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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 33/34 - 2010

Staatserziehung und Trennungen - Was die Umdeutung von Familie kostet

Hat die Familie als Lebensform ausgedient? Dies fragen sich nachdenkliche Zeitgenossen angesichts ernüchternder statistischer Befunde: Geburtenbaisse, steigende Kinderlosigkeit, Heiratsmüdigkeit und immer mehr Single-Haushalte. Allein im Haushalt leben nicht nur - wie früher üblich - verwitwete ältere Menschen, sondern auch immer mehr Erwachsene im klassischen Familienalter zwischen 30 und 40 Jahren. Nicht wenige dieser Alleinwohnenden haben einen außerhalb ihres Haushalts lebenden Partner. Dieses „Living apart together" steht - so die Auskunft von Soziologen - für ein „verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt". Institutionelle Vorgaben wie die lebenslange Ehe hätten an Bedeutung verloren, so dass man „freier entscheiden kann, wie man leben will". Familie wandele sich: Sie sei heute „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt" und habe „zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken". Neben der „klassischen Kernfamilie hätten „sich viele andere Lebensformen etabliert". Familie verliere deswegen nicht an Bedeutung, sondern „gewinne an Vielfalt" (1).
Was aber ist nun eine Familie, wenn sie als „soziales Netzwerk", nicht mehr durch Ehe, Haushalt und Eltern-Kind-Verhältnisse konstituiert ist? Befürworter eines „postmodernen" Familienbildes sprechen von „Verantwortungsgemeinschaften". Wer wofür und für wie lange Verantwortung tragen soll, definieren sie allerdings nicht. Was „Familie" bedeutet, bleibt damit dem subjektiven Empfinden des Einzelnen überlassen. Empirisch-statistisch lassen sich dann zwar noch verschiedene Lebensformen, aber nicht mehr die Familie als soziale Institution erfassen (2). Aus dieser Perspektive kann es per definitionem auch keine Krise der Familie geben: Denn mangels objektiver Kriterien lässt sich eine Abkehr von der Familie bevölkerungsstatistisch erst gar nicht feststellen. Sorgen angesichts des „Wandels familialer Lebensformen" erscheinen dann als Ausdruck eines „falschen Bewusstseins" von „Fundamentalisten", die hartnäckig am „alten Ideal der Kernfamilie" festhalten. Noch bis vor wenigen Jahren war dieser vermeintliche „Fundamentalismus" regierungsoffiziell: Die auf die Ehe gegründete Vater-Mutter-Kind-Familie galt als „Grundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft" (René König) (3). Noch 1995 stellte die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum 5. Familienbericht fest: „Die Familie ist und bleibt der Ort der personalen Entfaltung des Menschen. Eine gesicherte Beständigkeit innerfamiliärer Beziehungen, die auch Belastungen durchsteht, gibt Kindern das notwendige Vertrauen in den Wert der eigenen Person wie in die Zukunft" (4).
Wie aber sieht es mit der Beständigkeit von Lebensformen aus, die „stärker auf individuelle Autonomie" setzen? Die empirischen Befunde sind eindeutig: Das Risiko des Zerbrechens der Beziehungen ist - zumindest im statistischen Durchschnitt - wesentlich größer als in (ehelichen) Kernfamilien (5). Die Flüchtigkeit von Beziehungen wollen Befürworter einer „seriellen Monogamie" als Chance verstanden wissen: Als „Entwicklungsaufgaben" im Lebenslauf ermöglichten es Partnerschafts-Trennungen, „die Lebenssituation neu und oftmals für alle Beteiligten befriedigender zu organisieren" (6). Auch die betroffenen Kinder würden die Trennung ihrer Eltern meistens gut bewältigen. Dies will mittlerweile auch das Bundesfamilienministerium glauben machen (7). Statistische Fakten werden dabei (bewusst?) ignoriert: Nach den Zahlen der amtlichen Statistik betreffen drei von vier Maßnahmen der Heimerziehung wie der öffentlich geförderten Vollzeitpflege Kinder, deren Eltern sich getrennt haben. Mit diesen familienersetzenden Hilfen übernimmt der Staat die Kosten für das Zerbrechen von Kernfamilien (8). Zugleich ertönt der Ruf nach noch mehr Staat: Um „Erziehungskatastrophen" zu verhindern, sollen Kinder künftig von klein auf in Ganztagskindertagesstätten und -Schulen in „öffentlicher Verantwortung" erzogen werden (9). Das ist nicht nur für den Steuerzahler teuer. Besonders hoch ist der Preis der Abkehr von der Kernfamilie für die Kinder selbst: Für sie droht aus der postmodernen „Vielfalt" der Lebensentwürfe Erwachsener ein Aufwachsen im Einheitstakt staatlicher Institutionen zu werden.

