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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 37-38 / 2010

Staatsgläubige Gutscheinpolitik: Streben nach dem Mittelmaß

„Es würde zu mehr Ungleichheit kommen, wenn die gut ausgebildeten Mütter mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen". Mit diesem bemerkenswerten Argument warnt eine Regierungsberaterin davor, die familiäre Erziehung von Kindern zu fördern (1). Um möglichst gleiche „Bildungschancen" für alle Kinder zu gewährleisten, sollten Kinder daher von klein auf möglichst ganztägig in öffentlichen Einrichtungen betreut werden. In öffentlicher Kinderbetreuung sehen diese Neo-Etatisten die wichtigste Waffe „im Krieg gegen die Vererbung sozialer Nachteile" (2). Trotz des seit Jahrzehnten ausgebauten Sozialstaates sei noch immer die soziale Herkunft maßgeblich für die (ungleichen) Lebenschancen der Heranwachsenden. Die Schuld hierfür geben sie der Familie, die heute mehr denn je Ursprung und Hort gesellschaftlicher Ungleichheit sei. Wer die Erziehung in der Familie fördere, verschärfe diese Ungleichheit und mache damit sozial- wie bildungspolitisch geradezu „den Bock zum Gärtner" (3).
Vor allem „bildungsferne" und „sozial schwache" Familien gelten diesen eigentlich altsozialistisch anmutenden Theoretikern als Gefahr für die (gleichen) Bildungschancen von Kindern. Den Familien gelinge es oft nicht, „die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen, ihnen genügend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen anregungsreiche Bedingungen des Aufwachsens zu bieten" (4). Insbesondere in „prekären" Milieus vegetierten Kinder zu Hause oft stundenlang bei Chips und Cola vor dem Fernseher dahin. Nicht wenige würden von ihren Eltern sogar vernachlässigt und misshandelt. Je mehr Zeit diese Kinder in öffentlicher Betreuung verbrächten, desto besser könnten sie sich kognitiv und sozial entwickeln (5).
Neo-Etatisten genügt es jedoch nicht, benachteiligte Kinder besser zu fördern - sie wollen mehr Gleichheit. Dieses Ziel gefährden nun nicht nur „versagende", sondern auch besonders engagierte Eltern: Indem sie viel mit ihren Kindern unternehmen, ihnen vorlesen, sie zum Muszieren, Basteln und Sport anregen und sie in der Schule (Hausaufgaben!) unterstützen, verhelfen sie ihnen zu überdurchschnittlichen Erfolgen in Bildung, Freizeit und Beruf. Ein solches intensives Erziehungsengagement setzt neben Elternliebe auch hinreichend Zeit für die Beziehung zum Kind voraus (6). Diese Zeit wird oft von Müttern investiert, die dafür ihre Erwerbstätigkeit zurückstellen. Ihr zeitweiliger Erwerbsverzicht setzt ein hinreichendes Familieneinkommen voraus. An den Stellschrauben Zeit und Geld setzen die „Neo-Etatisten" deshalb an: Immer wieder fordern sie, Ehepaare durch eine Reform des Ehegattensplittings schärfer zu besteuern (7). Dies soll den Druck auf verheiratete Mütter erhöhen möglichst vollzeitig erwerbstätig zu sein und ihre Kinder ganztägig institutionell betreuen zu lassen. Zugleich „warnen" sie davor, Familien mehr finanzielle Transfers zu gewähren. Statt Bargeld sollten Familien künftig „Sachleistungen" erhalten. Nur so ließe sich staatlicherseits kontrollieren, dass das investierte Geld auch „tatsächlich bei den Kindern ankomme" (8).
Im Regime des Neo-Etatismus herrscht die (Un)Kultur des Misstrauens gegenüber Familien, Eltern und der Privatsphäre allgemein. Ein Durchbruch für dieses Regime wäre die vom Bundessozialministerium geplante „Bildungskarte". Eine solche Karte ließe sich nur für staatlich vordefinierte Standardangebote einlösen. Eltern mit eigenen Förderideen (z. B. Spielzeug oder Musikinstrumente) hätten das Nachsehen. In der Welt des Neo-Etatismus sind Kreativität und Elternengagement in der Kindererziehung auch nicht mehr gefragt, angesagt ist die Regression zum Mittelmaß. Besondere Talente und Begabungen fördert eine solche „chancengleiche" Mittelmäßigkeit nicht. Dies scheint für Innovation und Fortschritt, wirtschaftlich wie kulturell, in einer alternden Gesellschaft auch nicht nötig zu sein. Deutschland geht es offensichtlich noch sehr gut. Denn sonst könnte die Wirtschaftsredaktion einer renommierten bürgerlichen Zeitung, die eingangs zitierte Apologie des Ganztagsbetreuungs-Nivellements wohl kaum unkommentiert lassen.

(1) So Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bei der Jahrestagung 2010 des „Vereins für Socialpolitik"; zitiert nach: Philip Plickert: Mangelware Kind, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.9. 2010, S. 12.
(2) Siehe: Gösta Esping-Andersen: Herkunft und Lebenschancen. Warum wir eine neue Politik gegen soziale Vererbung brauchen, S. 42-57, in: Berliner Republik, 5. Jahrgang, Heft 6/2003, S. 56.
(3) Kritisch zu dieser Argumentation: Ilona Ostner: Kinder und Frauen zuerst!? Ein Review-Essay, in: Zeitschrift für Sozialreform, 50. Jahrgang, Heft 1-2/2002, S. 211-216.
(4) Im 12. Kinder- und Jugendbericht heißt es: „Aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus, verbunden mit sozial benachteiligten und prekären Lebenslagen sowie unter ungünstigen sozioökonomischen Bedingungen, gelingt es vielen Familien nicht, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen, ihnen genügend Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen und ihnen anregungsreiche Bedingungen des Aufwachsens zu bieten. [...] Das angesammelte Wissen über Entwicklungsbedingungen, Entwicklungsbeeinträchtigungen und -risiken von kleinen Kindern macht einen Dialog und eine gemeinsam geteilte Verantwortung für das Aufwachsen der Kinder erforderlich. Die Verantwortung dafür, dass Kinder sich positiv entwickeln, kann nicht einseitig der einzelnen Familie übertragen werden; sie muss im Rahmen eines neuen Verständnisses von öffentlicher Verantwortung gemeinsam übernommen werden." Siehe: Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland - Zwölfter Kinder- und Jugendbericht (Deutscher Bundestag 15. Wahlperiode - Drucksache 15/6014), S. 33-34.
(5) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/131-0-Woche-10-2009.html.
(6) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/184-0-Woche-25-2009.html.
(7) Vgl.: Stefan Fuchs: Stellschraube Steuern: Erwerbstätigkeit gegen Familienarbeit (2)
http://www.erziehungstrends.de/node/545.
(8) Kritisch zu dieser Argumentation: Stefan Fuchs: Staatliches Kindergeld, von den Eltern „versoffen"? http://www.erziehungstrends.de/node/603.