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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

Nachricht der Wochen 6-7 / 2012

Es ist die Arbeit, Dummkopf! Warum die Griechen uns ausbeuten - Entscheidend sind Teilzeit und Lebensarbeitszeit

Gäbe es Arbeit für alle, wenn alle nur 30 Stunden arbeiteten? In den Niederlanden hat die Wirklichkeit so fragende Arbeitsmarkt-Reformer schon eingeholt: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit lag hier 2010 bei 30,5 Stunden, nirgendwo sonst in Europa arbeiten Arbeitnehmer weniger Stunden in der Woche. Gleichzeitig sind die Niederländer im Vergleich zu anderen Europäern besonders häufig erwerbstätig und nur selten arbeitslos. Diese Konstellation ist kein Zufall, sondern prototypisch für die Arbeitsmarktlage in Europa: In Ländern mit hohen Beschäftigungs- und niedrigen Arbeitslosenquoten sind die Wochenarbeitszeiten relativ kurz - exemplarisch dafür sind auch Norwegen, Dänemark, die Schweiz und Deutschland (1).

Wie ist dies zu erklären? Eine entscheidende Variable ist die Teilzeitarbeit: Sie ist in allen diesen Ländern weit verbreitet - Vorreiter sind auch hier die Niederlande, wo mehr als drei von vier Arbeitnehmerinnen in Teilzeit beschäftigt sind (2). Die „Teilzeitkultur" geht naturgemäß mit niedrigeren Wochenarbeitszeiten einher, gleichzeitig ermöglicht sie eine gleichmäßigere Verteilung des Arbeitszeitvolumens und verringert so die Arbeitslosigkeit. Lange Wochenarbeitszeiten gehen dagegen meist mit niedrigeren Beschäftigungsquoten einher - beispielhaft dafür sind Ungarn, die Slowakei und besonders Griechenland (3). Relativ niedrig sind in diesen Ländern vor allem die Erwerbsquoten der Frauen, was nicht zuletzt auf das Fehlen von Teilzeitarbeitsplätzen zurückzuführen ist. Ein hohes Beschäftigungsniveau setzt eben viel Teilzeitarbeit voraus - dies zeigt der Blick auf die Arbeitsmarktverhältnisse in Europa eindeutig.

Ermöglicht weniger Arbeit für den Einzelnen also (mehr) Beschäftigung für alle? So einfach ist die Rechnung nicht, denn die Wochenarbeitszeiten sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Dauer des Arbeitslebens. Und genau hier kehren sich die Verhältnisse um: In Ungarn sind Arbeitnehmer nur knapp 30, in Griechenland und der Slowakei etwa 32 Jahre lang erwerbstätig; in Deutschland dauert ein Erwerbsleben dagegen knapp 37, in Dänemark, Norwegen und den Niederlanden 39-40 und in der Schweiz sogar mehr als 41 Jahre (4). Lange Wochenarbeitszeiten gehen also meist mit weniger Arbeitsjahren einher und umgekehrt - bezogen auf den gesamten Lebensverlauf ergibt sich so eine gewisse Konvergenz der Arbeitsvolumina. Deutlich über dem Durchschnitt (ca. 68.000 Stunden) liegt es in der Schweiz, in den Niederlanden ist es dagegen erheblich niedriger (5). Für den beschäftigungspolitischen Erfolg ist das Lebensarbeitszeitvolumen offensichtlich nachrangig. Bedeutsam ist aber die Dauer des Arbeitslebens: Länder mit einem langen Erwerbsleben weisen hohe Beschäftigungs- und niedrige Arbeitslosenquoten auf. Umgekehrt leiden Länder, in denen Arbeitnehmer früh in Ruhestand gehen, unter hohen Arbeitslosenquoten - auch hierfür ist Griechenland exemplarisch.

In den Niederlanden und in Deutschland sind in den letzten Dekaden Frühverrentungen eingeschränkt, das Ruhestandsalter angehoben und das Rentenniveau gekürzt worden, was die Sozialabgabenlast verringerte. Parallel dazu sind auch die Löhne nur mäßig gestiegen, so dass sich die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft verbesserte. Gleichzeitig haben sich die Beschäftigungsverhältnisse verändert: Stark zugenommen hat nicht nur die Teilzeitarbeit,  sondern auch der Anteil der Zeit- und Leiharbeiter und der Beschäftigten mit befristeten Verträgen. Diese Jobs bieten wenig Sicherheit und sind oft schlecht bezahlt. Allein sie haben es aber ermöglicht, dass die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland jüngst einen historischen Höchststand erreichte (6). Für das hohe Beschäftigungsniveau und den Exporterfolg ihrer Wirtschaft haben die Arbeitnehmer in Deutschland wie in den Niederlanden teuer bezahlt (7). Als Lohn für ihren Konsumverzicht und ihre Flexibilität müssen sie nun wieder bezahlen: In der Eurokrise sollen ihre Steuern den Zusammenbruch unproduktiver Volkswirtschaften hinauszögern und marode Bürokratien erhalten, die schon seit Jahrzehnten auf Pump leben. Die Europa-Nomenklatur vernebelt als „Solidarität", was schlicht Ausbeutung ist.

(1) Vgl. „Beschäftigung, Wochenarbeitszeiten und die Dauer des Arbeitslebens in Europa 2010" (Abbildung unten); „Arbeitslosigkeit in Europa" (Abbildung) in: http://www.i-daf.org/32-0-Nachricht-der-Woche.html. Siehe hierzu auch: „Erwerbsquoten und Wochenarbeitszeiten" (Abbildung unten).

(2) Zur Verbreitung von Teilzeitarbeit: „Beschäftigungsquoten in Europa 2010", ebd.

(3) Vgl.: „Beschäftigung, Wochenarbeitszeiten und die Dauer des Arbeitslebens in Europa 2010" (Abbildung unten).

(4) Vgl.: „Erwerbsarbeit und Lebenszeit in Europa" (Abbildung unten).

(5) Überschlägig lässt sich das Lebensarbeitszeitvolumen berechnen, indem man die Wochenarbeitszeit auf Jahre hochrechnet und diese mit den Arbeitsjahren multipliziert. Für die Schweiz ergeben sich dann 76424, für Griechenland 70711, für Dänemark 69220, und für die Niederlande 62057 Stunden. Es ist evident, dass für den wirtschaftlichen Erfolg das Arbeitsvolumen per se nicht ausschlaggebend ist, wesentlich wichtiger sind Kosten und Produktivität der Arbeit.

(6) Siehe hierzu: Statistisches Bundesamt: Licht und Schatten am Arbeitsmarkt, STATmagazin vom 11.01.2012.

 
Abbildungen:
 

 

 

 

 

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