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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

Nachricht der Wochen 14-15 / 2012

Kinderbetreuung  in Europa - Von Fortschritt, Rückschritt und „falschem Bewußtsein"

Regierung und Opposition, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Medien und „Wirtschaftsweise" sind sich einig: Mütter sollen weniger Zeit in die Erziehung ihrer Kinder investieren, stattdessen erwerbstätig sein und ihre Kinder in „professionelle" Hände geben. Abschied von Maternalismus nennen Soziologen diese Agenda und die Lobbyisten der OECD und der EU verkaufen sie als Rosskur zur Genesung kränkelnder Sozialstaaten. Ihre Medizin ist institutionelle Ganztagkinderbetreuung, die gegen verschiedenste Übel zugleich helfen soll - von der Armut alleinerziehender Mütter über den Fachkräftemangel bis zu Bildungsdefiziten (1). Hinderlich für die Sozialtherapeuten ist das „falsche Bewusstsein" von Eltern, die ihre Kinder selber erziehen wollen (2). Auf sie zielt eine „Kommunikationspolitik", die „gewachsene Verhaltensweisen" verändern will - „habit formation" nennt dies der jüngste Familienbericht (3).

Zu deren Mantras gehört die (west)deutsche Rückständigkeit im „internationalen Vergleich", für die ein „Müttermythos" verantwortlich sein soll. Als vermeintlich schlagender Beleg gilt das Wort „Rabenmutter" für erwerbstätige Frauen, das es nirgendwo sonst in Europa gebe (4). Empirische Studien zeigen indes ein anderes Bild: Westdeutsche beurteilen die Vereinbarkeit zwar skeptischer als Nordeuropäer, unterscheiden sich darin aber kaum von Niederländern, Briten oder Franzosen. Ungewöhnlich sind dagegen die Einstellungen der Ostdeutschen: Sie zweifeln von allen Europäern am wenigsten an der Vereinbarkeit der Erwerbstätigkeit von Müttern mit der Erziehung kleiner Kinder (5). Nur die Dänen haben noch eine ähnliche Einstellung. Sein und Bewusstsein bilden hier eine Einheit: Nach Spitzenreiter Dänemark gehört Ostdeutschland gemeinsam mit Schweden, Slowenien und Portugal zu den Ländern mit der umfassendsten institutionellen Kinderbetreuung. Nach offizieller EU-Statistik verbringen dort viele Kinder schon vor ihrem dritten Geburtstag den ganzen Tag in „formeller Kinderbetreuung", was bisher in Westdeutschland und den Niederlanden nur äußerst selten vorkommt (6). Sind die Niederlanden rückständiger als Ostdeutschland, Slowenien oder Portugal, weil Mütter häufiger ihre Erwerbsarbeitszeiten reduzieren, um ihre Kinder zu erziehen? Solche eigentlich naheliegenden Fragen stellen sich die „Berichterstatter" der OECD, der EU und auch der Bundesregierung sowie der hiesigen Medien nie; stattdessen preisen sie unentwegt Schweden und Dänemark, die dem der Rest der Welt den Weg weisen sollen (7).

Sozialingenieuren dienen diese kleinen und homogenen Länder seit Jahrzehnten als Blaupause ihrer „neuen" Gesellschaft; bevölkerungsreiche Industriestaaten wie die Vereinigten Staaten oder auch die Bundesrepublik bleiben - an OECD-Maßstäben gemessen - immer „rückständig": Hier stören der Föderalismus, die regionale Heterogenität und die Vielfalt der Lebensstile und Weltanschauungen. Aber dieser Pluralismus bringt es mit sich, dass viele Menschen andere Ansichten zu Familie und Kindererziehung haben als Politikberater: Sie zweifeln am Versprechen „früher Förderung" in Institutionen, misstrauen der Fremdbetreuung und wollen ihre Kinder vorwiegend zu Hause erziehen. Besonders verbreitet ist dieser „Maternalismus" bei religiös gläubigen Menschen, die deswegen auch der Vollzeiterwerbstätigkeit beider Eltern besonders skeptisch gegenüber stehen (8). Überzeugte Advokaten einer „Institutionenkindheit" können diese Skepsis nur als Ausdruck eines überholten „patriarchalischen" Familienverständnisses abtun. Empirische Analysen zeigen indes, dass die „Rollenverteilung" der Geschlechter für religiöse Menschen eher sekundär ist. Wichtiger ist ihnen, dass ein Elternteil - Mutter oder Vater - Zeit hat, sich um das Kind zu kümmern (9). Sie bewegt die Sorge um das Kindeswohl, die auch jene Kinderärzte umtreibt, die vor den Risiken früher Fremdbetreuung warnen (10). In der Politik und den „Leitmedien" stoßen sie mit ihren Bedenken aber auf taube Ohren; deren Meinungsführer haben sich entschlossen, einschlägige Erkenntnisse der Gehirn- und Hormonforschung und der Kinderpsychologie schlicht zu ignorieren (11). Dafür verkünden sie mit Inbrunst ihr Credo der „frühen Förderung", um die einseitige Subvention von Krippen zu rechtfertigen. Zugleich bekämpfen sie ein bescheidenes „Betreuungsgeld" für Eltern mit allen Mitteln der „Kommunikationspolitik" - „Propaganda" könnte man das wohlwollend auch nennen, bei weniger Wohlwollen wäre es „Manipulation".

