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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 39-40 / 2010

Wahlfreiheit war gestern: Die Präferenzen von Eltern und die Ideale der politisch-medialen Klasse

Kinder dürfen nicht länger „ein Hindernis für Beruf und Karriere" von Frauen sein (1). Dies ist die gleichstellungspolitische Maßgabe, an der Politik und Medien das Erwerbsverhalten von Eltern messen. Trotz der gestiegenen Erwerbsneigung von Müttern bleibt die Wirklichkeit jedoch hinter diesem Ideal des politisch-medialen Establishments zurück: Nach wie vor gehen Mütter seltener als kinderlose Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Väter beteiligen sich dagegen nicht weniger, sondern mehr am Erwerbsleben als Männer, die keine Kinder zu versorgen haben. Dementsprechend unterscheiden sich die Erwerbsmuster von Müttern und Vätern: Von den Müttern mit einem jüngsten Kind unter drei Jahren waren 2008 knapp ein Drittel erwerbstätig. Mit dem Alter des (jüngsten) Kindes steigt die Erwerbsquote der Mütter auf 60% in der Kindergartenphase und bis auf 70% im höheren Schulalter. Selbst Mütter mit jugendlichen Kindern sind seltener erwerbstätig als Väter, die zu etwa 85% einer bezahlten Arbeit nachgehen. Diese Väter sind nahezu ausschließlich in Vollzeit erwerbstätig. Hingegen arbeitet von den erwerbstätigen Müttern nur eine Minderheit in Vollzeit außer Haus, mehr als 70% sind in Teilzeitarbeitsverhältnissen beschäftigt (2).

Teilzeitarbeit fördert die Bundesregierung seit den 1980er Jahren, um Arbeitnehmern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern (3). In diesem Sinne nutzen sie bis heute vor allem Frauen: 85% der teilzeitbeschäftigten Mütter geben an, ihren Erwerbsumfang einzuschränken, um Kinder, Pflegebedürftige oder Behinderte zu betreuen; nicht einmal ein Zehntel begründet dies mit dem Fehlen einer Vollzeitstelle (4). Hauptgrund für den Vollerwerbsverzicht von Müttern ist also familiäre Fürsorge. Finanzielle Grundlage dieser Fürsorge ist die Vollerwerbstätigkeit der Väter: In den meisten Familien sind sie, wenn nicht die „Alleinernährer", so doch die „Haupternährer" der Familie (5).

Gegen diese Lebenswirklichkeit kämpft eine überparteiliche Ökumene von Arbeitsmarktökonomen und GleichstellungspolitikerInnen: Die einen wollen Mütter in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels als „stille Reserve" für den Arbeitsmarkt mobilisieren; die anderen Frauen aus ihrer Abhängigkeit vom „Ernährer-Ehemann" emanzipieren (6). Gemeinsam streben sie an, dass Mütter (wie bisher schon Väter) kontinuierlich in Vollzeit für den Arbeitsmarkt verfügbar sind. Teilzeitarbeit oder gar längere Erwerbsunterbrechungen sozialpolitisch zu fördern gilt ihnen als Irrweg: Ökonomen bemängeln den Verlust an „Erwerbspotential" - der globalisierten und flexibilisierten Wirtschaft ist eben an möglichst rund um die Uhr verfügbaren Arbeitnehmern gelegen. Feministinnen wiederum kritisieren Teilzeitarbeit als „Falle" für Frauen. Ihre Gründe liegen auf der Hand: Prestigeträchtige Führungsjobs erfordern einen sehr hohen zeitlichen Arbeitseinsatz, glänzende Karrieren sind mit Teilzeitjobs selten möglich. Für Frauen, die ihren Lebenssinn in Beruf und Karriere sehen, sind sie unattraktiv. Die Perspektive dieser berufsorientierten Frauen dominiert unangefochten den Diskurs in Medien und Politik (7).

