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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

iDAF-Newsletter der Wochen 42-43 / 2011

 Zitat der Wochen 42-43 / 2011

Tödliches Tempo des Fortschritts

Man kann in der immens vielfältigen Kritik der Moderne, äußere sie sich nun literarisch oder philosophisch, mit Recht einen Selbstverteidigungsmechanismus unserer Kultur sehen; allerdings hat er die Moderne nicht daran hindern können, in ein noch nie dagewesenes Tempo zu verfallen. [...] Gleichgültig an welches Gebiet des Lebens wir denken, immer lässt uns unser natürlicher Instinkt fragen: "Was stimmt hier nicht?" [...] Manchmal scheint es uns, dass es weniger der Inhalt des Wandels ist als vielmehr sein schwindelerregendes Tempo, das uns Schrecken einjagt und uns in einen Zustand nicht enden wollender Unsicherheit versetzt. Wir bekommen das Gefühl, dass nichts mehr sicher und festbegründet ist, und dass alles, was heute noch neu, morgen schon überfällig ist. [...] Wir alle haben an solchen Veränderungen partizipiert; dennoch beklagen wir sie, denn sie scheinen unserem Leben eine verlässliche Grundlage zu nehmen. In der Nähe eines Nazi-Konzentrationslagers, wo der Boden mit der Asche unzähliger Opfer gedüngt war, soll der Kohl dermaßen schnell gewachsen sein, dass ihm keine Zeit blieb, einen Kopf auszubilden; statt dessen brachte er einen Stiel mit Blättern hervor, die nicht genießbar waren. Vielleicht taugt dieses Bild als Parabel auf das tödliche Tempo des Fortschritts.

Leszek Kolakowski: Die Moderne auf der Anklagebank, S. 46-69, in: Ders.: Die Moderne auf der Anklagebank, Zürich 1991, S. 65-66.

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Nachricht der Wochen 42-43 / 2011

Wenn die Familie ausfällt: Sozialprobleme in Ostasien

Kapital oder Kinder? Exemplarisch für diesen Grundwiderspruch moderner Gesellschaften sind die ostasiatischen Handels- und Finanzzentren Hong Kong und Macao: Mit nur rund einem Kind pro Frau weisen sie die niedrigsten Geburtenraten weltweit auf. Sie gehören gemeinsam mit den „Tigerstaaten" Taiwan, Südkorea und Singapur zu einer Gruppe von Gesellschaften „ultra-niedriger-Fertilität", die noch deutlich kinderärmer sind als Deutschland und andere rasch alternde Länder Europas. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts waren diese Länder wirtschaftlich rückständig und kinderreich: In den 1950er Jahren lagen die Geburtenraten bei fünf bis sechs Kindern pro Frau; Kinder zählten damals noch als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft und Altersvorsorge (1). Mit der Industrialisierung gingen die Kinderzahlen in Ostasien aber rasch zurück, in Japan sanken sie erstmalig 1956, in Singapur und Macao um 1975 und in Hong Kong, Korea und Taiwan in den 1980er Jahren unter den Generationenersatz von zwei Kindern pro Frau (2). Die neuen Industrieländer Ostasiens erlebten so in wenigen Jahrzehnten einen noch stärkeren Geburtenrückgang als die westlichen Industrieländer seit dem 19. Jahrhundert.

