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iDAf-Newsletter der Wochen 11-12/2011

 

Zitat der Wochen 11-12 / 2011

Joseph A. Schumpeter: Der Feminismus ist eine kapitalistische Erscheinung

Der kapitalistische Prozess rationalisiert Verhalten und Ideen und verjagt dadurch aus unseren Köpfen, zugleich mit dem metaphysischen Glauben, mystische und romantische Ideen von vielerlei Art. So formt er nicht nur unsere Methoden zur Erreichung unserer Ziele um, sondern auch diese letzten Ziele selbst. „Freies Denken" im Sinn des materialistischen Monismus, Laizismus und pragmatischer Akzeptierung der diesseitigen Welt folgt daraus zwar nicht mit logischer Notwendigkeit, aber immerhin sehr natürlich. Einerseits wird unser ererbtes Pflichtgefühl, seiner traditionellen Grundlage beraubt, in utilitaristischen Ideen über die Verbesserung der Menschheit in einem Brennpunkt vereinigt -, in Ideen, die, zugegebenermaßen ganz unlogisch, der rationalistischen Kritik scheinbar besser stand halten als, sagen wir, die Furcht vor Gott. [...] Der Feminismus, eine ihrem ganzen Wesen nach kapitalistische Erscheinung, illustriert dies noch deutlicher. Der Leser wird sich klar darüber sein, dass diese Tendenzen „objektiv" verstanden werden müssen und dass daher noch so viel anti-feministisches oder anti-reformistisches Gerede oder sogar noch so viel zeitweilige Opposition gegen jede einzelne Maßnahme nichts gegen diese Analyse beweist. Diese Dinge sind gerade die Symptome der Tendenzen, die sie zu bekämpfen behaupten.

Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1950, Dritte Auflage 1972, S. 208-209.

 

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Nachricht der Wochen 11-12 / 2011

Auch islamischen Ländern droht ein „grauer Tsunami"

Explodierende Rohstoffpreise, Hungeraufstände, Umweltzerstörung, Ressourcenkriege, Klimawandel und atomare Risiken - Apokalyptiker sehen die Menschheit „mitten drin in der Katastrophe". Skepsis gegenüber solchen Bedrohungsszenarien halten sie für Ignoranz: So hätten die meisten Menschen das dringendste Problem der Gegenwart mittlerweile erfolgreich verdrängt: Sie redeten kaum noch darüber, dass von ihnen bereits „viel zu viele" auf der Erde lebten (1). Dabei prägte das Paradigma der Bevölkerungsexplosion über Jahrzehnte den Diskurs: „Das Raumschiff Erde ist überfüllt" verkündete bereits 1968 der Biologe Paul Ehrlich - damals lebten etwa 3,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Die von den Vereinten Nationen vorausberechnete Verdoppelung der Weltbevölkerung auf 7 Milliarden Menschen bis zur Jahrtausendwende führe in die (Hunger-)Katastrophe (2). Ihm folgend warnte der SPIEGEL: „Wie die Lavaströme eines Vulkanausbruchs alles Leben unter sich begraben" so verschütteten die „Menschenmassen der Bevölkerungsexplosion alles, was das Leben lebenswert macht, und gewähren nur noch Raum für die mechanischen Verrichtungen von Zeugung, Geburt, Arbeit und Tod im Ameisenstaat". Die Menschen taumelten einer Zukunft „auf überfüllten Plätzen ohne Demokratie und Privat-Eigentum" entgegen, in der „Kannibalen die einzigen Verbraucher ohne Lebensmittelkarten sein werden". Der Wert des Einzelnen sacke durch den „Überschuss an Menschen" ins „Bodenlose". Als Folge der „Inflation menschlichen Lebens" drohe „eine neue Moral, die sich nicht mehr länger an einer „so unbedeutenden Größe" orientiere (3).
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben tatsächlich annähernd sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Gestiegene Bevölkerungsziffern haben der Wertschätzung des einzelnen menschlichen Lebens aber offensichtlich keinen Abbruch getan, im Gegenteil ist die Idee der Menschenrechte lebendiger als je zuvor. Die kommunistischen Regime in Mittelosteuropa sind Geschichte, Militärdiktaturen in Südeuropa, Lateinamerika und Asien mussten Abschied nehmen - noch nie in der Geschichte gab es mehr Demokratie. Demokratie und Wohlfahrtskapitalismus revolutionieren Lebensstil und Bewusstsein: Sie rationalisieren das Verhalten, fördern pragmatisch-utilitaristisches Denken und verdrängen so den religiösen Glauben und damit auch „mystische und romantische Ideen" (4). Den aus den Bindungen („Fesseln") von Tradition und Autorität gelösten „rationalen und hedonistischen Individuen" werden nun „unvermeidlich die schweren persönlichen Opfer, welche Familienbindungen und namentlich Elternschaft unter modernen Bedingungen mit sich bringen" bewusst (Joseph A. Schumpeter) (5). Folgerichtig brechen in kapitalistischen Gesellschaften regelmäßig die Geburtenraten ein - beispielhaft hierfür sind die Tigerstaaten Ostasiens, denen es mittlerweile eklatant an Nachwuchs mangelt (6).
Entgegen verbreiteter Vorurteile hat der säkulare Geburtenrückgang nun auch die islamische Welt erfasst: Ausgerechnet der Iran erlebte in den letzten Dekaden den „schnellsten Fertilitätsrückgang der Menschheitsgeschichte": Die Geburtenrate brach von 6-7 Kindern pro Frau (1980-85) auf 1,8 Kinder (2006-2009) ein. Auch in der (westlichen) Türkei, in weiten Teilen Nordafrikas und in wohlhabenden Ölstaaten wie Kuwait sind die Kinderzahlen stark gesunken und erreichen zum Teil kaum mehr den Generationenersatz (7). Vormodern hohe Geburtenraten finden sich heute praktisch nur noch in „gescheiterten Staaten" wie dem Jemen: Das rasche Bevölkerungswachstum erschwert hier den Kampf gegen das herrschende Elend, begünstigt so Terrorismus und (Bürger)Krieg und gefährdet damit die internationale Sicherheit. Die hohen Geburtenzahlen sind dabei aber weniger Ursache als Symptom der Entwicklungsprobleme wie dem Fehlen elementarer Bildung, patriarchalischer Stammesherrschaft und Frauenunterdrückung (8). Von diesem Elendszirkel unterscheidet sich die Lage von Ländern wie der Türkei oder Tunesien grundlegend: Sie haben zumindest ansatzweise archaische Traditionen zurückgedrängt und die Stellung der Frauen verbessert sowie ihr Bildungssystem (nach europäischen Vorbildern) entwickelt. Nun stehen sie vor der Schwierigkeit, ihre immer besser ausgebildete junge Generation einigermaßen adäquat zu beschäftigen. Deren Arbeitsproduktivität benötigen sie dringend, um ihre rasch wachsenden älteren Generationen zu versorgen. Nicht die vermeintlich zu große Kinderzahl, sondern der „graue Tsunami" der Bevölkerungsalterung wird künftig ihre Hauptsorge sein, die sie mit den westlichen und ostasiatischen Industrieländern verbindet (9).

