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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

i-DAF Newsletter der Wochen 25-26 / 2011

 Zitat der Wochen 25-26 / 2011

Das Kapital frisst seinen Wohlstand - durch Kindermangel

Kurz gesagt, tendieren moderne okzidentale Gesellschaften zur Kinderarmut, weil sie kulturell die individuelle Entscheidung im Rahmen der vom Recht gezogenen Grenzen an die Spitze aller Maximen gestellt haben und strukturelle Personen ökonomische Vorteile nach dem Maß zukommen lassen, als sie ihre Kompetenzen in den Dienst von direkten oder indirekten Kapitalinteressen stellen. [...] Das Aufziehen von Kindern gilt als ökonomisch irrelevant, als konsumtive Tätigkeit, als „Privatvergnügen". Die marktwirtschaftliche Ökonomie verhält sich parasitär mit Bezug auf die Erziehungsleistungen der Eltern. Dieses Privatvergnügen ist jedoch von größter öffentlicher Bedeutung, und wenn es allzu sehr durch andere Vergnügungen verdrängt wird, wozu die mit der Wohlstandssteigerung einhergehende Optionserweiterung reiche Angebote erhält, so gefährdet sich dieser Wohlstand selbst. Auf andere Weise, als Karl Marx vermutet hat, könnte der Kapitalismus an seinen Erfolgen zugrunde gehen, wenn ihm der Nachwuchs ausgeht.

Franz- Xaver Kaufmann: Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Frankfurt a.M. 2005, S. 157-158.

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Nachricht der Wochen 25-26 / 2011

Geburtenbaisse in Südeuropa: Schuld ist nicht die traditionelle Familie, sondern die Emanzipation

Im Süden Europas fehlt es nicht nur an Geld, sondern auch an Nachwuchs: Einst für ihren Kinderreichtum bekannte Regionen wie Süditalien verwandeln sich aufgrund der anhaltenden Geburtenbaisse langsam, aber stetig in kollektive Altersheime. Wer die damit verbundenen Versorgungslasten schultern soll steht dahin, denn oft fehlt es zugleich auch an Arbeits- und Verdienstperspektiven für die Jungen (1). Sicher ist dagegen: Die gegenwärtige Finanzkrise ist erst die Spitze eines Eisbergs von Soziallasten, für die in Zeiten der Transferunion künftig alle Euro-Bürger zahlen sollen. Die Basis der potentiellen Steuer- und Beitragszahler verdünnt sich dabei immer mehr - eine unvermeidliche Konsequenz der seit den 1970er Jahren überall in Europa unter den Generationenersatz gesunkenen Geburtenraten. In Südeuropa ist der allgemeine Baby-Schwund aber besonders dramatisch: Kaum irgendwo sonst in Europa brachen die Kinderzahlen so stark ein wie in Italien, Spanien und vor allem in Portugal (2).
Den Geburtenmangel in Südeuropa interpretieren Demographen als „Pyrrhussieg" des „starken Familiensystems". In dieser überlieferten Kultur präge die Herkunftsfamilie den Lebensverlauf: Junge Menschen bleiben deutlich länger im Elternhaus als in Nordeuropa; häufig verlassen sie es erst, wenn sie heiraten und selber Familie gründen. Die Entscheidung für eine eigene Familie setzt wirtschaftliche Selbständigkeit voraus; in Südeuropa mangelt es aber an auskömmlichen und hinreichend sicheren Arbeitsstellen für junge Arbeitnehmer. Paare heiraten deshalb erst spät und schieben die Entscheidung für Kinder immer länger auf (3). Die Folge dieses Aufschubs von Geburten ist die berüchtigte - „rush-hour-of-life": Im vierten Lebensjahrzehnt stehen besonders die gut qualifizierten jungen Frauen vor dem Problem, Beruf und Familie „simultan" vereinbaren zu müssen (4). Zugleich mangelt es an öffentlichen Hilfen für Familien - dies gilt für die Sach- ebenso wie für Geldleistungen (5). Im Vergleich zu den relativ (!) großzügigen Renten sind die staatlichen Leistungen für Familien im Süden Europas unterentwickelt. Dessen ungeachtet gelten Leistungen von Familien für die Gemeinschaft als selbstverständlich: Sie sollen nicht nur Kinder erziehen, sondern auch arbeitslose Jugendliche auffangen und für die Pflege der Alten sorgen (6). Der Staat fördert die Familie zwar nur marginal, verlässt sich aber auf sie als Lückenbüßerin für sein marodes Sozialsystem.
In dieser „strukturellen Rücksichtslosigkeit" (Franz-Xaver Kaufmann) gegenüber Familien ist die Nachwuchsmisere Südeuropas zumindest partiell begründet. In der Publizistik erfreut sich dagegen eine andere, besser zu den vorherrschenden Deutungsmustern passende „Erklärung" großer Beliebtheit: In Südeuropa, so heißt es, dominiere noch immer die „traditionelle" Familie, in der die Ehefrau die Kinder zu Hause zu erziehen habe. Mütter stünden so vor dem Dilemma zugunsten ihrer Kinder auf Beruf, eigenes Einkommen und persönliche Unabhängigkeit verzichten zu müssen. Eben diese „Spießer-Falle" schrecke die mittlerweile emanzipierten Südeuropäerinnen davon ab, sich für Kinder zu entscheiden. Schuld an der Geburtenmüdigkeit sei - so die Quintessenz - der südeuropäische „Familien-Traditionalismus" (7).
Mit der Realität stimmt dieses feuilletonistische Südeuropa-Image allerdings kaum überein: Ob Frauenerwerbstätigkeit, nichteheliche Geburten oder Scheidungen - praktisch alle Parameter des Lebensformenwandels zeigen, dass Südeuropa seinen „Rückstand" gegenüber dem Norden aufholt. Besonders weit fortgeschritten ist die soziale Modernisierung auf der iberischen Halbinsel: Portugal gehört zu den Ländern mit den höchsten Müttererwerbsquoten und den höchsten Scheidungsziffern in Europa, fast 40% der Kinder kommen außerhalb von Ehen zur Welt - als „traditionell" lassen sich solche Verhältnisse wohl kaum mehr bezeichnen (8). Mit der Tradition radikal gebrochen haben auch die Spanier: Dem Eurobarometer zufolge lehnen sie die „klassische" Arbeitsteilung in der Familie mehrheitlich ab - Briten, Deutsche und sogar Finnen zeigten sich in dieser Frage „traditioneller" (9). Das alte Bild vom progressiven Norden und konservativen Süden Europas ist längst reichlich angestaubt. Wer die Ursachen der mediterran-europäischen Nachwuchskrise sucht, findet sie nicht in der gescholtenen Tradition, sondern im Gegenteil in ihrem rasanten Schwund infolge der allgemein begrüßten Emanzipation.

