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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 43-44 / 2010

Erziehungshilfen: Sollen sie Familien helfen oder ersetzen?

Verwahrlost vor dem Fernseher dahinvegetierend, mit Süßigkeiten ruhig gestellt und von desinteressierten und überforderten Eltern chronisch vernachlässigt: Dieses medial verbreitete Negativ-Bild familiärer Sozialisation von Kindern scheint die amtliche Erziehungshilfestatistik zu bestätigen (1). Sie verzeichnet mittlerweile jährlich eine halbe Million neu beginnender öffentlicher Erziehungsmaßnahmen. Die Kosten dafür sind beträchtlich: Fast 5 Milliarden Euro gab der Staat zuletzt für „Hilfen zur Erziehung" aus. Unter diese Rubrik fallen allerdings höchst unterschiedliche Formen der Hilfe. Die häufigste Hilfe (67,8% der Fälle) sind Erziehungsberatungen (2). Hier erhalten besorgte Eltern Rat in verschiedensten Erziehungsfragen von der Säuglingspflege bis zu den Schulproblemen pubertierender Heranwachsender. Die Scheu, solche Hilfen nachzufragen, hat in den letzten Jahren abgenommen. Häufiger als früher gestehen Eltern Schwierigkeiten in der Kindererziehung offen ein und suchen nach Hilfe. Ein wesentlicher Grund hierfür ist der rasante Wandel der (Medien)Gesellschaft: Fragen nach den Wirkungen medialer (Schein)Welten auf die Psyche von Kindern oder der Datensicherheit im Internet stellten sich früheren Elterngenerationen noch gar nicht. Traditionelle Erziehungsautoritäten wie die (Groß)Eltern können hier nur selten weiterhelfen. Gerade um das Wohl ihrer Kinder besorgte Eltern aus der gebildeten Mittelschicht sind deshalb verunsichert und greifen häufiger als früher auf professionellen öffentlichen Rat zurück (3).
Öffentliche Hilfe beschränkt sich jedoch nicht darauf, Eltern in ihrer eigenständigen Erziehung zu beraten: Immer häufiger übernimmt der Staat durch „Betreuungshelfer" in Familien oder in „Sozialer Gruppenarbeit" selbst Erziehungsaufgaben. In jedem zehnten Fall erzieherischer Hilfe entzog er das Kind sogar ganz dem Elternhaus, indem er es in Vollzeitpflege in einer anderen Familie oder im Heim unterbrachte. Im Unterschied zu den Erziehungsberatungen benötigen „Normalfamilien" aus der Mittelschicht diese stärker „intervenierenden" Hilfen relativ selten. Die Hilfen konzentrieren sich viel stärker auf besonders belastete und benachteiligte Familien. So sind in der Sozialen Gruppenarbeit bei den 15-27jährigen Jugendliche mit einem Migrationshintergrund klar überrepräsentiert. Anlass für diese Art der Erziehungshilfe sind insbesondere antisoziale Verhaltensweisen (4). Die Erziehungshilfestatistik verweist so auf die mangelnde Integration junger Männer mit Migrationshintergrund in das Ausbildungs- und Arbeitsmarktsystem und ihre höhere Anfälligkeit für Delinquenz und Gewalt (5). In allen „intervenierenden" Hilfeformen weit überrepräsentiert sind Transferbezieher: Fast jede zweite Familie mit einem „Erziehungsbeistand/Betreuungshelfer" lebte überwiegend von Hartz-IV oder Sozialhilfe. Maßnahmen der Vollzeitpflege und der Heimerziehung betrafen sogar in mehr als zwei von drei Fällen auf staatliche Transfers angewiesene Familien (6). Erziehungsversagen dürfte hier oft symptomatisch sein für einen allgemeinen Verlust an Alltags- und Lebensführungskompetenzen durch (Langzeit)Arbeitslosigkeit und soziale Exklusion.
Noch gravierender auf die Erziehungskraft wirkt sich das Zerbrechen von (Kern-) Familien aus: Fast vier von fünf Heimerziehungs- und Vollzeitpflegemaßnahmen betreffen Kinder getrennter Eltern (7). Diese familienersetzenden Hilfen sind besonders aufwendig: Etwa 3000-4000 € kostet ein Heimplatz im Monat (8). Tritt der Staat als Erzieher an die Stelle der leiblichen Eltern wird es also sehr teuer. Dies bedeutet umgekehrt: Die um das Wohl ihrer Kinder besorgte „Normalfamilie" entlastet den Staat dauerhaft von Kosten; selbst dann wenn sie subsidiär öffentliche (Beratungs-)Hilfen benötigt. Dessen ungeachtet bekämpfen Advokaten einer „Entfamilisierung" der Gesellschaft jedwede Politik zugunsten der „Normalfamilie" als vermeintlich antiquiert (9). Weniger Familie und mehr öffentliche (Staats)Erziehung lautet stattdessen ihr Credo. Wie lange der Staat die Kosten dafür noch aufbringen kann und welche Folgen ein solches antifamiliäres Credo für Wirtschaft und Gesellschaft hat, wird in den Medien nur selten thematisiert. Es würde aber ins Zentrum der Problematik führen.

