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 iDAF-Newsletter der Wochen 5-6/2011

 

Zitat der Wochen 5 - 6 / 2011

Joseph Ratzinger: Europa ist zukunftsmüde

Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identität aufheben müssen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. Es gibt eine seltsame Unlust an der Zukunft. Kinder, die Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart angesehen; sie nehmen uns etwas von unserem Leben weg, so meint man. Sie werden weithin nicht als Hoffnung, sondern als Grenze der Gegenwart empfunden.

Joseph Kardinal Ratzinger: Europas Identität, S. 68-88, in: Werte in Zeiten des Umbruchs. Die Herausforderungen der Zukunft bestehen, Freiburg im Breisgau 2005, S. 78.

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Nachricht der Wochen 5 - 6 / 2011

Kinderzahlen von Migranten: Die Wahrheit der Stammtische

„Migrantinnen passen sich deutscher Geburtenrate an" - war im Sommer 2010 in der deutschen Qualitätspresse zu lesen. Töchter von Zuwanderern, im amtlichen Sprachgebrauch Frauen der „zweiten Migrantengeneration", hätten sich dem Geburtenverhalten deutscher Frauen „nahezu angepasst" zitierten sie eine Wissenschaftlerin der Universität Rostock. Die Wissenschaft - so meinte die Frankfurter Rundschau - räume mit dem „Klischee" der kinderreichen Migranten auf. Die in der Bevölkerung verbreiteten Überfremdungsängste erwiesen sich als übertrieben und regelrecht lächerlich: Den „Stammtischen" gehe „ja der Gesprächsstoff darüber aus, dass sie in ihrem eigenen Land bald zur Minderheit gehören" (1).
Richtig ist: Tendenziell erfasst der Trend hin zu niedrigen Kinderzahlen auch Migranten. Dieser Befund ist seit langem bekannt. Nichts anderes bestätigten die Ergebnisse der Rostocker Forscherin. Ihre Auswertungen zeigten aber zugleich auch markante Unterschiede im Geburtenverhalten je nach ethnisch-kultureller Herkunft: Kinderreiche Mütter waren unter „Griechinnen" noch seltener zu finden als unter „deutschen" Frauen; „Türkinnen" hatten deutlich häufiger drei oder mehr Kinder (2). Nun bilden „Türken" aber die relativ größte Gruppe von Zuwanderern in Deutschland. Im Blick auf die durchschnittliche Geburtenrate von Migrantinnen fällt das Geburtenverhalten türkischstämmiger Frauen deshalb besonders ins Gewicht - diesen entscheidenden Aspekt blendeten die Presseberichte aus. Zu diesen „heiklen" oder politisch unkorrekten Fragen mangelte es lange an gesicherten Erkenntnissen, weil sich aus der amtlichen Statistik nur schwer zuverlässige Daten zu den Kinderzahlen von Frauen gewinnen ließen (3). Mittlerweile ermöglicht der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes aber Aufschlüsse zu den Kinderzahlen von Frauen differenziert nach sozialen Merkmalen wie Bildung, Einkommen, partnerschaftlicher Lebensform und eben auch Migrationshintergrund (4).
Damit lassen sich nun die an den vermeintlichen Stammtischen diskutierten „Klischees" an der Wirklichkeit messen - die amtlichen Zahlen widerlegen allerdings die Volkspädagogik „aufklärerischer" Publizisten: Der Anteil der Frauen mit drei und mehr Kindern ist demnach unter den Frauen mit Migrationshintergrund (ca. 26%) etwa doppelt so groß wie unter den Frauen ohne Migrationshintergrund (13%). Dagegen sind mehr als ein Viertel der „einheimischen" Frauen, aber nur knapp 15% der Migrantinnen kinderlos. Als Folge dieser Differenzen in den „Geburtenparitäten" haben Migrantinnen durchschnittlich 1,83, „einheimische" Frauen dagegen nur 1,4 Kinder (5). Auch die Nachkommen der Zuwanderer verfehlen also den Generationenersatz - sie „sterben" aber gewissermaßen deutlich langsamer aus als die „deutsche" Bevölkerung.
Ein Sonderfall sind aber wie gesagt die Türkischstämmigen: Ihr Bevölkerungsanteil wächst auf „natürliche Weise" durch Geburtenüberschüsse. Mit fast 2,5 Kindern pro Frau übertreffen ihre (1965-1969 geborenen) Frauen deutlich den Generationenersatz. Kinderlosigkeit ist unter diesen Frauen selten; dafür hat etwa die Hälfte von ihnen mindestens drei Kinder (6). Forscher versuchen dies so zu erklären, dass diese Bevölkerungsgruppe „noch stark dem Muster des Herkunftslandes verhaftet" sei (7). In der Türkei ist die Geburtenrate aber vor allem in den urbanen Regionen in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. In der Metropolenregion Istanbul liegt sie auf einem ähnlichen Niveau wie in Mitteleuropa und ist dort wesentlich niedriger als die ihrer Landsfrauen in Deutschland. Zwar ist auch deren Kinderzahl in den letzten beiden Jahrzehnten gesunken; der Rückgang war jedoch schwächer als in der westlichen Türkei (8). Gleichzeitig sind die Kinderzahlen der türkischstämmigen Frauen in Deutschland auch wesentlich langsamer gesunken als die der „einheimischen" Frauen. Das Geburtenverhalten der Türkischstämmigen hat sich also mitnichten dem deutschen Durchschnitt „angepasst" (9). Im Gegenteil öffnet sich die Fertilitätsschere zwischen Einheimischen und Zuwanderern und zeigt damit symptomatisch die wachsende Kluft zwischen traditionsbestimmten Migrantenmilieus und postmodern-individualistischen Lebenswelten (10). Diese kulturelle Kluft und ihre sozialen Folgen kennen die „Stammtisch"-Bürger aus dem Kita- und Schulalltag ihrer Kinder und Enkel. Nicht wenigen Möchtegern-Pädagogen in der Bewusstseinsindustrie der Medien sind sie damit einige Erkenntnis-Schritte voraus.