(1) Besonders dramatisch stellt sich die Beschäftigungssituation der jungen Generation bekanntlich in Spanien dar. Beispielhaft für zahlreiche Presseberichte: Ralph Schultze: Keine Jobs für Spaniens "verlorene Generation"http://www.zeit.de/wirtschaft/2009-10/jugendarbeitslosigkeit-spanien-2.
(2) Siehe hierzu: Abbildung "Säkularer Rückgang der Kinderzahlen in Europa", in: iDAF-Newsletter der Wochen 17-18/2011.
(3) Aufschlussreich hierzu: Ron Lesthaeghe/Johan Surkyn: When History moves on: The foundations and Diffusion of a Second Demographic Transition, S. 11-12.
(4) Zu dieser Problematik bezogen auf Deutschland: Norbert F. Pötzel: Die Rushhour des Lebens, in: SPIEGEL SPECIAL 8/2006 vom 24.10.2006, http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-49324473.html.
(5) Siehe hierzu: Übersichtstabelle Familienförderung in OECD-Staaten, in: iDAF-Newsletter der Wochen 47-48 / 2010.
(6) Aufschlussreich zur Rolle familiärer Pflege im europäischen Vergleich: Hildegard Theobald: Care-Politiken, Care-Arbeitsmarkt und Ungleichheit: Schweden, Deutschland und Italien im Vergleich, S. 257-281, in: Berliner Journal für Soziologie, Band 18/2008.
(7) Prototypisch für diese Argumentation: Steffen Kröhnert/Rainer Klingholz: Emanzipation statt Kindergeld. Der europäische Vergleich lehrt, was man für höhere Geburtenraten tun kann, Berlin 2008, abrufbar unter: www.berlin-institut.org. Neben der „traditionellen" Arbeitsteilung in der Familie sehen die Autoren auch eine starke Rolle der Ehe als nachteilig für ein höheres Geburtenniveau an (vgl. ebenda, S. 15).
(8) Im Jahr 2007 lag die Erwerbstätigenquote von Frauen mit Kindern unter 18 Jahren in Portugal (77%) höher als z. B. in Frankreich (73%) oder in Großbritannien (68,4%). Vgl.: Statistisches Bundesamt: Jugend und Familie in Europa, Wiesbaden 2009, S. 47 (Tab. 2.1). Zur Abkehr von der traditionellen Ehemoral siehe Abbildungen unten: sowie „Nichteheliche Geburten in Europa" sowie „Scheidungstrends in Europa".
(9) Siehe hierzu Abbildung „Familie und Rollenbilder in Europa", in: iDAF Newsletter Woche 23 - 2009:http://www.i-daf.org/177-0-Woche-23-2009.html.

 

 

 

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