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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

i-DAF Newsletter der Wochen 19-20 / 2011

 Zitat der Wochen 19-20 / 2011

Zeithungersnot und die Krümel der politischen Korrektheit

Die Familie muss sich heute also im Blick auf den Markt und den Staat verstehen. Sie hat es nicht nur mit der Liebe der Ehegatten, Eltern und Kinder, sondern auch mit dem Geld der Wirtschaft und der Macht der Politik zu tun. Und da man niemand einen Vorwurf machen kann, dass er seine Zeit zumeist dem widmet, was hoch bewertet wird, also dem, wofür Geld bezahlt wird, leidet die Intimität der Familie an einer permanenten Zeithungersnot. Doch auch hier hilft die Political Correctness mit einer genialen Wortprägung weiter. Dass Eltern keine Zeit mehr für ihre Kinder haben, soll durch „quality time" kompensiert werden. Man konzentriert seine Zuneigung auf wenige, sehr intensive Minuten der ungestörten Zuwendung. Das soll offenbar genauso funktionieren wie das power napping für diejenigen, die zu wenig Zeit haben, um schlafen zu gehen. Wie für Flugzeuge gibt es heute time slots für Zärtlichkeit.

Norbert Bolz: Die Helden der Familie, München 2006, S. 53-54.

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Nachricht der Wochen 19-20 / 2011

Klassische Familie: Mehr Kinder, mehr Sinn, mehr Teilzeitarbeit

Längst sind sie ein Ritual und schaffen es dennoch regelmäßig in die Top-Nachrichten: Klagen der Wirtschaft über den Mangel „qualifizierter" Arbeitskräfte, insbesondere an Ingenieuren. Dabei sind die heutigen Rekrutierungsprobleme erst der Anfang: Als Folge des dauerhaften Geburtendefizits wird das Erwerbspersonenpotential sukzessive schrumpfen - nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts schon bis zum Jahr 2030 um sechs Millionen Menschen. Als Folge des Arbeitskräfterückgangs befürchtet die Wirtschaft schmalere Gewinnmargen; ihre Interessenvertreter fordern deshalb über die Stellschrauben Migration, Arbeitszeit und Frauenerwerbsbeteiligung das Arbeitskräftepotential zu vergrößern (1). Größere Einwandererzahlen und längere (Wochen- wie Lebens-) Arbeitszeiten sind „im Volk" eher unpopulär, dementsprechend stoßen sie auf politische bzw. gewerkschaftliche Widerstände. Politisch unangreifbar erscheint es dagegen, die Frauenerwerbstätigkeit zu steigern: Wirtschafts- Sozial- und Gleichstellungspolitik bilden hierfür eine Interessenkoalition, die ihre Verkaufswerbung mit wohlklingenden Slogans wie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf" betreibt (2).
Ihre Advokaten in EU und OECD verstehen sich als Entwicklungshelfer, die das im internationalen Vergleich „rückständige" Deutschland auf den Weg des Fortschritts führen. Schon heute sind aber in Deutschland mehr Frauen erwerbstätig als in den meisten anderen Industrieländern: Die Frauenerwerbsquote erreicht in Deutschland mit über 65% ein ähnliches Niveau wie in Großbritannien oder Finnland und liegt damit deutlich über den - in der „Vereinbarkeit" als Vorbilder geltenden - Nachbarländern Belgien und Frankreich (3). Mit der überdurchschnittlichen Frauenerwerbsquote einher geht eine weit verbreitete Teilzeitbeschäftigung von Müttern (4). Das von der Bundesregierung immer wieder bekräftigte Ziel, Frauen als „stille Reserven" für den Arbeitsmarkt zu mobilisieren, bedeutet in der Konsequenz, dass mehr Mütter in Vollzeit arbeiten sollen.
Aber wollen die Mütter auch in Vollzeit arbeiten? Im Mikrozensus 2009 gaben in Westdeutschland 84 Prozent der teilzeitbeschäftigten Mütter an, ihren Erwerbsumfang wegen familiärer Betreuungsaufgaben zu begrenzen; nur sieben Prozent begründeten dies mit dem Fehlen einer Vollzeitstelle. Im Blick auf diese Zahlen räumt das Statistische Bundesamt ein, dass Teilzeitarbeit keine bloße „Notlösung" darstelle, sondern durchaus „auch den Wünschen von Müttern mit kleineren Kindern" entspricht (5). Tatsächlich erachten nicht wenige Mütter eine Vollzeiterwerbstätigkeit als nachteilig für ihre Familie (6). Dies gilt insbesondere für Mütter mit drei und mehr Kinder, die mehrheitlich in eher „traditionellen" Familienkonstellationen leben: Fast die Hälfte von ihnen ist nicht erwerbstätig, etwa ein Viertel in Teilzeit und ca. 15% geringfügig beschäftigt und nur etwa jede zehnte von ihnen ist in Vollzeit erwerbstätig (7). Schwerpunktmäßig widmen sie sich der familiären Fürsorgearbeit („care"), während ihre (Ehe)Partner in der Regel in Vollzeit beschäftigt sind und damit den Familienunterhalt sichern.
Dieser „Traditionalismus" ist keineswegs bloß einer mangelnden „Vereinbarkeit" geschuldet: Kinderreiche Mütter sind vielmehr überdurchschnittlich häufig mit der Betreuungssituation zufrieden (8). Das „klassische" Familienmodell befürworten sie häufiger als Frauen mit weniger Kindern, eine Haltung die sich nicht als bloße „Selbstrechtfertigung" abtun lässt: Deutlich zeigt die Forschung, dass sich kinderreiche Eltern meistens bewusst für diese Lebensform entscheiden, die damit verbundenen „Opportunitätskosten" schätzen sie durchaus realistisch ein. Konsum und berufliche Karriere haben für sie aber eine geringere, Kinder als Lebenssinn dagegen eine höhere Wertigkeit als für ihre stärker individualistisch gesinnten Mitbürger (9). Eben die „Individualisten", und gewiss nicht die „Familienmenschen" sind für den Nachwuchsschwund verantwortlich. Nachdrücklich bestätigt dies der Mikrozensus: Im „traditionellen" Familienmodell lebende Frauen bekommen in Westdeutschland auch heute noch mehr als zwei Kinder; gerade einmal bei 1,0 liegt dagegen die durchschnittliche Kinderzahl beiderseitig in Vollzeit erwerbstätiger Paare (10). Das demographisch-politische Paradox ist offensichtlich: Die postmoderne Arbeitsmarktpolitik versucht den „Teufel" Arbeitskräfteschwund mit dem „Beelzebub" des Kampfes gegen die „traditionelle" Familie auszutreiben.