(1) Siehe hierzu: Yvonne Glober: Geburtenraten bei Migranten - Von wegen Großfamilie. Interview mit Nadja Milewski, in: Frankfurter Rundschau vom 15.8.2010. http://www.fr-online.de/wissenschaft/von-wegen-grossfamilie/-/1472788/4559022/-/index.html. Etwas zurückhaltender in der Bewertung: Matthias Kamann: Migrantinnen passen sich deutscher Geburtenrate an, WELTONLINE vom 11. August 2010, http://www.welt.de/die-welt/politik/article8937238/Migrantinnen-passen-sich-deutscher-Geburtenrate-an.html.
(2) Vgl.: Nadja Milewski: Fertility of Immigrants. A Two-Generational Approach in Germany. Demographic Research Monographs. Hamburg 2010, www.demogr.mpg.de/books/drm/006/.
(3) Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Geburten und Kinderlosigkeit in Deutschland, Bericht über die Sondererhebung 2006 „Geburten in Deutschland", Wiesbaden 2008, S. 3-4.
(4) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Kinderzahlen bei Frauen mit und ohne Migrationshintergrund im Kontext von Lebensformen und Bildung, S. 7-12, in: Bevölkerungsforschung Aktuell 01/2011, S. 7.
(5) Diese Durchschnittswerte beziehen sich auf die Geburtsjahrgänge 1960-1974. Vgl. ebd., S. 8 (Tabellen 1 und 2).
(6) Vgl. ebd., S. 9 und Abbildung 1, auf dieser Grundlage eigene Berechnung zur durchschnittlichen Kinderzahl.
(7) So Jürgen Dorbritz vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, ebd., S. 9.
(8) Vgl.: M. Murat Yucesahin/E. Murat Ozgur: Regional Fertility Differences in Turkey: Persistent High Fertility in the South-East, p. 135-158, in: Population, Space and Place 14, January 2008, p. 142. Siehe hierzu auch: http://www.i-daf.org/303-0-Wochen-19-20-2010.html.
(9) Dies gilt - nicht zuletzt aufgrund der großen demographischen Bedeutung der Türkischstämmigen - auch für die Migrantenbevölkerung insgesamt. Siehe hierzu Abbildungen unten: „Passen sich Zuwanderer im Geburtenverhalten an?" sowie „Kinderzahlen „deutscher" und „türkischer" Frauen".
(10) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/231-0-Woche-41-2009.html.

 

 

 

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