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Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.
 

iDAF-Newsletter der Wochen 32-35 / 2012

Zitat der Wochen 32-35 / 2012

Die wichtigste Größe: Zeit

Der bekannte Pädagoge und Erziehungsforscher Heinrich Pestalozzi hat seine Erkenntnisse einmal in den drei großen Z, wie er sagte, zusammengefasst. Sie lauten: Zärtlichkeit, Zuwendung, Zeit. In diesen drei „Z" steckt in der Tat eine kleine summa paedagogica. Sie bezeichnen eine Haltung des Engagements und der inneren wie äußeren Verfügbarkeit. Sie machen ein viertes Z aus, das Zuhause. Und sie bedingen einander. Wer keine Zeit für die Erziehung hat, der kann sich faktisch nicht dem Kind zuwenden und ihm auch nicht die Zärtlichkeit und Liebe schenken, die es braucht. Vielleicht ist die Zeit sogar heute die wichtigste Größe unter diesen drei. Sie fehlt am meisten. Sie ist der Mangelfaktor Nummer eins. Denn viele Eltern haben zwar den guten Willen, liebevoll zu sein und sich ihren Kindern zuzuwenden. Aber sie sind nicht da, oder sie lassen sich die Zeit stehlen, meistens von der Arbeit, manchmal auch vom Fernsehen.

Martine und Jürgen Liminski: Abenteuer Familie, Augsburg 2004 (2.Auflage), S. 20.


 

Nachricht der Wochen 32-35 / 2012

Trotz dringender Appelle aus der Politik: Mütter wünschen sich Teilzeitjobs

Wäre Clausewitz heute Arbeitsmarktexperte? Der militärische Duktus der Politik sollte aufhorchen lassen: In ihrer „Demographie-Strategie" fordert die Bundesregierung „alle Potentiale zu mobilisieren" - nicht um die Streitkräfte-, sondern um die „Fachkräftebasis" der Wirtschaft zu sichern (1). Deren Nachschubkontingente leiden zunehmend unter Schwindsucht: Schon bis 2030 geht die Zahl der Erwerbspersonen im Alter zwischen 20 und 65 Jahren um 6 Millionen zurück (2). Programmiert ist damit nicht nur der Mangel an technisch versierten hellen „Köpfen" (Ingenieuren etc.), sondern auch an zupackenden Händen: In einer vergreisenden Gesellschaft werden diese Hände besonders in der Alten- und Krankenpflege dringend benötigt. Als Abhilfe gegen den Arbeitskräftemangel will die Regierung neben älteren und noch rüstigen Menschen besonders Frauen mobilisieren, die „das größte und am schnellsten zu aktivierende Erwerbspersonenpotenzial" darstellten. Zwar sei die Frauenerwerbsquote in der letzten Dekade um fast zehn Prozent gestiegen; von den Arbeitnehmerinnen seien aber mehr als 45 Prozent nur in Teilzeit und in einer „im europäischen Vergleich sehr niedrigen Wochenarbeitszeit" beschäftigt (3). Neben der Teilzeitarbeit missfällt der Regierung auch, dass noch immer viele Mütter mit kleinen Kindern zu Hause bleiben. Um das Erwerbspotential besser auszuschöpfen, sollen Frauen nach der Geburt ihrer Kinder schneller in den Erwerbsberuf zurückkehren und Arbeitnehmerinnen länger arbeiten (4).

Nach Darstellung der Regierung entspricht dies den Wünschen der Frauen. Nun streben zweifellos die meisten Mütter in Elternzeit an, wieder in den Erwerbsberuf zurückzukehren. Und manche teilzeitbeschäftigen Arbeitnehmerinnen würden auch gerne etwas länger arbeiten. Gleichzeitig gibt es aber auch sehr viele Arbeitnehmerinnen, die kürzere Arbeitszeiten präferieren: So wünscht sich die große Mehrheit der in Vollzeit beschäftigten Mütter weniger Erwerbsarbeit, um mehr Zeit für die Familie haben (5). Mit ihren Lebensverhältnissen sind diese Mütter - wie das sozioökonomische Panel zeigt - im Durchschnitt unzufriedener als in Teilzeit beschäftigte oder nicht-erwerbstätige Mütter. Ein Grund dafür ist sicher die Mehrfachbelastung durch Erwerbstätigkeit, Haushalt und Familie, die meist weniger Selbstverwirklichung als „Stress" bedeutet. „Karrierefrauen" mag ihr Berufserfolg für diese Mühen entschädigen; für die meisten Mütter ist dieses Lebensmodell unattraktiv - sie bevorzugen Teilzeitlösungen oder - wenn die Kinder noch klein sind - sogar eine zeitweilige Erwerbspause (6).

