Hinweis: Dies ist die alte i-daf Website. Wahrscheinlich sind Sie durch einen direkten Link hier gelandet. Zu Archivzwecken ist diese Seite weiterhin online, Sie koennen also gerne darin stoebern.

Die neue i-daf Seite finden Sie unter www.i-daf.org

Vielen Dank fuer Ihren Besuch!
Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

i-DAF Newsletter der Wochen 21-22 / 2011

Zitat der Wochen 21-22 / 2011

Kohl-Regierung - Familie als Hort gegen Verwahrlosung

Die Familie bringt in unsere technisierte, vielfach anonym gewordene Welt Nähe und Menschlichkeit. In einer auf Wahrung und Entwicklung von Wohlstand gerichteten Zeit wird vielfach übersehen und verdrängt, dass Familien und kleine Netze gelebter Solidarität Bedingung effizienten Wirtschaftens und sozialer Sicherung für alle sind. Würden in Familien nicht eine Fülle humaner Dienste von der Erziehung bis zur Pflege erbracht, wäre unser Sozialstaat nicht nur weniger menschlich, er wäre auch unbezahlbar. Unsere Gesellschaft bleibt auf Partnerschaft, Nächstenliebe und Solidarität angewiesen. Nächstenliebe lässt sich weder aus Büchern noch modernen Medien erfahren, sie lässt sich nur erlernen durch eigenes Tun und eigenes Erleben. Eine Renaissance der Familie ist ein gutes Rezept gegen Vereinsamung, Verrohung und Gewaltbereitschaft, die bei Jugendlichen sicher seltener zum Ausbruch kämen, wenn frühe - oft stumme - Hilferufe nach menschlicher, familiärer Wärme rechtzeitig wahrgenommen würden. Je mehr die Solidarität der Generationen konkret und persönlich erfahren wird, um so eher prägt sie auch unsere Gesellschaft. [...] Je mehr wir in der Familie lernen, partnerschaftlich miteinander umzugehen, desto eher können Konflikte zwischen den Menschen und Interessengegensätze in der Gesellschaft zum Ausgleich gebracht werden. [..] Es gibt keinen Lernort, der diese Aufgabe der Familie ersetzen kann.

Helmut Kohl: 40 Jahre Familienpolitik, S. 7-14, in: Bundesministerium für Familie und Senioren (Hrsg.): 40 Jahre Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland Rückblick/Ausblick (Festschrift zum 40-jährigen Bestehen des Bundesfamilienministeriums), Neuwied 1993, S. 14.