(1) Kritisch zu diesem Zerrbild aus Sicht der Kindheitsforschung: Isabelle Krok/Andreas Lange: Defamilialisierung oder smarte Ko- Produktion? Zum Verhältnis familialer und öffentlicher Erziehung, S. 23-31, in: vorgänge, Heft 3/2008, S. 23. Siehe: http://www.i-daf.org/131-0-Woche-10-2009.html.
(2) Vgl.: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe weiter stark gefragt, Pressemitteilung Nr.401 vom 22.10.2009.
(3) Die Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfestatistik dokumentieren für die letzten 20 Jahre einen Anstieg der Fälle in der Erziehungsberatung. Vgl.: Interview mit Klaus Menne, Geschäftsführer der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): Erziehungsberatung und ihr Schutzauftrag, in: Thomas Rauschenbach (Hrsg.): Kommentierte Daten der Kinder- und Jugendhilfe (KOMDAT), Informationsdienst der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, Heft 1/2010, S. 7. Menne nennt hierfür folgende Gründe: „Erstens der Rückgang der Kinderzahlen. Werdende Eltern machen in ihren Biografien immer weniger eigene Erfahrungen im Umgang mit Kindern. Zweitens die Individualisierung der normativen Vorstellungen und daraus resultierende nicht mehr festgelegte Handlungsmuster. [...] Und drittens ist das veränderte Verhältnis von Familie und Beruf und die damit gestiegenen Anforderungen der Arbeitswelt zu nennen. Es fällt unter diesen Bedingungen Müttern und Vätern immer öfter schwer, die notwendigen zeitlichen, aber auch emotionalen Ressourcen für ihre Kinder aufzubringen" (ebenda). Auf die von Menne hier nicht genannten, dem Verfasser aber zentral erscheinenden Probleme der Medienerziehung verweist u. a. Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut. Vgl.: Versagen der Eltern wird für Kommunen teuer, in: DIE WELT vom 23.10.2010.
(4) Vgl.: Stefanie Lehmann/Franz-Josef Kolvenbach: Erzieherische Hilfe, Migrationshintergrund und Transferleistungsbezug im Jahr 2008, S. 854-861, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik 9/2010, S. 855 - Schaubild 1.
(5) Zu Jugenddelinquenz und Gewalt: Siehe: http://www.i-daf.org/223-0-Woche-38-2009.html; sowie Abbildung unten „Gewaltdelinquenz und Migrationshintergrund".
(6) Vgl.: Stefanie Lehmann/Franz-Josef Kolvenbach: Erzieherische Hilfe, Migrationshintergrund und Transferleistungsbezug im Jahr 2008, op. cito, S. 859.
(7) Siehe hierzu Abbildung unten: „Hilfen zur Erziehung nach Familienkonstellation".
(8) Vgl.: Richard Günder: Heimerziehung, in: Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP), http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_programme/a_angebote_und_hilfen/s_68.html. Dementsprechend verursachen sie auch den größten Teil der Ausgaben der öffentlichen Erziehungshilfen: Allein die Kosten für Heimerziehung/betreutes Wohnen bezifferte die Dortmunder Arbeitsstelle für 2004 auf 2,59 Milliarden Euro. Vgl.: N. N: Kinder, ab ins Heim! In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Seite 45.
(9) In diesem Sinne kritisierte etwa der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann die letzte Kindergelderhöhung (2009) als einem „überholten „Muster der Politik der Nachkriegszeit" folgend. Siehe: Amory Buchard: Wie sinnvoll ist das Betreuungsgeld? In: Tagesspiegel vom 29. Oktober 2009.

 

 

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