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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 
Nachricht der Wochen 4-5 / 2012

 

An der Lebenswirklichkeit vorbei: OECD-Belehrungen zu Produktivität und Teilzeitarbeit

Rekordexporte der Unternehmen, steigende Beschäftigung, konsumfreudige Verbraucher und sprudelnde Steuereinnahmen - trotz der chronischen Schuldenkrise in Europa sind die Wirtschaftsdaten für Deutschland so günstig wie nie seit der Wiedervereinigung. Wie schnell sich die vorherrschende Optik ändert: Lange Jahre blieb das deutsche Wirtschaftswachstum relativ schwach; 2005 erreichte die Arbeitslosigkeit mit fünf Millionen einen traurigen Höchststand - das noch in den 1980er Jahren gepriesene Modell der „sozialen Marktwirtschaft" schien ausgedient zu haben (1). Dem „deutschen Patient" verordneten Ökonomen strenge Diät: Niedrigere Löhne und Renten, weniger soziale Sicherheit und stattdessen mehr „Flexibilität". Als Zukunftsmodell galt vielen eine „new economy", die durch Informationstechnologie, Dienstleistungen sowie Finanz- und Immobiliengeschäfte Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen schien. In der Finanzkrise hat sich diese Börsen-Wertschöpfung in Ländern wie den USA, Großbritannien, Irland und Spanien als Alchemie erwiesen: Nach dem Platzen der Immobilienblase blieben Geistersiedlungen, überschuldete Haushalte und ein Heer von Arbeitslosen zurück (2). Noch vor wenigen Jahren verspotteten angelsächsische Wirtschaftsgurus die deutsche Industrie als „old economy"; heute schimpfen sie auf deren Exporterfolge. Im vereinten Chor mit ihren romanischen Kollegen rufen sie nun nach deutschem Geld als Stimulans für die lahmende Konjunktur - ein Verlangen, dem die Bundesregierung im europäischen Schuldenverbund Stück für Stück nachgibt.
Neid und Begehrlichkeiten erkennen auf ihre Weise den deutschen Erfolg an; die Politikberater der OECD müssen ihn dagegen leugnen, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden: Seit Jahr und Tag ermahnen sie die deutsche Regierung zur Förderung der Frauenerwerbstätigkeit die Ganztagsbetreuung für Kinder auszubauen und Ehepaare höher zu besteuern. Jüngst bemängelten sie deshalb wieder „Wachstumshemmnisse" im „Dienstleistungsbereich"; forderten also (verklausuliert) wieder mehr Betreuungsplätze (3). Dabei ist die Frauenerwerbsquote in Deutschland schon höher als in Frankreich und Großbritannien und erreicht fast das Niveau in Nordeuropa (4). Für die Pariser Hüter der ökonomischen Korrektheit sind Skandinavier die eigentlichen „Stars" der letzten Jahre, denen es am besten gelungen sei, Wachstum und Sozialschutz zu verbinden. Unerheblich scheint für sie zu sein, dass die Arbeitslosenquoten in Dänemark, Schweden und Finnland höher liegen als in Deutschland (5). Schwieriger ist die Arbeitssuche dort besonders für Jugendliche: Im Vergleich zu Deutschland sind Jugendliche in Schweden und Finnland mehr als doppelt so häufig arbeitslos (6). Die Situation der Jugend hübschen in Nordeuropa noch die hohen Studierendenquoten auf: Bekanntlich besuchen dort sogar Krankenschwestern Hochschulen. Diese akademisierte Ausbildung empfiehlt die OECD regelmäßig als Vorbild und moniert vermeintlich zu geringe Studierendenzahlen in Deutschland. Die Leistungen des hiesigen beruflichen („dualen") Ausbildungssystem für die Integration von Jugendlichen ins Erwerbsleben bleiben dabei außen vor. Ebenso wenig interessiert die OECD die Schlüsselrolle berufspraktischer Ausbildungen für die Qualität der industriellen Erzeugnisse und ihren Exporterfolg.
Unausweichliche Konsequenz einer hochproduktiven Wirtschaft ist die Rationalisierung von Arbeit: Trotz des Wachstums der Wirtschaft ist das Arbeitszeitvolumen in Deutschland seit 1991 um drei Milliarden (!) Stunden gesunken. Gleichzeitig sind aber netto 300.000 Beschäftigungsverhältnisse hinzugekommen - weniger Arbeit wurde also auf mehr Köpfe verteilt (7). Das vermeintliche deutsche „Beschäftigungswunder" ist also nur durch die Expansion der Teilzeitarbeit möglich gewesen. Auch die niedrige Arbeitslosigkeit in Ländern wie den Niederlanden und Norwegen wäre ohne den Teilzeitfaktor kaum denkbar (8). Den OECD-Ökonomen ist aber auch die Teilzeitarbeit suspekt: Bekanntlich nutzen die Teilzeit vor allem Frauen, die Kinder erziehen und Ältere pflegen. Genau dies ist aber in den Augen der OECD ein Geschäftshemmnis für professionelle „Dienstleister, die sich diese Arbeit bezahlen lassen und damit monetäres „Wachstum" generieren (9).
Fazit: Wer keine Geld-Blasen erzeugen, sondern die Lebensqualität der Menschen verbessern will, sollte nicht auf ökonomische Pseudo-Expertisen hören, sondern sich nach der Lebenswirklichkeit richten.


(1) Beispielhaft für diese Stimmungslage: Gabor Steingart: Deutschland - Der Abstieg eines Superstars, München 2004.
(2) Besonders drastisch gewandelt hat sich die Sicht auf die Verhältnisse in Spanien: Helene Zuber: Shoppen statt beten, SPIEGELONLINE vom 17.09.2004, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,317966,00.html; Angelika Stuke: Käufer verzweifelt gesucht! SPIEGELONLINE vom 22.01.2012,
http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810005,00.html.
(3) Dorothea Siems: "Deutsches Modell" nur bedingt erfolgreich, WELTONLINE vom 24.02.2012, http://www.welt.de/print/die_welt/wirtschaft/article13830603/Deutsches-Modell-nur-bedingt-erfolgreich.html.
(4) Vgl.: „Beschäftigungsquoten in Europa 2010" (Abbildung unten).
(5) Vgl.: „Arbeitslosigkeit in Europa" (Abbildung unten).
(6) Vgl.: Abbildung „Jugendarbeitslosigkeit in Europa", in: http://www.i-daf.org/32-0-Nachricht-der-Woche.html.
(7) Vgl.: Statistisches Bundesamt: Licht und Schatten am Arbeitsmarkt, STATmagazin vom 11.01.2012.
(8) Praktisch alle Länder mit hohen Erwerbs- und niedrigsten Arbeitslosenquoten weisen zugleich auch hohe Anteile teilzeitbeschäftigter Arbeitnehmerinnen auf - die Niederlande sind dafür das „Paradebeispiel". Siehe hierzu: „Arbeitslosigkeit in Europa" sowie „Beschäftigungsquoten in Europa 2010" (Abbildungen unten).
(9) Die OECD führt die Präferenz für Teilzeitarbeit maßgeblich auf zu hohe Kosten professioneller Kinderbetreuung zurück und empfiehlt den Regierungen, der Vollzeiterwerbstätigkeit entgegenstehende Hemmnisse zu beseitigen. Logisch folgt daraus, dass Kinderbetreuung und Vollzeiterwerbstätigkeit zu subventionieren ist, um private Fürsorgearbeit zu verdrängen. Siehe: OECD: Doing Better for Families, Paris 2011, S. 156-157.

 

Abbildungen:

 

 

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