-------------------------------------------------------

Nachricht der Wochen 21-22 / 2011

Das neue Lebensmodell: Teilzeit für die Frau, Vollzeit für den Mann

Für Anhänger des „Gender Mainstreaming" ist es eine Hiobsbotschaft: Die Vollzeiterwerbstätigkeit von Müttern ist auf dem Rückzug. Zwar sind Mütter seltener als früher nicht erwerbstätig; die erwerbstätigen Mütter sind jedoch immer häufiger in Teilzeit beschäftigt: Von 30% auf 70% nahm die Teilzeitquote zwischen 1970 und 2009 zu - für Arbeitnehmerinnen mit Kindern sind Teilzeiterwerbsverhältnisse nicht mehr die Ausnahme, sondern längst die Regel (1). In Paarhaushalten mit minderjährigen Kindern waren 2009 knapp 40% der Mütter in Teilzeit erwerbstätig, etwa derselbe Anteil ist nicht erwerbstätig und nur etwa ein Fünftel ist in Vollzeit beschäftigt - 1996 war es noch annähernd ein Drittel (2). Väter sind dagegen in der Regel in Vollzeit erwerbstätig und sorgen damit für den Lebensunterhalt der Familie. Zwar sind sie seltener als früher die „Alleinernährer", nach wie vor jedoch in mehr als zwei Dritteln der Familien die „Haupternährer" (3).
Gleichstellungslobbyistinnen missfällt diese Lebenswirklichkeit: Sie widerstrebt ihrem Ideal der (finanziell) unabhängigen Frau, die keinen Ernährer für sich und ihre Kinder benötigt. Eindringlich warnen sie Frauen vor der Teilzeitarbeit als „Falle": Sie zerstöre ihre beruflichen Karrierechancen, zementiere „traditionelle Rollenmuster" und gefährde so ihre persönliche Selbstentfaltung (4). Tatsächlich sind steile Karrieren in Teilzeitjobs selten möglich: Spitzenpositionen erfordern hohen Einsatz, der oft weit über die Regelarbeitszeiten hinausgeht. Nicht zuletzt deshalb sind solche Jobs für die meisten Arbeitnehmer - Männer wie Frauen - auch gar nicht attraktiv. Selten sind sie ohnehin und in Zeiten „flacher betrieblicher Hierarchien" nimmt ihre Zahl eher noch ab. Schlagworte wie die von „Kind und Karriere" spiegeln eher im Medien- und Kulturbetrieb virulente Sehnsüchte als die gesellschaftliche Wirklichkeit wider.
Sozialpolitisch-pragmatisch begründete Warnungen vor der „Teilzeitfalle" wirken da zunächst überzeugender: Teilzeitarbeit mindere das Erwerbseinkommen von Müttern, damit zugleich die Rentenansprüche und erhöhe so - vor allem bei Trennung oder Verwitwung - das Armutsrisiko (5). Um dieser Gefahr vorzubeugen, sollen Mütter wie Väter möglichst wenig unterbrochen durch „Baby-Pausen" in Vollzeit - oder zumindest „vollzeitnah" - erwerbstätig sein (6). Dies fordern auch die Arbeitgeber, die das Erwerbspotential von Eltern voll ausschöpfen wollen. Wirtschaftsinteressen, Sozialpolitik und Feminismus formen sich so zu einer Allianz für das neue Familienideal der doppelt in Vollzeit erwerbstätigen Eltern (7).
In der Bevölkerung verliert dieses Modell indes an Rückhalt: Im Jahr 2009 folgten ihm ganze 13% der Paare mit Kindern, 1996 waren es immerhin noch 23%. Dagegen leben - trotz des Rückgangs nichterwerbstätiger Mütter - immer noch etwa ein Drittel der Familien das „klassische Ernährermodell". Am häufigsten ist mittlerweile das „modernisierte Ernährermodell" (Mutter-Teilzeit-Vater-Vollzeit). Ihm folgen fast 40% der Familien - Tendenz steigend. Andere, geschlechteregalitäre Familienkonstellationen sind - abgesehen von arbeitslosen Eltern - seltene Ausnahmen (8). Dass moderne Familien so selten der Vorgabe des Doppelverdienermodells folgen, versuchen seine Anhänger mit „Systemdefiziten", wie der fehlenden Kinderbetreuung, zu erklären (9). Aufschlussreich ist hier das Beispiel Ostdeutschlands: Für die DDR-Regierung gehörten Mütter in die „Produktion" - Teilzeiterwerbstätigkeit war offiziell unerwünscht. Diese Politik wirkt nach: Bis heute sind Mütter in den neuen Bundesländern häufiger vollerwerbstätig als in Westdeutschland. Der Trend verläuft aber auch hier zum „modernisierten Ernährermodell": Allein zwischen 1996 und 2009 hat sich die Teilzeitquote ostdeutscher Mütter (von 23% auf 45%) fast verdoppelt. Als Grund für ihren Vollerwerbsverzicht nennen die meisten dieser Frauen „familiäre Verpflichtungen" (10). Dies müsste manchen erstaunen, blieb doch die ostdeutsche Ganztagsbetreuungsinfrastruktur in dieser Zeit erhalten. Schon zu DDR-Zeiten widersprach aber die staatlich oktroyierte Vollerwerbstätigkeit von Müttern den Präferenzen vieler Familien (11). In Freiheit und gewachsenem Wohlstand können ostdeutsche Eltern nun besser als im Sozialismus ihren Wünschen und Wertvorstellungen folgen - zum Leidwesen der neuen, kapitalistischen Nomenklatura in Medien, Wirtschaft und Politik.