(1) Siehe: Alard von Kittlitz: Überbevölkerung. Viele Kinder, viele Sorgen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Oktober 2010 (abrufbar unter www.faz.net).
(2) Siehe: Paul Ehrlich: Das Raumschiff ist überfüllt: DER SPIEGEL 10/1968 vom 04.03.1968 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135813.html.
(3) Siehe: Zwei zu eins gegen den Tod - Die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt (Schluss), in: DER SPIEGEL vom 20.10.1969, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520614.html. Aufschlussreich im Blick auf das diese apokalyptischen Sorgen motivierende Menschenbild sind die folgenden Aussagen: „Denn von allen Primaten hat der "Nackte Affe" (so Desmond Morris) den größten Penis, das größte Gehirn -und permanent Paarungszeit. Obwohl ein relativ langsamer Brüter, kann die normale Frau zu ihren Lebzeiten bis zu zwanzigmal gebären. Und während Zeugungs- und Gebärfreudigkeit des Menschen durch die Jahrtausende etwa gleich geblieben sind, gelang es der Intelligenz, die Macht des Todes immer weiter zurückzudrängen: [...] Das Pendel des Todes, von Menschenhand künstlich zurückgehalten, wird eines Tages mit verheerender Gewalt zurückschwingen, die abgesattelten Reiter der Apokalypse werden vollmotorisiert wiederkehren, und Vernichtungs-Katastrophen ungeahnten Ausmaßes müssen das Chaos auf Erden schaffen, wenn das kaltblütigste aller höheren Säugetiere (37,4 Grad Körpertemperatur) nicht aufhört, der eigenen Endlösung entgegen zu brüten. Theoretisch erscheint die Wahl leicht [...]. Doch in diesem Fall ist alle Theorie nicht grau, sondern vielfarbig: Die Fruchtbarkeit der farbigen Welt ist es, die das scheinbar einfache Problem nahezu unlösbar werden lässt." Siehe: Claus Jacobi: Zwei zu Eins gegen den Tod - die Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt, in: DER SPIEGEL 41/1969 vom 06.10.1969, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45520755.html.
(4) Hierzu Schumpeter: „Der kapitalistische Prozess rationalisiert Verhalten und Ideen und verjagt dadurch aus unseren Köpfen, zugleich mit dem metaphysischen Glauben, mystische und romantische Ideen von vielerlei Art." Siehe: Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1950, dritte Auflage 1972, S. 208.
(5) „Sobald Männer und Frauen die utilitaristische Lektion gelernt haben [...] sobald sie die Gewohnheit annehmen, die individuellen Vor- und Nachteile jeder voraussichtlichen Folge von Handlungen abzuwägen -, oder, wie wir es auch ausdrücken könnten: sobald sie in ihrem Privatleben eine Art unausgesprochener Kostenrechnung einführen -, müssen ihnen unvermeidlich die schweren persönlichen Opfer, welche Familienbindungen und namentlich Elternschaft unter modernen Bedingungen mit sich bringen, ebenso wie die Tatsache bewusst werden, dass gleichzeitig - abgesehen vom Fall der Bauern und Landwirte - die Kinder nicht mehr ein wirtschaftliches Aktivum sind." Ebenda, S. 254-255. Für ein ausführlicheres Zitat dieses Gedankens siehe: http://www.i-daf.org/69-0-Woche-31-2008.html.
(6) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/303-0-Wochen-19-20-2010.html.
(7) Siehe Abbildung unten: „Geburtenrückgang in islamischen Ländern".
(8) Die Probleme des Jemen sind nicht erst bekannt seit das Land zum Rückzugs- und Übungsgebiet für Al Quaida geworden ist. Vgl.: Paul Demeny: Die bevölkerungspolitischen Dilemmata in Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts, S. 91-117, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Jg. 28, Heft 1/2003.
(9) Siehe hierzu: Jordan Mejias: Der graue Tsunami. Asien altert und nimmt Züge des Westens an, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. November 2010, S. 32.

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