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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

i-DAF-Newsletter der Wochen 50-51 / 2011

 

Zitat der Wochen 50 - 51 / 2011

Wahlfreiheit für Eltern  -  Einsichten aus sozialliberalen Zeiten

Die Familie nimmt grundlegende Aufgaben im mitmenschlichen Zusammenleben wahr; sie kann darin nicht ersetzt werden. [...] Männer und Frauen können partnerschaftlich entscheiden, wie sie sich ihre Aufgabe in Familie und Beruf aufteilen. Es ist nicht die Aufgabe der Bundesregierung, hierfür Leitbilder vorzugeben. Frauen wie Männer sollten die Möglichkeit haben, Erziehungsaufgabe und Beruf miteinander zu verbinden. Heute sind es noch überwiegend die Frauen, die die Erziehungsaufgabe wahrnehmen. Anerkennung gebührt sowohl Müttern, die sich ganz der Aufgabe der Erziehung und des Haushalts widmen, als auch Müttern, die beides - Haushalt und Beruf - miteinander verbinden. Im Recht der Eltern sieht die Bundesregierung kein vom Staat abgeleitetes, sondern ein originäres Recht der Familien.

Stellungnahme der Bundesregierung zum Bericht der Sachverständigenkommission für den Dritten Familienbericht, S. 3-19, in: Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland - Dritter Familienbericht - Deutscher Bundestag 8. Wahlperiode Drucksache 8/3120, S. 4.

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Nachricht der Wochen 50 - 51 / 2011

Geld und Genuß oder Glück und Sinn: Was Kinder (nicht) bringen

Schon vor Jahrzehnten erkannte der Starökonom Paul Samuelson: Der „homo oeconomicus" zeugt keine Kinder. Monetär betrachtet ist es einfach irrational Kinder zu bekommen: Allein die Ausgaben für ihren Grundbedarf erreichen über die Jahre Hundertausende Euro; der eigentliche materielle Verzicht ist damit aber noch gar nicht beziffert: Sofern Eltern ihre Kinder eigenhändig betreuen, verzichten sie auf Erwerbseinkommen; wenn sie ihre Kinder in die Obhut Dritter geben, zahlen sie oft hohe Beiträge. Die Gesamtkosten von Kindern sind umso höher, je länger diese wirtschaftlich unselbständig bleiben. Mit den verlängerten Ausbildungszeiten sind Kinder deshalb in den letzten Jahrzehnten immer teurer geworden: Eltern zahlen für die gestiegenen Qualifikationsansprüche der Wirtschaft einen hohen Preis (1). Zwar beteiligt sich über Leistungen wie das Kindergeld oder Ausbildungsbeihilfen auch die Allgemeinheit an den Kosten der Kindererziehung. Diese Zuschüsse decken aber nur einen kleineren Teil der Kinderkosten ab; anders als Medienberichte zu den vermeintlich üppigen „Subventionen" für Familien mitunter suggerieren, bleiben Kinder für ihre Eltern fiskalisch betrachtet immer ein Verlustgeschäft (2).
In (post)modernen Gesellschaften ist das Geld, wenn nicht das „Maß aller Dinge", so doch zumindest ein zentraler Erfolgsmaßstab. Warum Menschen heute auf Kinder verzichten ist deshalb „rational" leicht nachvollziehbar und braucht eigentlich gar nicht erklärt zu werden (3). Viel interessanter ist die Frage, warum sich immer noch so viele Menschen für Kinder entscheiden. Ihre Beweggründe sind vor allem emotionaler Natur: Sie haben Freude daran, Kinder aufwachsen zu sehen. Sie sehen in ihnen Glück und Lebenssinn. Eltern unterscheiden sich in dieser Hinsicht grundlegend von bewusst und gewollt Kinderlosen: Letztere stimmen Elternschaft bejahenden Statements wie „ohne Kinder kann man nicht glücklich sein" oder Kinder geben einem das Gefühl, „wirklich gebraucht zu werden" viel seltener zu. Wesentlich häufiger befürchten sie, wegen eines Kindes ihr Leben nicht mehr „wie bisher genießen" zu können (4). Warum betrachten manche Menschen Elternschaft als Hindernis ihrer Selbstverwirklichung, andere dagegen als ihre Lebenserfüllung?
Erhellend sind in dieser Hinsicht Erkenntnisse zu kinderreichen Eltern: Im Gegensatz zu früheren Zeiten sind Eltern mit drei und mehr Kindern heute eine relativ kleine Minderheit (5). Ökonomisch sind sie klar im Nachteil: Mit wachsender Kinderzahl verzichten Mütter immer häufiger auf Erwerbseinkommen, gleichzeitig wachsen die Kosten für Kinder und das pro Kopf verfügbare Einkommen sinkt deutlich. Beschränken müssen sich kinderreiche Eltern besonders in ihrer Freizeit: Sie können sich seltener Urlaubsreisen leisten und gehen seltener „auswärts" essen (6). „Modern" und „schick" ist ein solcher häuslicher Lebensstil sicher nicht: In der Medien- und Werbewelt dominieren konsumfreudige Paare und Singles, die ein aufregendes Berufsleben haben und sich in ihrer Freizeit in Restaurants, Diskotheken oder auf Reisen vergnügen. Abwechslungsreich ist meist auch das Beziehungsleben der (realen oder auch fiktiven) „Helden" der Medien: Krisen, Trennungen und Partnerwechsel sind die Regel, langjährige Verheiratete dagegen Raritäten.
Aus der Warte dieser Trendsetter erscheinen die Lebensformen kinderreicher Eltern „spießig": Mehr als 80% leben verheiratet zusammen; die allermeisten von ihnen in erster Ehe (7). Grundlage ihres Familienlebens ist nicht die postmoderne „sukzessive Polygamie", sondern eine auf Lebenszeit angelegte monogame Paarbeziehung. Ihre Lebenserfüllung sehen sie nicht darin wechselnde Partner und Lebensstile auszuprobieren, sondern sich langfristig zu binden (8). In einer auf Komfort und Flexibilität geeichten Multi-Optionsgesellschaft erscheinen kinderreiche Familien als Antiquität. Was motiviert Menschen sich für einen solch unmodernen Lebensentwurf zu entscheiden? Eine oft unterschätzte Rolle spielt die Weltanschauung: Den meisten kinderreichen Eltern ist der Glaube an Gott wichtig, sie unterscheiden sich darin markant vom „Durchschnitt" der säkularen Gesellschaft (9). Mit Religiosität einher geht aber nachweislich eine größere Bereitschaft, auf eigenen Komfort zu verzichten, sich für das Wohlergehen anderer einzusetzen und sich in einer Ehe endgültig zu binden (10). Schwindet der religiöse Lebenshorizont, gewinnen materielle Geldinteressen und kurzlebige Moden an Macht - zum Schaden des Familienlebens und der Gesellschaft.