(1) Als Reaktion auf diese Situation erarbeitet die Bundesregierung derzeit ein „Konzept Fachkräftesicherung": http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1886722/Mit-Muettern-und-Aelteren-gegen-Fachkraeftemangel.html.
(2) Treffend hierzu: Ilona Ostner: Sozialwissenschaftliche Expertise und Politik. Das Beispiel des Siebten Familienberichts, S. 385-390, in: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 36, Heft 5, Oktober 2007, S. 385-386.
(3) Siehe Abbildung unten: „Frauenerwerbstätigkeit in den OECD-Staaten".
(4) Vgl.: OECD: Doing better for families, Paris 2011, S. 34.
(5) Stefan P. Rübenach/Matthias Keller: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, S. 329-348, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, April 2011, 335.
(6) Die Skepsis gegenüber einer Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern ist dabei keine Besonderheit deutscher Eltern, sondern in ganz Europa anzutreffen. Vgl.: Angelika Scheuer/Jörg Dittmann: Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers - Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Europa, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38 - Juli 2007, S. 1-5. Siehe hierzu auch: http://www.i-daf.org/177-0-Woche-23-2009.html.
(7) Vgl.: Barbara Keddi/Claudia Zerle/Andreas Lange/Waltraud Cornelißen (2010): Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe. Forschungsbericht München 2010, S. 23.
(8) Hierzu Barbara Keddi et al: Familien mit mehreren Kindern sind gleichzeitig überdurchschnittlich zufrieden mit der öffentlichen Kinderbetreuung: Ausstattung, Anzahl der Krippenplätze und Kindergartenplätzen, Öffnungszeiten, Kosten. Die insgesamt gesehen überproportional gute Benotung der Kinderbetreuungsmöglichkeiten steht sehr wahrscheinlich in Zusammenhang damit, dass die Mütter aus großen Familien weniger engagiert im Beruf sind und häufiger längere Berufspausen einplanen. Angesichts traditionaler Familienmodelle ist ihr Bedarf wohl geringer und wird durch die klassischen Angebote institutioneller Kinderbetreuung eher abgedeckt." Ebenda, S. 57-58.
(9) Hierzu Barbara Keddi et al: „Personen, die später viele Kinder haben, unterscheiden sich schon früh bezogen auf ihre Einstellungen zu Kindern, Beruf, Konsum und Freizeit von denjenigen, die kinderlos bleiben oder ein oder zwei Kinder bekommen: [...] Diese Unterschiede in der Gewichtung und Reihung von Lebenszielen zwischen den Eltern großer und kleiner Familien bleiben über die Zeit stabil. Für die Eltern in Mehrkinderfamilien besitzen schon früh auch Wohlstand und Konsum eine geringere Bedeutung als für andere Paare. Dieser „mentale Habitus" dürfte es ihnen erleichtern, zugunsten von Kindern auf Einkommen und Lebensstandard zu verzichten." Ebenda, S. 77. Zur realistischen bzw. eher pessimistischen Einschätzung der mit Kindern verbundenen Belastungen vgl. ebenda, S. 79-80.
(10) Siehe Abbildung unten „Fertilität nach Erwerbskonstellation von Paaren".

 

 

 

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