In Westeuropa und Nordamerika sanken die Geburtenraten in zwei zeitversetzten Phasen von vorindustriell hohen Geburtenziffern auf das heutige niedrige Niveau. In der ersten Phase des Geburtenrückgangs zwischen 1880 und 1920 sank zugleich die Kindersterblichkeit, trotz rückläufiger Fertilität nahmen deshalb die Bevölkerungszahlen weiter zu. In der zweiten Phase des Geburtenrückgangs ab 1970 sanken die Geburtenraten unter den Generationenersatz; seitdem nehmen die Bevölkerungsanteile jüngerer Menschen ab - die Gesellschaften überaltern (3). Zwischen diesen beiden Phasen des sog. „demographischen Übergangs" erlebten die westlichen Industriegesellschaften ein halbes Jahrhundert demographischer Stabilität mit einem Geburtenniveau in der Nähe des Generationenersatzes. In dieser Zeit profitierte die Wirtschaft von einem großen Angebot junger Arbeitskräfte, gleichzeitig blieb der Anteil der zu versorgenden Älteren (noch) gering (4). Diese historisch einmalig günstige Konstellation ermöglichte nach dem Zweiten Weltkrieg ein beispielloses Wohlstandswachstum. In diesem „goldenen Zeitalter" bauten die Regierungen Wohlfahrtssysteme auf, die bis heute (gerade in Deutschland) eine relativ gute Gesundheits- und Altersvorsorge sichern. Aber als Folge der Bevölkerungsalterung steigen nun die Versorgungslasten und diese zwingen die Regierungen, Rentenbezüge zu kürzen und Gesundheitsleistungen zu rationieren (5).
Trotz der schmerzhaften Einschnitte ist der „Westen" im Vergleich zu Ostasien noch in einer privilegierten Lage: In den „Tigerstaaten" fielen die Geburtenziffern abrupt und übergangslos unter den Generationenersatz - eine demographisch „stabile Moderne" haben diese Länder nie erlebt (6). Als Folge des zeitlich komprimierten Geburtenrückgangs verschieben sich die Gewichte zwischen den Generationen noch dramatischer als im Westen: Für den Altersunterhalt der „Baby-Boomer" der 1950er und 1960er Jahre müssen schon bald schwach besetzte Jugendjahrgänge aufkommen. Ihre Express-Modernisierung ließ den jungen Industriestaaten aber kaum Zeit, eine öffentliche soziale Infrastruktur (Pflegedienste etc.) aufzubauen, so dass die Versorgung für Ältere eine Aufgabe der Familie blieb. Mit den gesunkenen Kinderzahlen schwinden aber die Fürsorgekapazitäten der Familie; ein Problem, das der Wandel der Familien- und Geschlechterrollen noch verschärft: Auch in Ostasien sind junge Frauen nicht mehr so selbstverständlich wie früher bereit, ihre Schwiegereltern zu versorgen. Um die Pflege der Älteren zu sichern, arbeiten schon heute in Hong Kong, Singapur, Taiwan und Korea zahlreiche Pflegekräfte aus ärmeren asiatischen Ländern (7). Schon heute ist dieser Fürsorgeimport kostspielig, mit der wachsenden Nachfrage dürften diese Kosten weiter steigen und ärmere Familien überfordern. Die Fürsorgeleistungen für Ältere könnten sich zu einem Privileg Wohlhabender entwickeln und so die Kluft zwischen Arm und Reich vertiefen. Geburtenrückgang, Alterung, soziale Spaltung - wie im Brennglas zeigen sich in Ostasien die Probleme moderner Gesellschaften, die eigenen Nachwuchs durch Kapital ersetzen wollen.

(1) Siehe hierzu: „Ostasien: Hypermodernisierung vs. Fertilität" (Abbildung unten)
(2) Emiko Ochiai: Unsustainable Societies: The failure of Familialism in East Asia´s compressed modernity, S. 219-245, in: Historical Social Research, Vol. 36, No. 2-2011, S. 220.
(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/296-0-Wochen-13-14-2010.html.
(4) Scharfsichtigen Zeitdiagnostikern war diese besondere Situation schon damals bewusst. So wies z. B. der Psychologie Peter. R. Hofstätter darauf hin, dass Ende vom des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts die „Last des Unterhalts der Kinder und der Alten" für die erwerbsfähige Bevölkerung „kontinuierlich leichter geworden" sei. Eine „weitere Verbesserung diese Situation sei aber „kaum zu erwarten", vielmehr „könnte sich sogar eine rückläufige Bewegung einstellen, ein Absinken des Prozentsatzes der Ernährer nämlich". Siehe: P. R. Hofstätter: Einführung in die Sozialpsychologie, Stuttgart 1966.
(5) Zur Diskussion um die Folgen der demographischen Alterung:
http://www.i-daf.org/252-0-Woche-47-2009.html.
(6) Vgl.: Emiko Ochiai: Unsustainable Societies, a. a. O., S. 222-223.
(7) Vgl. ebenda, S. 233-234.

 

 

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