 

(1) Diesen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel hat die Göttinger Soziologin Ilona Ostner schon vor einer Dekade hellsichtig analysiert: Ilona Ostner: Am Kind vorbei - Ideen und Interessen in der jüngeren Familienpolitik, S.247-266, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 22. Jg., Heft 3/2002.

(2) Hierzu I. Ostner: „Für ihr Kind unterbrechen „familialistische" Frauen ihre Kariere, wechseln von Vollzeit zu Teilzeit und behaupten sogar, mit dieser Entscheidung durchaus zufrieden zu sein [...]. Deshalb schätzen sie auch den Elternurlaub, wünschen sich möglicherweise nur ein verbessertes Erziehungsgeld.  [...] Offensichtlich handelt es sich hier um „falsches Bewusstsein", Verkennung der objektiven Lage, so auch die Sorge der OECD [...]." Ebd., S. 254-256.

(3) Vgl.: BMFSFJ (Hrsg.): Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik (Achter Familienbericht), Berlin 2012, S. 17.

(4) Prototypisch für diese Sichtweise: Uta Meier-Gräwe: Was ist Familie? Warum es einer begrifflichen Neujustierung bedarf, S. 4-15, in: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit - Vierteljahresschrift zur Förderung von Sozial-, Jugend- und Gesundheitshilfe, 39. Jg., Nr. 1/2009, S. 10.

(5) Vgl.: Angelika Dittmann/Jörg Scheuer: Berufstätigkeit von Müttern bleibt kontrovers, Einstellungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland und Europa, S. 1-5, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, Ausgabe 38, Juli 2007, S. 2 (Grafik 2).

(6) Siehe hierzu: „Ganztagsbetreuung von Kleinkindern in Europa" (Abbildung unten).

(7) Zu den aus dieser Perspektive unterbelichteten kulturellen Differenzen bemerkt I. Ostner: „Indem die Bundesrepublik am Schutz der Privatsphäre des Individuums - auch aus schlechter Erfahrung - festhält, teilt sie die Werte des Liberalismus, nicht des Konservatismus, mit den gewiss modernen, viel individualisierteren USA, mit Großbritannien und den Niederlanden, die ebenfalls der Tradition des Liberalismus verbunden sind. Der direkte Eingriff in die Privatsphäre der Bürger hat dagegen in Schweden eine sehr lange Tradition." Ilona Ostner: Am Kind vorbei, a.a.O., S. 253. S. 253.

(8) Dies ist zumindest für Deutschland empirisch eindeutig belegt. Siehe hierzu: „Kleinkinder, Erwerbspräferenzen und Religiosität" (Abbildung unten).

(9) Vgl.: Stefan Fuchs: Religion und Demographie. Erkenntnisse aus der empirischen Sozialforschung, S. 348-361, in: DIE NEUE ORDNUNG, 63. Jahrgang, Heft 5/2009, S. 356-357.

(10) Rainer Böhm: Die dunkle Seite der Kindheit, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. April 2012, S. 7.

(11) Auch dies hat I. Ostner treffend dargestellt: http://www.i-daf.org/178-0-Woche-23-2009.html.

 

Abbildungen:

 

 

 

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