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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
iDAF-Newsletter der Wochen 15-16 / 2011

 

Zitat der Wochen 15 - 16 / 2011

Vom absoluten Wert des Menschen

Tatsächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung der Lebenswerte auf der Idee, dass der Mensch einen absoluten Wert besitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderen Kräfte und Äußerungen seines empirischen Wesens steht eben „der Mensch", als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhaupt nicht mit irgendeinem quantitativen Maßstab gewogen und deshalb auch nicht mit einem bloßen Mehr oder Weniger eines anderen Wertes aufgewogen werden kann.

Georg Simmel: Philosophie des Geldes, S. 253-751, in: Georg Simmel: Philosophische Kultur, Frankfurt am Main 2008, S. 590.
Georg Simmel (1858-1918) lehrte Philosophie und Wirtschaftstheorie in Berlin und Straßburg; gemeinsam mit Ferdinand Tönnies, Werner Sombart und Max Weber gründete er 1909 die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS).

 

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Nachricht der Wochen 15 - 16 / 2011

Postmoderne Wertewalze: Überall zählt nur das Ich

Schon Karl Marx wusste: Nichts ist emanzipatorischer als der Kapitalismus. Die „Bourgeoisie", so schrieb er 1848 im Kommunistischen Manifest, könne nicht existieren ohne „sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren". „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen". Auf diese Weise habe der Kapitalismus auch dem „Familienverhältnis" seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein „reines Geldverhältnis" zurückgeführt (1). Die „utilitaristische Lektionen" des Marktes - bekräftigte später Joseph A. Schumpeter - ließen „die Werte des Familienlebens" verblassen"(2).
Schon die „Klassiker" der Ökonomie diagnostizierten also eine Krise der Familie in der kapitalistischen Gesellschaft. Einer Abkehr von der Familie wirkte aber noch lange eine traditionelle Familienmoral entgegen: Bis weit in die 1960er Jahre hinein blieb es in der westlichen Welt die Norm zu heiraten und eine Familie zu gründen; Ehe- und Kinderlosigkeit war die Ausnahme und galt als Unglück (3). Nur wenige Abweichler wandten sich explizit gegen die nicht nur von den Kirchen, sondern auch von Bürgertum und Arbeiterschaft unterstützte Familien-Norm. Zwar opponierten Angehörige der intellektuellen Bohème seit jeher gegen die Zwänge und Konventionen des „Normal-Verhaltens"; aber erst durch die elektronischen Massenmedien konnte diese Agitation ihre revolutionären Wirkungen voll entfalten (4). Zugleich ermöglichten Wohlstand und Massenproduktion breiten Bevölkerungsschichten Waren und Dienste (z. B. Fernreisen) zu genießen, die bis dato Luxus der Oberschicht waren (5). Einstige moralische Tabus verblassten, zum maßgeblichen Wert postindustrieller Gesellschaften avancierte die individuelle Selbstverwirklichung. Diese neue „Individualitätsmoral" (Eric Hobsbawm) emanzipiert aus „traditionellen" Bindungen (6): In wirtschaftlich entwickelten Ländern verlieren Religion und kulturelle Tradition an sozialer Verbindlichkeit, individualisieren sich die Lebensentwürfe und lösen sich vor allem Frauen aus traditionellen Familien- und Geschlechterrollen (7). Die weltweit zu beobachtende sinkende Heiratsneigung, die gestiegenen Scheidungsrisiken und nicht zuletzt die rückläufigen Kinderzahlen sind Symptome und Folgen dieser Modernisierung (8).
Besonders anschaulich zeigt sich der Nexus von Kapitalismus und Emanzipation in der Türkei: In Südostanatolien sind nach wie vor archaische Lebensverhältnisse anzutreffen: Lebensgrundlage ist fast allein die Landwirtschaft, Religion und Tradition prägen die Mentalität, die Geschlechterrollen sind traditionell und die Geburtenraten sind mit bis zu sechs Kindern pro Frau (zu) hoch. Den Gegenpol bilden die prosperierenden Dienstleistungszentren Izmir und Istanbul: Sie sind am stärksten säkularisiert, die Gleichstellung von Frauen ist am weitesten fortgeschritten und damit verbunden weisen sie die niedrigsten Kinderzahlen in der Türkei auf. Ähnlich wie in Mitteleuropa reichen die Geburten hier nicht mehr aus, um den Generationenersatz zu sichern (9). Die Mentalität in diesen urbanen Zentren ist bemerkenswert modern: Dem „World Value Survey" zufolge unterscheiden sich die Einstellungen zum Verhältnis von Staat und Religion, zur Familie und zur Gleichheit der Geschlechter nicht wesentlich von denen in Deutschland (10). Zwischen den Polen Südostanatolien und (post)industrielle Westtürkei liegen (neu)industrielle Regionen: Die Religion hat hier an Einfluss verloren, die Einstellungen zu Familie und Geschlechterrollen aber noch traditionell geprägt. Uneheliche Kinder sind unerwünscht, weshalb viele dem Abbruch „illegitimer" Schwangerschaften zustimmen. In den postmodernen Zentren der Westtürkei wird dies seltener befürwortet, die Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch sind kritischer. Gerade weil der Bildungsstand höher und der Abbau sozialer Autorität weiter fortgeschritten ist, wird die ethische Problematik der Abtreibung stärker empfunden (11).
Die üblichen Schablonen von „Emanzipation" vs. „Patriarchat" passen hier offenkundig nicht mehr. In den postmodernen Kontroversen um Abtreibung und Lebensrecht geht es um ganz Grundsätzliches - den Wert und die Würde des Menschen jenseits seiner ökonomischen Nützlichkeit. Das ist auch ein Problem in Deutschland, Europa und überhaupt in dem so genannten Abendland.

