die Erwerbsmuster kinderloser Frauen kaum von denen der Männer - Vollzeiterwerbstätigkeit ist die Regel. Auch Mütter sind heute mehrheitlich erwerbstätig; mehr als zwei Drittel von ihnen arbeiten jedoch auf Teilzeitbasis (5). Ihre Arbeitszeitarrangements unterscheiden sich damit grundlegend vom „männlichen Normalarbeitsverhältnis". Ökonomen, Arbeitsmarkt- und Gleichstellungspolitiker(innen) wollen dieses „Gender Gap" überwinden: Mütter sollen ihr Arbeitsangebot ausweiten und vermehrt in Vollzeit erwerbstätig sein. Sie fordern deshalb, Ehepaare höher zu besteuern, um „Anreize" zur Vollzeiterwerbstätigkeit beider Partner zu setzen (6). Das Erwerbspotential mag sich auf diese Weise kurzfristig erhöhen lassen. Äußerst fraglich ist allerdings, ob dies auch zu höheren Geburtenraten führt. Denn für viele Mütter in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern ist Teilzeitarbeit keine „Notlösung", sondern entspricht ihren Wünschen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie (7). Wer die Entscheidung für mehr Kinder unterstützen will, sollte diese Präferenzen (potentieller) Eltern berücksichtigen. Letztlich muss sich die Politik entscheiden: Will sie kurzatmig um jeden Preis Mütter als Reserven für den Arbeitsmarkt vollzeitig mobilisieren oder ist sie bereit, im Interesse einer nachhaltigen Bevölkerungsentwicklung und damit einer nachhaltigen Sicherung der Sozialversicherungssysteme auf die Anliegen von Familien Rücksicht zu nehmen.

(1) Schon bis zum Jahr 2020 wird die Zahl der 20-30-jährigen um 1,2-1,3 Mio. und bis 2060 sogar um insgesamt ca. 3,5 Mio. zurückgehen. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Bevölkerung Deutschlands bis zum Jahr 2060 - 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2009, S. 17. Besonders früh bekommt aufgrund des Geburteneinbruchs und der Abwanderung nach 1990 die ostdeutsche Wirtschaft den Mangel an Nachwuchskräften zu spüren. Informativ hierzu: Sven Astheimer: Im Zentrum des Notstand, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.08.2010, S. 10.
(2) Vgl.: Sandra Gruecu/Bert Rürup: Nachhaltige Familienpolitik, S. 3-5, in: Aus Politik und Zeitgeschichte - 23-24/2005, S. 3.
(3) So behauptete etwa die spätere Bundesfamilienministerin Renate Schmidt in ihrer zentralen familienpolitischen Streitschrift, dass eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen mit „steigenden Geburtenraten" einhergehe. Vgl.: Renate Schmidt: S.O.S. Familie. Ohne Kinder sehen wir alt aus, Berlin 2002, S. 100-101.
(4) Siehe hierzu: Abbildungen unten: „Teilzeitarbeit von Frauen und Geburtenraten" sowie „Frauenerwerbstätigkeit in OECD-Staaten".
(5) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Alles beim Alten: Mütter stellen Erwerbstätigkeit hinten an, STATmagazin vom 4.3.2010. Nähere Informationen zu den Arbeitszeitmustern von Vätern und Müttern: Christina Klenner/Svenja Pfahl: Jenseits von Zeitnot und Karriereverzicht - Wege aus dem Arbeitszeitdilemma, S. 259-290, in: Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009, S. 261.
(6) Beispielhaft für diese Argumentation: Christina Anger/Jörg Schmidt: Gender Wage Gap und Familienpolitik, IW-Trends - Vierteljahresschrift zur empirischen Wirtschaftsforschung aus dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln, 35. Jahrgang, Heft 2/2008.
(7) Aufschlussreich hierzu in einer Deutschland, Holland und Dänemark vergleichenden Perspektive: J. Marold: Mütter im Spannungsgeld zwischen Kind und Beruf, S. 54-85, in: Zeitschrift für Familienforschung, 21. Jahrgang, Heft 1/2009. Bezogen auf Ost- und Westdeutschland siehe hierzu Abbildung „Vielfältige Ideale des Frauen- und Familienlebens", http://www.i-daf.org/218-0-Woche-37-2009.html.

 

 

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