 

(1) Siehe: Jahel Mielke: „Allein wohnen heißt nicht allein sein", Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein/1807966.html.
(2) Diese Schwierigkeit erkannte schon der 1. Familienbericht der Bundesregierung: „Angesichts der Mehrdeutigkeit des Begriffs Familie erscheint eine möglichst klare begriffliche Abgrenzung notwendig, die sich gerade auch für statistische Ermittlungen, wie sie dieser Bericht erfordert eignet [...]. Grundsätzlich wird entsprechend der neueren familiensoziologischen Terminologie - zum Unterschied von einem im Sprachgebrauch häufig verwendeten weiteren, Verwandte einschließenden Familienbegriff - unter Familie eine Gruppe verstanden, in der ein Ehepaar mit seinen Kindern zusammen lebt. Diese reine Eltern-Kind-Gemeinschaft („Kernfamilie") stellt eine soziale Gruppenbildung dar, gekennzeichnet durch eine biologisch-soziale Doppelnatur und eine in anderen sozialen Gruppen in diesem Umfang nicht anzutreffende „Totalität" der sozialen Beziehungen." Siehe: Bundesminister für Familie und Jugend: Bericht über die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland - Deutscher Bundestag 5. Wahlperiode Drucksache V/2532, Bonn 1968, S. 7.
(3) Im 1. Familienbericht der Bundesregierung war hierzu zu lesen: „Die (Kern)Familie bildet eine soziale Einheit, die in ihrer Grundstruktur fast universell verbreitet ist. Nach der modernen sozialwissenschaftlichen Forschung hat sich die Familie als eine „Grundeinrichtung der menschlichen Gesellschaft" erwiesen, „genauso alt wie die menschlich-gesellschaftliche Gesittung selbst" (René König)." Ebenda.
(4) Siehe: Stellungnahme der Bundesregierung zum Fünften Familienbericht, III-XXXIV, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens (Fünfter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 12/7560, Bonn 1995, IV.
(5) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/247-0-Woche-46-2009.html.
(6) Siehe: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik - Siebter Familienbericht, Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006,
S. 116-117.
(7) Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Alleinerziehende in Deutschland - Potenziale, Lebenssituationen und Unterstützungsbedarfe, Monitor Familienforschung Ausgabe 15, Dezember 2008, S. 8.
(8) Siehe hierzu Abbildungen unten: „Heimerziehung in Deutschland" sowie „Hilfen zur Erziehung nach Familienform". In einer jüngst veröffentlichen Publikation stellte das Statistische Bundesamt dar, dass Alleinerziehende die „wichtigste Zielgruppe" öffentlicher Erziehungshilfen sind. Im Jahr 2008 nahmen zehn Prozent der Alleinerziehenden öffentliche Erziehungshilfen in Anspruch. Bei den zusammenlebenden Eltern mit minderjährigen Kindern lag dieser Anteil nur bei knapp zwei Prozent. Vgl.: Statistisches Bundesamt: Alleinerziehende in Deutschland, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 29. Juli 2010, Wiesbaden 2010, S. 31. In den Medienberichten hierzu, die sich auf die materiellen Probleme Alleinerziehender konzentrierten, spielte dieser Aspekt bezeichnenderweise keine Rolle.
(9) Prototypisch für diese Argumentationsweise: Vgl.: Klaus Hurrelmann: Sozialisation - Bildung - Gesundheit. Kann wissenschaftliche Forschung politische Effekte erzielen? Abschiedsvorlesung an der Universität Bielefeld im Januar 2009, veröffentlicht in: ZSE - Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation 29. Jg. 3/2009.

 

 

 

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