(1) Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 4, 6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage, Berlin/DDR 1959, S. 465.
(2) Vgl. Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, München 1950, 3. Auflage 1972, S. 254-256.
(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/294-0-Wochen-13-14-2010.html. Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm analysierte diese „bürgerliche Familiengesellschaft" wie folgt: „Die Familie war ein integraler Bestandteil des Kapitalismus, weil sie ihn ebenso mit einer ganzen Anzahl solcher Voraussetzungen versorgen konnte wie dem „Hang zur Arbeit", der Angewohnheit, gehorsam und loyal zu sein, auch als Geschäftsführer loyal gegenüber der jeweiligen Firma, oder anderen Verhaltensweisen, die nicht so einfach in eine rationale Theorie der freien und auf Maximierung basierenden Wahl eingepasst werden können." Siehe: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 429-430.
(4) „Diese veränderte Größenordnung gab der Kultur der sechziger Jahre ihren besonderen Impetus, nicht zu vergessen die Tatsache, dass ein bohemehafter, früher auf eine kleine Elite beschränkter Lebensstil, nunmehr auf der gigantischen Leinwand der Massenmedien ausagiert wird". Siehe: Daniel Bell: Die Zukunft der westlichen Welt - Kultur und Technologie im Widerstreit, Frankfurt am Main 1976, S. 72.
(5) Vgl. ebenda., S. 83-85.
(6) Das westliche Ideal war der autonome Mensch, der, indem er über sich selbst bestimmt, Freiheit erlangen könne. [..] „Als die protestantische Ethik aus der bürgerlichen Gesellschaft verdrängt wurde, blieb nichts als der Hedonismus zurück, und so verlor das kapitalistische System seine transzendentale Ethik. [...] Der Hedonismus ist die kulturelle, wenn nicht gar moralische Rechtfertigung des Kapitalismus geworden - das Vergnügen als Lebensstil." Siehe ebenda, S. 26 und S. 30.
(7) Dies postuliert - empirisch wohl begründet - die Modernisierungstheorie. Vgl.: Yasemin El-Menouar/Martin Fritz: Sozioökonomische Entwicklung und Wertvorstellungen in elf Regionen der Türkei, S. 356-561, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 61. Jahrgang/Nr. 4, Dezember 2009, S. 544-546.
(8) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/159-0-Woche-18-2009.html.
(9) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/303-0-Wochen-19-20-2010.html; Stefan Fuchs: Vertreibung aus dem Rest-Paradies? Heirat und Ehe in den Medien 1968-2000, http://www.erziehungstrends.de/Heirat/Ehe/Medien.
(10) Vgl.: Yasemin El-Menouar/Martin Fritz: Sozioökonomische Entwicklung und Wertvorstellungen in elf Regionen der Türkei, op. cito, S. 554 und S. 558-559.
(11) „Es wird deutlich, dass moderne Einstellungen gegenüber Familie und Geschlechterrollen nicht mit einer Zustimmung zur Abtreibung einhergehen. [...] Istanbul als die am wenigsten traditionell eingestellte Region befindet sich genau zwischen der Ablehnung und Befürwortung von Abtreibung. [...] Andere Regionen wie Gaziantep, die aufgrund der Industrialisierung weniger religiös sind, jedoch noch relativ traditionelle Familienvorstellungen pflegen, stimmen deshalb eher einer Abtreibung bei unehelicher Schwangerschaft zu. Traditionelle Regionen wie Sanliurla dagegen, die zusätzlich sehr religiös sind, lehnen Abtreibung per se ab, auch wenn die Schwangerschaft nicht in entsprechenden Familienverhältnissen zustande gekommen ist." Siehe ebenda, S. 556-557. Zu den Einstellungen zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland siehe Abbildung unten: „Ungeplante Schwangerschaft und Religiosität".

 

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