(1) Zu den Kosten heranwachsender Kinder: http://www.i-daf.org/234-0-Woche-42-2009.html.
(2) Detailliert zu den Kosten von Kindern: http://www.i-daf.org/174-0-Woche-22-2009.html. Ein besonders krasses Beispiel für die zum Teil unseriöse Medienberichterstattung zur Familienförderung lieferte am 2. Dezember 2011 das Handelsblatt: Als „neue Variante der staatlichen Unterstützung" für Eltern verwies es auf das gar nicht mehr existierende Erziehungsgeld, das die Bundesregierung 2007 zugunsten des Elterngeldes abgeschafft hatte.
(3) Unverändert zutreffend und deshalb immer noch lesenswert ist in dieser Hinsicht die Analyse Joseph A. Schumpeters zur Krise der „bürgerlichen Familie": http://www.i-daf.org/69-0-Woche-31-2008.html.
(4) Vgl.: Jürgen Dorbritz: Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends, und Einstellungen, S. 359-407, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 4-2005, S. 390-392 (Datenquelle: Population Policy Acceptance Study 2003).
(5) Zum Rückgang kinderreicher Familien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Karl Schwarz: Rückblick auf eine demographische Revolution. Überleben und Sterben, Kinderzahl, Verheiratung, Haushalte und Familien, Bildungsstand und Erwerbstätigkeit in Deutschland im 20. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3/1999, Wiesbaden 1999, S. 229-279, S. 242.
(6) Zur materiellen Lebenssituation von Mehrkinderfamilien: Barbara Keddi et al.: Der Alltag von Mehrkinderfamilien - Ressourcen und Bedarfe, München 2010, S. 31-32. Zum Lebensstil kinderreicher Eltern: Stefan Fuchs: Mehrkinderfamilien in Deutschland - Ziele des Bundesfamilienministeriums und Erkenntnisse der empirischen Sozialforschung (2), http://www.erziehungstrends.de/Mehrkinderfamilien/ Bundesfamilienministerium/Sozialforschung/2.
(7) Vgl. ebenda. Zur Bedeutung der Partnerschaftsstabilität ferner: Barbara Keddi et al.: Der Alltag von Mehrkinderfamilien, a.a.O., S. 81.
(8) Anschaulich zum Lebensstil kinderreicher Eltern: Dorothea Siems: Die Großfamilie stirbt in Deutschland aus: http://www.welt.de/politik/article1711885/Die_Grossfamilie_stirbt_in_Deutschland_aus.html.
(9) Siehe: „Religiosität von Müttern nach Kinderzahl" (Abbildung unten).
(10) Zum Verhältnis von Religiosität und familiären Lebensformen: http://www.i-daf.org/85-0-Woche-39-2008.html, sowie: „Zu hohe Kosten als Grund gegen Kinder?" (Abbildung unten). Zur Rolle der Religiosität bzw. der Kirchenbindung für soziales Engagement: http://www.i-daf.org/170-0-Woche-20-2009.html.

 

 

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