Diese Wünsche laufen den arbeitsmarktpolitischen Planvorgaben zuwider, weshalb Politiker wie Medienleute sie geflissentlich ignorieren. In ihrem Weltbild dürfen Vollzeit-Erwerbskarriere und Familie einfach keine Gegensätze sein: Mit dem Outsourcing alltäglicher Familienarbeit und dem richtigen Management der „Qualitätszeit" für Kinder meinen sie „Vereinbarkeit" herstellen zu können (7). Nach diesem Modell könnte mehr Frauenerwerbstätigkeit sogar mit höheren Geburtenraten einhergehen - wofür stets die Länder Nordeuropas als Vorbild dienen. In Skandinavien bekommen Frauen mehr Kinder als in Deutschland, obwohl sie häufiger in Vollzeit erwerbstätig sind. Als „Vollzeit" gelten allerdings schon etwa 32 Arbeitsstunden in der Woche und genauso so lange sind dort sehr viele Frauen beschäftigt. Trotz der relativ kurzen Vollzeitwochen entscheiden sich aber viele Mütter für Teilzeitarbeit (<30 Stunden), wie die starke Zunahme der Teilzeitjobs in den letzten Jahren zeigt (8). Im Gegensatz dazu sind in geburtenschwachen Ländern wie Portugal, Griechenland und Mittelosteuropa Teilzeitarbeitsplätze relativ selten und die Wochenarbeitszeiten deutlich länger (9). Der Entscheidung für Kinder ist das offensichtlich abträglich - im statistischen Durchschnitt betrachtet fällt im europäischen Vergleich mit der Länge der Wochenarbeitszeiten von Frauen die Geburtenrate (10). Mit den nichtgeborenen Kindern fehlen später die Arbeitskräfte;  allein aus diesem Grund schon ist es kurzsichtig, Frauen nur als Reservearmee für den Arbeitsmarkt und nicht auch als Mütter zu behandeln.

 

(1) Bundesministerium des Innern: Jedes Alter zählt. Die Demografiestrategie der Bundesregierung, Berlin 2012, S. 79 sowie S. 50 (detaillierte Zahlen zu den zu mobilisierenden Potentialen).

(2) Vgl. ebd., S. 18.

(3) Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Abgeordneten Franz Müntefering, Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Heinz-Joachim Barchmann, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Der demografische Wandel in Deutschland - Handlungskonzepte für Sicherheit und Fortschritt im Wandel. Deutscher Bundestag - Drucksache 17/6377 -, Berlin 2012,  S. 12.

(4) Vgl. ebd., S. 12-13.

(5) Vgl.: Christina Klenner/Svenja Pfahl: Jenseits von Zeitnot und Karriereverzicht - Wege aus dem Arbeitszeitdilemma, S. 259-290, in:  Martina Heitkötter et al (Hrsg.): Zeit für Beziehungen? Zeit und Zeitpolitik für Familien, Opladen 2009, S. 272.

(6) Berta van Schnoor/Susanne Seyda: Wie zufrieden sind Männer und Frauen mit ihrem Leben? S. 23-42, in: Roman-Herzog-Institut (Hrsg.): Wie viel Familie verträgt die moderne Gesellschaft, München 2011, S. 34-36 (zur Lebenszufriedenheit) sowie S. 37 (zu den gewünschten Erwerbskonstellationen).

(7) Besonders charakteristisch für diese Managern eigene Sicht ist der Vorschlag  von Regierungssachverständigen zu sog. „Familienzeitkrediten": http://www.i-daf.org/181-0-Woche-24-2009.html.

(8) Die Zunahme der Teilzeiterwerbstätigkeit zeigen die entsprechenden Tabellen auf der Homepage von Eurostat (Teilzeitbeschäftigte Personen). Dort finden sich auch Tabellen zur Länge der Wochenarbeitszeiten, noch detaillierte Zahlen dazu präsentiert die OECD auf ihrer Homepage (LMF10: The distribution of working hours among men and women).

(9) Zu den Erwerbsquoten, Teilzeitquote und Wochenarbeitszeiten in Europa: „Beschäftigungsquoten in Europa 2010" (Abbildung unten) in: http://www.i-daf.org/443-0-Wochen-4-5-2012.html; Beschäftigung, Wochenarbeitszeiten und die Dauer des Arbeitslebens in Europa 2010" (Abbildung unten), http://www.i-daf.org/446-0-Wochen-6-7-2012.html.

(10) Siehe hierzu: „Arbeitszeitregime und Fertilität in Europa" (Abbildung unten).

 

Abbildung:

 

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