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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
iDAF-Newsletter der Wochen 40-41 / 2011

Zitat der Wochen 40-41 / 2011

Wie der Neoliberalismus ins Zeitalter des Narzissmus führte

In der Wohlstandsgesellschaft, vor allem im sozialistischen Lager, kam der Begriff „Lebensqualität" in Mode, bei dem man vor allem, wenn nicht ausschließlich, an materielle Güter als Voraussetzung und Grundlage des Glücks jedes Einzelnen dachte. Diese materialistische Orientierung wurde noch dadurch begünstigt, dass die Kirchen unaufhaltsam an Autorität und die christliche antimaterialistische Ethik an Geltung verloren. Das Pendant zum antiautoritären Gleichheitsideal war die Überzeugung, dass es das gute Recht des Individuums sei, seine Freiheit zu verteidigen. Das passte wiederum gut zur neuen neoliberalen Ideologie [...]. Obwohl der Neoliberalismus in jeder anderen Beziehung eine Gegenbewegung zum Denken der antikapitalistischen und antiautoritären Ideologen war, denn das war auch ein gemeinschaftsorientiertes Denken, vollendete er in dieser Hinsicht das Zersetzungswerk. Er proklamierte eine Moral des „jeder für sich". Insofern kann man doch von einem Zeitalter des Narzissmus sprechen.

Hermann W. von der Dunk: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band II, München 2004 (Erstausgabe Amsterdam 2000), S. 533.
Anmerkung: Hermann W. von der Dunk, geboren 1926 in Bonn, seit 1937 in den Niederlanden lebend, war Professor für moderne Geschichte und Kulturgeschichte an den Universitäten Utrecht und Nijmegen.

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Nachricht der Wochen 40-41 / 2011