Repräsentativ für alle Frauen ist diese Sicht nicht: Die meisten Frauen streben nach einer Balance von Familie und Beruf. Diesen „adaptiven" Frauen kommen Teilzeitangebote oft entgegen: Sie bieten ihnen die Möglichkeit, Teilhabe am Erwerbsleben mit der Fürsorge für Kinder und/oder pflegebedürftigen Angehörigen zu verbinden. Nach wie vor widmen sich auch viele Mütter in Vollzeit ihrer Familie, besonders dann, wenn sie mehrere Kinder zu erziehen haben (8). Arbeitsmarkt- und GleichstellungslobbyistenInnen können sich dies nur mit Fehlen von Krippen, Ganztagsschulen etc. erklären. Dass Eltern eine eigenhändige Erziehung ihrer Kinder bevorzugen, passt nicht in ihr erwerbsfixiertes Weltbild. Tatsächlich gibt es jedoch nicht wenige „familienzentrierte" Frauen, für die Kinder und Familie im Zentrum ihres Lebensentwurfs stehen (9). Einst war es die Maxime der Familienpolitik, unterschiedliche Lebensentwürfe zu respektieren: Familien sollten „ihr Leben so gestalten können, wie sie es selbst möchten". Erklärtes Ziel der Bundesregierung war es, Familien „Spielräume und Wahlfreiheiten zu erhalten" und eine „pluralistische Familienkultur" zu unterstützen (10). Freiheit und Pluralität bedeuten in der Lebenswirklichkeit immer auch Ungleichheit. Dies gilt auch für die Erwerbsbeteiligung von Müttern und Vätern. Maßgabe der postmodernen Arbeitsmarktgleichstellungspolitik sind jedoch gleiche Lebensverläufe von Männern und Frauen, Wahlfreiheit ist nicht mehr vorgesehen (11). Das ist ein Verlust an Freiheit allgemein, von den Folgen dieser Politik für die Kinder ganz zu schweigen.

 

(1) Dies forderte 2005 der Koalitionsvertrag der CDU-SPD-Regierung unter der Rubrik „Gleichstellungspolitik".
(2) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Männer und Frauen in verschiedenen Lebensphasen, Wiesbaden 2010, S. 31-32.
(3) Vgl.: Stellungnahme der Bundesregierung zum Fünften Familienbericht, III-XXXIV, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens (Fünfter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 12/7560, Bonn 1995, XVII-XVIII.
(4) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Männer und Frauen in verschiedenen Lebensphasen, op. cit., S. 33.
(5) Siehe Abbildung unten: „Doppelverdiener-Leitbild vs. Wirklichkeit".
(6) Charakteristisch für diese Interessenkoalition ist das Zusammenwirken der damaligen Frauen- und Familienministerin Renate Schmidt mit dem langjährigen Chefökonomen der Bundesregierung Bert Rürup zugunsten des „Paradigmenwechsels" hin zur „nachhaltigen" Familienpolitik. Renate Schmidt warb öffentlichkeitswirksam für eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Müttern und den Ausbau der institutionellen Kinderbetreuung, Bert Rürup lieferte die ökonomischen Argumente für die neue Politik. Vgl.: Stefan Fuchs: Feindbild Familie, Leitbild Leviathan? S. 112-123, in: Die Neue Ordnung, 64. Jahrgang, Nr. 2/2010.
(7) Die Botschaft von der Teilzeitfalle vermitteln zahlreiche Beiträge in Magazinen, überregionalen Zeitungen und anderen Medien. Der „Stern" widmete der „Teilzeitfalle" (Nr. 32, 31.07.2008) sogar eine Titelgeschichte: http://www.stern.de/magazin/heft/magazin-die-teilzeit-falle-632658.html.
(8) Siehe Abbildung unten: „Doppelverdiener-Leitbild vs. Wirklichkeit".
(9) Zu den unterschiedlichen Lebensmodellen von Frauen (und Männern): Hans Bertram/Wiebke Rösler/Nancy Ehlert: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, S. 6-15, in: Aus Politik und Zeitgeschichte - 23-24/2005, S. 11-13.
(10) Vgl.: Stellungnahme der Bundesregierung zum Fünften Familienbericht, op. cit, XXXIII.
(11) Siehe hierzu auch: http://www.i-daf.org/218-0-Woche-37-2009.html.

 

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