(1) Vgl.: Erst der langfristige Vergleich zeigt das ganze Ausmaß der Expansion von Teilzeitarbeit: 1957 lag ihr Anteil bei 10%, 1970 war er schon auf 30% gewachsen und 2009 lag er bei 70%. Die Angaben für 1957 und 1970 sind entnommen: Ulrich Mückenberger: „Vereinbarkeit" in der städtischen Erwerbsgesellschaft - was wird da eigentlich womit vereinbar gemacht? S. 351-371, in: Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009, S. 351. Zur Entwicklung zwischen der Teilzeitquoten zwischen 1996 und 2009: Stefan P. Rübenach/Matthias Keller: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Ergebnisse des Mikrozensus 2009, S. 329-347, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik, April 2001, S. 333.
(2) Siehe hierzu: Abbildung unten „Familie und Beruf im Spiegel der Statistik: Trend zum modernisierten Ernährermodell".
(3) Fällt der männliche Haupternährer durch Trennung oder Scheidung aus, sind Mütter für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder in hohem Maße auf staatliche Transfers angewiesen. Dies gilt - trotz einer hohen Erwerbsbeteiligung von Müttern auch für Ostdeutschland. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/284-0-Wochen-5-6-2010.html.
(4) In diesem Sinne widmete z. B. der „Stern" der „Teilzeitfalle" (Nr. 32, 31.07.2008) sogar eine Titelgeschichte: http://www.stern.de/magazin/heft/magazin-die-teilzeit-falle-632658.html.
(5) Beispielhaft für diese Argumentation: „Derzeit ist vor allem zu beobachten, dass - gewünscht oder nicht - noch immer ein hoher Anteil von Frauen in traditionellen Erwerbsarrrangements lebt. Angesichts fragilerer Ehen und des geänderten Unterhaltsrechts ist dies riskant. [...] Unabhängig von der normativen Bewertung von Erwerbsarrangements schränken sich die Arbeitsmarktchancen ebenso wie die Erwerbseinkommen und damit auch die Rentenansprüche durch lange Phasen der Nichterwerbstätigkeit oder kontinuierliche Teilzeitarbeit massiv ein - ein Problem, dem politisch bislang kaum begegnet wird." Siehe: Heike Wirth/Sabina Schuttler: Versorger und Verlierer, S. 28-30, in: Aufwachsen in Deutschland - DJI Impulse 1/2001, S. 30.
(6) Programmatisch formulierte dieses Leitbild die Stellungnahme der Bundesregierung zum Siebten Familienbericht. Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit - Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik (Siebter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 16/1360, Berlin 2006, ), XXIII-XXXV. In dieser Stellungnahme findet sich keine einzige affirmative Aussage zur Teilzeitarbeit, dagegen befürwortete die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum Fünften Familienbericht noch nachdrücklich mehr Teilzeitbeschäftigung. Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens (Fünfter Familienbericht), Bundestagsdrucksache 12/7560, Bonn 1995, XVII-XVIII.
(7) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/179-0-Woche-23-2009.html.
(8) Siehe hierzu: Abbildung unten „Familie und Beruf im Spiegel der Statistik: Trend zum modernisierten Ernährermodell" sowie „Familien in Deutschland - nur etwa jede Zehnte folgt dem „Doppelvollzeitverdienermodell".
(9) Charakteristisch für diese Sichtweise: „Welche Freiheitsgrade haben Paare, um ihre Ideale zu verwirklichen und in welchem Umfang müssen sie sich monetären oder strukturellen Restriktionen unterwerfen? [...] Die Verbreitung des traditionellen und des modernisierten Ernährermodells zeigt, dass die Anforderungen der Aufgaben in Familien, vor allem wenn Kinder im Haushalt leben, nur durch den zeit- oder teilweisen Ausstieg eines Elternteils bewältigt werden können. [...] Bislang sind weder Betreuungslandschaft noch Arbeitswelt darauf eingestellt, dass Mütter in Vollzeit arbeiten, wenn auch der Partner in Vollzeit erwerbstätig ist." Siehe: Heike Wirth/Sabina Schuttler: Versorger und Verlierer, op. cito.
(10) Stefan P. Rübenach/Matthias Keller: Vereinbarkeit von Familie und Beruf, op. cito,
S. 334-335.
(11) Aus Umfragedaten des „International Social Survey Programme" (ISSP) ergibt
sich: „Das 1,5-Verdienermodell ist also trotz der vehementen Förderung weiblicher Vollzeiterwerbstätigkeit unter dem DDR- Regime das dominierende Familienleitbild für ostdeutsche Familien mit Kindern. [...] Es ist zu vermuten, dass die ehemaligen DDR- Bürger eine verringerte Arbeitszeit für diese Gruppe auch schon vor der Wiedervereinigung befürwortet hätten, d. h. die vom sozialistischen Regime aufgezwungene kurze Erwerbspause von nur einem Jahr mit anschließender Rückkehr in den Beruf zu Vollzeitbedingungen stand im Gegensatz zu den verbreiteten Werten." Siehe: J. Marold: Mütter im Spannungsgeld zwischen Kind und Beruf, S. 54-85, in: Zeitschrift für Familienforschung, 21. Jahrgang, Heft 1/2009, S. 66-68.

 

 

 

 

zurück