Krise der Ehe in West und Ost: Der Wohlstand frisst seine Kinder

Konfuzianisch-asiatische Gemeinschaftswerte widersetzen sich „westlichem" Individualismus: Diese Botschaft verkünden asiatische Vordenker wie Lee Kuan Yew, der langjährige Premierminister Singapurs. Den beeindruckenden wirtschaftlichen Erfolg der ostasiatischen „Tigerstaaten" (Singapur, Malaysia, Südkorea etc.) erklären sie mit den in asiatischen Familien tradierten Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und einer ausgeprägten Opferbereitschaft der Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft (1). Und in der Tat: Der rasante Aufbau einer dynamischen Wirtschaft in Ostasien wäre ohne festen Familienzusammenhalt, verwandtschaftliche Netzwerke und Gemeinschaftssinn nicht möglich gewesen. Konfuzianische Traditionen haben dies sicher begünstigt; die zentrale Rolle von Gemeinschaftswerten für die Industrialisierung ist aber keine asiatische Besonderheit: Auch die westlichen Industrienationen verdankten ihren wirtschaftlichen Aufstieg seit dem 19. Jahrhundert Tugenden wie Spar- und Opferbereitschaft, Loyalität gegenüber Kollegen, Vorgesetzten und Firma, Pflichtbewusstsein und Verlässlichkeit im Einhalten von Verträgen. Das Wirtschaftsleben setzt diese pro-sozialen Verhaltensweisen voraus, bringt sie aber selber nicht hervor, denn viel zu oft widersprechen sie den kurzfristigen Nutzenkalkülen des „homo oeconomicus". Seinen sozialen Kitt bezog auch der alte Industriekapitalismus nicht aus dem Markt, sondern aus Gemeinschaftsbindungen, die vor allem die Familie vermittelte (2). Als Nukleus der Familie war die Ehe eine fraglose Selbstverständlichkeit und die Grundinstitution der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Symbiose von Familie und Industriegesellschaft kulminierte im sog. „golden age of marriage": Gestiegene Löhne und Beschäftigungssicherheit ermöglichten es um 1960 mehr Paaren als je zuvor, früh zu heiraten und Familie zu gründen - der Nachkriegsbabyboom war die Folge. Nur wenige Jahre später setzte in allen westlichen Industrieländern ein tiefer Umbruch der privaten Lebensformen ein: Nichteheliche Partnerschaftsformen breiteten sich aus, das Heiratsalter begann wieder zu steigen, die Heiratsneigung sank drastisch: Während in Deutschland noch in den 1960er Jahren nur fünf Prozent der Erwachsenen nie heirateten, bleiben heute in der jüngeren Generation fast 40 Prozent der Männer und mehr als ein Drittel der Frauen dauerhaft ledig (3). Parallel dazu stiegen die Scheidungsrisiken sprunghaft an, inzwischen trennt sich fast jedes zweite Ehepaar. Ehen sind dabei immer noch stabiler als nichteheliche Partnerschaftsformen, die oft schon nach wenigen Jahren oder gar Monaten auseinander gehen (4). Die Brüchigkeit der Beziehungen hat Folgen für die Kinder: Viel häufiger als früher wachsen sie in Patchworkfamilien und bei Alleinerziehenden auf. Diese „Pluralisierung der Lebensformen" vermarkten Zeitgeistmedien als emanzipatorischen Fortschritt, seinen Preis unterschlagen sie dabei geflissentlich: Milliardenkosten für den Staat durch Transfers an Alleinerziehende, öffentliche Erziehungshilfen und den gar nicht messbaren Schaden durch das Leiden vieler Kinder in zerbrechenden Familien (5). Scharfsichtige Historiker analysieren diese Krise der Ehe als Symptom eines postmodernen Narzissmus, der langfristige Bindungen durch eine Moral des „jeder für sich" zersetzt (6).
Ist die asiatisch-konfuzianische Kultur nun ein Bollwerk des Widerstands gegen diesen Individualismus? Die Antwort fällt negativ aus: Auch in Ostasien sind die Scheidungsziffern rasant gestiegen, junge Menschen heiraten später und die Anteile Lediger in den jüngeren Generationen sind gewachsen, unverheiratetes Zusammenleben breitet sich aus; traditionelle Bindungen verlieren an Kraft (7). Bereits überholt hat Ostasien den Westen im Geburtenrückgang: Japan, Taiwan und Südkorea gehören zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten weltweit (8). Als Reaktion auf die Überalterung ihrer Gesellschaft entwickeln die Japaner heute schon Pflegeroboter, dies lässt weniger an Konfuzius als an Science-Fiction denken. Angesichts der Krise der Familie im Osten wie im Westen stellt sich die beklemmende Frage: Verschleißt die kapitalistische Wohlstandsgesellschaft womöglich die menschlichen Ressourcen, die ihren Aufstieg einst ermöglichten?

(1) Hierzu Lee Kuan Yew im Interview mit dem „Time-Magazine":
http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,987978-1,00.html.
(2) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme - Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1995, S. 424 und S. 429-431.
(3) Zum Heiratsverhalten in westlichen Industrieländern allgemein: Ron Lesthaeghe: The unfolding story of the Second Demographic Transition, Population Studies Center, Report 10-696, January 2011, S. 6-7. Zum Wandel der Partnerschaftsbiographien speziell in Deutschland: http://www.i-daf.org/299-0-Wochen-15-16-2010.html.
(4) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/201-0-Woche-33-2009.html.
(5) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/326-0-Wochen-33-34-2010.html.
(6) Vgl.: Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme, a. a. O., S. 419-420; Hermann W. von der Dunk: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band I, München 2004 (Erstausgabe Amsterdam 2000), S. 458-460 und S. 533-534.
(7) Ron Lesthaeghe: The unfolding story of the Second Demographic Transition a. a. O.,
S. 26-29. Siehe hierzu auch: Postmoderne: „Asian marriage Revolution" (Abbildung unten).
(8) Siehe hierzu: Absturz der Geburtenraten in Fernost (Abbildung unten); sowie ferner: http://www.i-daf.org/294-0-Wochen-13-14-2010.html.

 

 

 

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